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Test-Alltag

Formel 1 zum Anfassen

Foto: Wolfgang Wilhelm

Die Formel 1 ist heute zu einem großen Geschäft geworden. Aus Angst vor zu tiefen Einblicken schotten sich die meisten Teams ab. Bei Testfahrten bietet sich für die Fans allerdings noch eine der wenigen Gelegenheiten, die Stars einmal hautnah zu erleben.

29.02.2008

Essenszeit. Es ist 13.00 Uhr. Vor dem Eingang zum Ferrari-Zelt drängeln sich die Fans, ein paar davon stilecht in roten Jacken und roten Mützen. Es sind nur noch fünf Meter, die Michael Schumacher zurücklegen muss. "Entweder, wir gehen auf ihn zu, oder wir warten hier", sagt ein deutscher Fan, in der Hand ein Foto des Formel-1-Rekordweltmeisters. Noch ehe er seinen Satz beendet hat, verliert sein Begleiter die Geduld und eilt auf Schumacher zu. Er selbst verharrt vor der Eingangstür. Doch alle Strategien bleiben vergeblich. Schumacher macht diesmal auch per pedes Tempo und verschwindet im Zelt.

McLaren errichtet Schutz-Wall

Eigentlich ist es die beste Zeit für Fans, ihren Idolen ganz nah zu kommen. Nach den morgendlichen Testrunden auf der eher schmucklosen Rennstrecke nahe Barcelona machen alle Piloten eine Pause, um sich für den Nachmittag zu stärken. Wenn da nicht der Weg zum eigenen Motorhome und wieder zurück zum Dienstwagen wäre. Nur McLaren-Mercedes, neben Ferrari derzeit Branchenführer, hat im wahrsten Sinne des Wortes vorgebaut. Nach den hässlichen Vorfällen vor einigen Wochen an selber Stelle, als es Schmährufe und teilweise rassistische Pöbeleien gegen den dunkelhäutigen Vizeweltmeister Lewis Hamilton hagelte, haben die Silbernen kurzerhand eine Absperrung aufbauen lassen. Zwei gelangweilte Wachleute haben am Behelfszaun Posten bezogen. So ist für die Fans schon 30 Meter vor dem Ende des Fahrerlagers Schluss.

Doch am letzten der drei Testtage gibt es auch hier etwa zwei Dutzend Glückliche, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Denn plötzlich zeigt sich Hamilton seinen Fans. Für ein paar Minuten kommt der Brite an den Zaun, schreibt Autogramme und lässt sich mit seinen Anhängern fotografieren. Stolz drückt ein Fan seine kleine Tochter dem 23-Jährigen in den Arm und hält den Moment mit seiner Digitalkamera fest. Auch wenn Hamilton über die Hass-Tiraden zu Monatsbeginn nicht mehr reden will - "ich schaue nach vorne" - zaubert die Zuneigung der Fans dem britischen Strahlemann ein ganz breites Lächeln ins Gesicht.

Dabei hat er kurz vor dem Saisonstart mit dem Großen Preis von Australien ohnehin Grund zur Freude. An zwei der drei Tage erzielt Hamilton die beste Zeit aller Piloten, lässt dabei den finnischen Weltmeister Kimi Räikkönen und den auch anderthalb Jahre nach seinem Rücktritt irgendwie immer noch als Richtgröße geltenden Schumacher hinter sich. Auch wenn es nicht zwangsläufig heißen muss, dass der ein Jahr nach seinem Debüt längst zum Superstar aufgestiegene Hamilton in Melbourne im 18. Rennen seiner Karriere den fünften Sieg einfahren wird, so dienen die finalen Testkilometer vor dem Auftakt allen Teams als Gradmesser.

Kräfteverhältnis bleibt verborgen

"Es ist klar, dass man probiert, sich ein Bild zu machen", sagt Nick Heidfeld und meint damit auch den ständigen Blick auf die Zeiten der Konkurrenz. Der Mönchengladbacher war im BMW-Sauber im vergangenen Jahr als Fünfter bester Deutscher in der Post-Michael-Schumacher-Ära. In der neuen Saison will er mit dem deutschen Rennstall endlich den ersten Sieg einfahren. Doch vom ewigen Kampf der Fahrer und Ingenieure um ein paar Hundertstelsekunden bleibt der Öffentlichkeit das meiste verborgen. Relativ geheim wird nicht erst seit der Spionage-Affäre um McLaren-Mercedes und Ferrari sowie um Renault so vieles in der Formel 1 gehalten. "Wir haben ein bisschen mehr Informationen als die Medien beispielsweise", betont Heidfeld immerhin. "Wenn man nur die schnellsten Rundenzeiten bekommt, ist es deutlich schwieriger, sich ein Bild zu machen, als wenn man jede einzelne Runde hat und diese analysiert."

Es geht um Benzinmengen, die "Setups" und die Strategien. In die Geheimnisse dieser Welt werden Außenstehende nur ungern eingeweiht. "Wir haben ein komplettes Rennen simuliert", verrät Nico Rosberg aus Wiesbaden. Soll heißen: Boxenstopps und Reifenwechsel an Rosbergs Williams-Toyota inklusive. Nach 108 Runden zum Auftakt war Rosbergs Arbeitstag erledigt - fast. Denn anschließend warten stets Journalisten auf die Schilderungen der Piloten. Rosberg erscheint im lässig-sportlichen Outfit mit Wollmütze über den blonden Haaren - ganz getreu seinem Motto: "Wir machen die Formel 1 cooler."

Gut gelaunt plaudert Rosberg los und wundert sich, dass sein Vater Keke, Weltmeister 1982, nun endgültig als Fernseh-Kommentator für den deutschen Bezahlsender Premiere arbeitet und künftig auch die Leistungen des Sohnes vor laufender Kamera sezieren wird. "Ich erfahre das wieder als Letzter", sagt Rosberg junior mit einem Schmunzeln.

Komfort für unterwegs

Dafür zählt Rosberg zu den ersten, die nach getaner Arbeit ihre Unterkunft erreichen. Der 22-Jährige übernachtet nur wenige Meter entfernt von der Teamgarage in seinem eigenen Wohnmobil. Schwarz-grau funkelt das beeindruckende Vehikel mit den Ausmaßen eines Mini-Einfamilienhauses. Auf dem Nummernschild prangen Rosbergs Initialen NR, dahinter die Zahl 2006 - das Jahr seines Einstiegs in die Formel 1, nachdem er in der Nachwuchsklasse GP 2 den Titel gewonnen hatte.

Rosberg und Heidfeld haben die größten Erfolgschancen unter den fünf deutschen Stammpiloten, die in diesem Jahr an den Start gehen werden. Allerdings wird zum ersten Mal seit 1990 keiner der Schumacher-Brüder dabei sein. Für Ralf Schumacher, den das Karriereende in der Königsklasse ein Jahr nach dem Rückzug seines Bruders eher unfreiwillig ereilte, steigt nun Timo Glock aus Wersau in den Toyota. Sebastian Vettel aus Heppenheim im Toro Rosso und Adrian Sutil aus Gräfelfing im Force India komplettieren das schwarz-rot-goldene Quintett.

Auf Sutil wartet eine ganz besondere Herausforderung. Das ehemalige Spyker-Team, bisher zumeist als Hinterherfahrer belächelt, hat im indischen Milliardär Vijay Mallya einen neuen Besitzer und einen neuen, dynamisch klingenden Namen: Force India. "Für die Inder ist es eine Sache der Ehre. Niemand hat gedacht, dass eines Tages ein Formel-1-Auto unter indischen Fahne fahren würde", sagt Mallya mit einer gehörigen Prise Nationalstolz. Geht es nach ihm, soll der Deutsche Sutil als einer von zwei Piloten Erfolge einfahren, damit Millionen Inder stolz machen und der Formel 1 einen neuen Markt eröffnen.

Doch in der VIP-Loge seines Teams klingt Sutil noch etwas skeptisch. Stabiler sei das Auto geworden, "was sehr hilfreich ist. Aber wir haben immer noch zu viel Luftwiderstand auf der Geraden. Wir sind einfach zu langsam. Das müssen wir hinkriegen", fordert der 25-Jährige in nüchternem Tonfall.

Kein Hobby sondern Geschäft

Zwei Stunden später lümmelt sich sein neuer Chef in einen weißen Sessel in der stickigen Loge direkt über der Boxengasse. Der Multi-Unternehmer krächzt und hustet, längst ist die Stimme rau vom vielen Reden mit Journalisten, VIP-Gästen und Sponsoren. Der Lärm ist ohrenbetäubend, das Dröhnen der hochgezüchteten Motoren verschluckt so manchen Satzfetzen des massigen 52-Jährigen. Für Mallya, den einige bereits für eine indische Ausgabe des zuweilen schrillen Renault-Teamchefs Flavio Briatore halten, zählt auch bei seiner jüngsten Investition nur eins: schneller Erfolg.

"Vergessen Sie nicht, dies ist kein Hobby, sondern ein sehr teures Geschäft", sagt Mallya und wischt sich mit einer Papierserviette den Schweiß von Stirn und Nacken. Der Saisonetat von Force India liegt bei 120 Millionen Dollar, Mallya und seine Geschäftspartner haben das Vorjahresbudget mal eben verdoppelt.

Dass neben Mallya auch Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz, Milliardär aus Österreich eigens zu den Testfahrten anreist, unterstreicht deren Bedeutung. Allerdings verpasst Mateschitz den Gastauftritt des als WM-Aspirant der Zukunft gehandelten Sebastian Vettel im Red Bull. Der 20 Jahre alte Toro-Rosso-Pilot muss kurzerhand für den leicht verletzten Routinier David Coulthard das Cockpit beim Schwester-Rennstall übernehmen. Er erledigt seine Aufgabe mit Bravour, wird Siebter und ist kurz darauf auch bei der Abreise der Schnellste. Eine Stunde nach Testende wartet schon wieder der Flieger auf den vielbeschäftigten Twen.

Insgesamt spulen die Piloten sage und schreibe 4.679 Runden an den drei Tagen auf dem 4,655 Kilometer langen Katalonien-Kurs ab. Und wer im Auto noch nicht genug Gas gegeben hat, der drückt auch noch als Fußgänger auf die Tube. So wie Lokalmatador Fernando Alonso. Während die Anhänger des Spaniers an der Absperrung vor dem Renault-Zelt mit gezückten Handykameras ausharren, nimmt der zweimalige Weltmeister den Hinterausgang und spurtet im Rücken seiner Fans flugs hinein in die Box. Die Mittagspause ist vorbei.

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