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Timo Glock

F1-Training mit System

Timo Glock Foto: Daniel Reinhard 7 Bilder

Fitness gehört zum Rüstzeug eines Rennfahrers. Aus simplem "Fit for fun" wurde eine Wissenschaft. Timo Glocks Saisonvorbereitung zeigt, warum Formel 1-Fahrer wahre Hochleistungssportler sein müssen.

19.03.2009 Michael Schmidt

Der Ort ist fast so etwas wie seine zweite Heimat geworden. Timo Glock besucht regelmäßig die Sportklinik von Bad Nauheim. 2007 war er zweieinhalb Monate da. Wenn er über den Winter nicht in seinem Toyota testet, bezieht er zum Trainieren im Taunus Quartier. Nach dem Saisonfinale in Brasilien gönnte sich Glock gerade mal eine Woche Urlaub. "Ich kann nicht wochenlang rumhängen. Wenn ich nichts tue, werde ich unruhig."

Vorbereitung im Odenwald

Im September 2006 kam er nach einem GP2-Unfall in Monza zum ersten Mal mit Klinikchef Johannes Peil in Kontakt. BMW-Teamchef Mario Theissen hatte den Tipp gegeben. Auch die Lage war praktisch. "Bad Nauheim liegt nur 60 Kilometer von meiner alten Heimat entfernt." Inzwischen hat der Kämpfer aus dem Odenwald dort ein eigenes Zimmer. Nummer 20 ist für Glock reserviert. Ein typischer Tag beginnt mit einer Stunde auf dem Fahrrad, gefolgt von zwei Stunden Kraftraum, einer Stunde Laufen, 90 Minuten Squash, wahlweise auch Tennis oder Klettern.

Die Trainingspläne, die Christian Zepp für den Toyota-Piloten aufstellt, sind so gewählt, dass die Quälerei nie langweilig wird. "Nur Laufen, Radfahren und Gewichte stemmen kann dir schnell zum Hals raushängen", bestätigt Glock. Kraxeln an der Kletterwand stärkt die Unterarme, Handgelenke und Finger und auch das Denkvermögen. Man muss überlegen, wo man den nächsten Schritt setzt, um möglichst schnell die Wand hochzukommen. Squash fördert die Schnelligkeit und die Reaktion. "Du musst wie in der Formel 1 Situationen vorausahnen und viele Schritte schnell im Kopf abarbeiten."

Gezieltes Krafttraining

Auf 30 Wochenstunden Training folgen zwei Tage Regeneration. Die Übungen und die Ernährung sind maßgeschneidert für Glock, der im Gegensatz zu dem schlaksigen Sebastian Vettel eher kompakt gebaut ist. "Es würde keinen Sinn machen, Timos Beinmuskulatur zu stärken. Er bringt seine Leistung nicht mit den Beinen. Wir trainieren seine Defizite", erklärt Peil. Einer dieser Schwachpunkte war, dass die linke Körperhälfte des Rechtshänders von der Muskulatur im Vergleich zur rechten schlechter ausgebildet war. Peil: "Wir haben lange daran gearbeitet, das auszugleichen. Auch konditionell hat sich Timo stark verbessert."
 
Das alte Bild eines Rennfahrers, der zwischen den Rennen am Strand von Ibiza ausspannt, ist längst überholt. "Formel 1-Piloten sind absolute Hochleistungssportler", bekräftigt Peil. "Sie müssen von Kopf bis Fuß stabil gebaut sein. Bei Fußballern hört es ab der Hüfte auf." Im Gegensatz zu vielen anderen Athleten gibt es für Rennfahrer kaum Erholungszeiten. Die Herumreiserei ist nicht nur eine physische Belastung, sondern auch psychischer Stress. "Nach der Saison ist vor der Saison", doziert Peil und lobt seinen Klienten. "Timo hat die richtige Einstellung. Er ist nach dem letzten Rennen so schnell wie möglich an den Platz zurückgekehrt, an dem er sich quälen muss."

Kraft ist nicht alles, auch wenn der Toyota-Pilot die 20-Kilogramm-Hanteln links und rechts in zwölf Wiederholungen scheinbar mühelos nach oben stemmt. Zu viele Muskeln bedeuten Gewicht. Mit dem Hybridantrieb an Bord wird jedes Extrakilo Ballast zum Luxus. "Mein Idealgewicht liegt bei 64 Kilogramm. Alles darunter wäre kontraproduktiv", sagt Glock.

Konzentration dank Kondition

Wer entspannt hinter dem Lenkrad sitzt, reagiert in kritischen Situationen besser. Glock joggt seine zehn Kilometer mit Blick auf den Pulsmesser: "Ziel ist es, dass der Puls nicht über 140 steigt." Sein medizinisches Gewissen fügt hinzu: "Konzentration ist ohne Kondition nicht möglich. Wie oft erleben wir, dass in der zweiten Rennhälfte die letzten zehn Prozent Fitness entscheiden? Wie oft brechen Fahrer in der zweiten Saisonhälfte ein?"
 
Früher, zu ChampCar-Zeiten, war Glock sein eigener Herr. Beim heutigen Trainingsumfang geht ohne persönlichen Betreuer gar nichts. Zu den Rennen reist Physiotherapeut Axel Thielmann mit Glock. Er massiert die Wehwehchen weg, er passt auf, dass die Trainingseinheiten auch unterwegs genau eingehalten werden.
 
Glock räumt ein, dass auch er seine faulen Phasen hat. "Du brauchst immer einen, der dir in den Hintern tritt." Und der hilft, wenn Krankheiten auftreten. So wie in Budapest und Valencia, als Glock in den letzten Runden unter Magenkrämpfen litt. "Im Spitzensport kann die psychische Belastung eine Vielzahl von Symptomen hervorrufen. In Extremfällen wird selbst das komplexe Immunsystem geschwächt", weiß Peil.

Entspannung nach Stressphasen

Zur körperlichen Konstitution gehört auch die Psyche. In Bad Nauheim kann Glock die Seele baumeln lassen. Er gibt zu, dass ihn die entscheidende Szene des GP Brasilien, in der er unfreiwillig zum Meistermacher von Lewis Hamilton wurde, vier Wochen lang beschäftigt hat. "Ich bekam Drohbriefe, wurde als Nazi und Verräter beschimpft." Der WM-Zehnte war trotz seines zweiten Platzes beim GP Ungarn noch nie derart im Mittelpunkt des Interesses gestanden wie bei jenem denkwürdigen Finale in Sao Paulo.
 
"Da kamen im Ziel Leute auf mich zu, die ernsthaft wissen wollten, warum ich in der letzten Runde nicht schneller gefahren bin. Die wollten nicht verstehen, dass es auf Trockenreifen im Regen nicht schneller ging." Peil erkennt sofort einen Verbesserungsbedarf: "Timo sollte etwas egoistischer werden. Das ist in solchen Fällen ein guter Selbstschutz."
 
Seit Glock in Bad Nauheim trainiert, hat sich seine Fitness "um 30 bis 50 Prozent" verbessert. Beim Nachtrennen in Singapur hat der 26-jährige Hesse gemerkt, dass sich die Schinderei lohnt. "Das härteste Rennen des Jahres. Die Hitze, die vielen Bodenwellen und überall Mauern: Der kleinste Fehler, und es wäre vorbei gewesen." Jetzt, wo die Formel 1 das Testprogramm dramatisch reduziert hat, wird statt Jerez, Valencia oder Bahrain öfter Bad Nauheim in Glocks Terminkalender stehen. Zimmer 20 wartet schon.

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