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Formel 1: Timo Glock exklusiv im Interview

"Wir müssen mehr Hirnschmalz einsetzen"

Timo Glock Foto: Virgin Racing 15 Bilder

Timo Glock macht sich für die Formel 1 mit Intensivtraining in Spanien fit. Am 4. Februar sitzt er zum ersten Mal in seinem neuen Rennauto. Der Ex-Toyota-Pilot spricht mit auto-motor-und-sport.de über seinen neuen Rennstall Virgin, über die Saison 2010 und seinen Langzeitplan.

22.01.2010 Michael Schmidt

Wo sind Sie gerade?
Glock: Ich trainiere gerade in Spanien. Ich bin wegen des kalten Wetters in Deutschland für zehn Tage hier runter gefahren, um mich optimal vorbereiten zu können. Es hat sich wirklich gelohnt.

Was machen Sie sonst so, in einem Winter ohne Testfahrten?
Glock: Ich war öfter mal in England in der Fabrik und bin auch viel im Simulator gewesen. Im letzten Jahr bin ich fünf Mal rübergeflogen, in diesem Jahr bis jetzt schon drei Mal.

Wie gut ist der Simulator von Virgin?
Glock: Der ist sehr gut, aber jetzt kommt noch ein zweiter, in den wir ein ganzes Monocoque reinstellen können. Der wird noch mal einen Schritt besser sein.

Wann sitzen Sie zum ersten Mal in ihrem neuen Auto?
Glock: Am 4. und 5. Februar in Silverstone. Danach geht es zu den offiziellen Tests nach Jerez.

Warum sind Sie nicht beim ersten großen Test in Valencia dabei?
Glock: Wir haben uns das überlegt, uns dann aber für Silverstone entschieden. Als neues Team dürfen wir ja einen Funktionstest außerhalb der offiziellen Termine wahrnehmen. Silverstone liegt bei uns vor der Haustür. Wenn in Valencia etwas schiefgelaufen wäre, hätten wir nicht so schnell reagieren können. Vor allem wenn etwas Gröberes passiert, was ich nicht hoffe.

Wie sieht das neue Auto aus?
Glock: Das eine oder andere Detail ist schon speziell. Das Auto wird gut ausschauen. Die anderen werden vielleicht etwas überrascht sein, dass wir als neues Team den ein oder anderen aggressiveren Weg gegangen sind.

Ist der Cosworth-Motor so gut, wie man in der Szene munkelt?
Glock: Was spricht man denn so? Die Zahlen sind gut genug für einen guten Anfang, aber ich warte mit Kommentaren ab, bis ich im Auto sitze. Ich hoffe, dass die Daten auch auf die Strecke übertragbar sind.

Um die neuen Teams gibt es viele Gerüchte: Kein Geld, Autos nicht fertig, Saison in Gefahr. Trifft das auch auf Virgin zu?
Glock: Also wir sind voll im Fahrplan, und das Budget steht. Ich mache mir da keine Gedanken. Die Gerüchte haben vielleicht auch damit zu tun, dass im Moment wenig in der Formel 1 passiert. Dann kommen dann schnell Geschichten hoch.

Haben Sie sich zu früh auf ein Cockpit festgelegt? Es waren ja noch lange Plätze bei Sauber und Renault frei.
Glock: Als ich meine Entscheidung traf, gab es einige Optionen. Bei Renault wusste man nicht exakt, wie das künftige Management aussehen würde. Auch bei Sauber war lange alles offen. Wir haben oft gesprochen, aber man konnte mir zu dem Zeitpunkt auch nicht sagen, wie es weitergeht. Mit anderen Top-Teams hatte ich Kontakt, aber das war sehr vage. Ich wollte aber diese Entscheidung treffen. Mir gefällt das Projekt von Virgin sehr gut. Ich bin überzeugt davon und habe zugegriffen.

Was erwarten Sie sich von der ersten Saison?
Glock: Vor den ersten Testfahrten kann man gar nichts sagen. Erst dann wissen wir, wo wir stehen. Im ersten Jahr wird es sicher schwierig. Ich will ein paar Überraschungsmomente setzen. Die entscheidende Frage ist aber: Wie gut ist unsere Basis? Wir versuchen so schnell wie möglich Richtung Top Ten vorzustoßen und um Punkte kämpfen zu können. Es wäre genial, wenn wir das in unserer ersten Saison schaffen könnten. Das ist natürlich verdammt schwer.

Wie viele Jahre müssen Sie in ein Projekt wie Virgin investieren, bis es richtig läuft?
Glock: Nach drei Jahren kannst du da schon etwas erreichen. Vielleicht auch schon früher. Die Entwicklung des Autos am Computer mit CFD-Technik, so wie wir das machen, das ist die Zukunft. Da werden alle mal hinkommen. Die Schnelligkeit der Entwicklung ist genial, das sehe ich jetzt schon. Wenn alles nach Plan läuft, können wir da schnell nach vorne kommen.

Was ist für ein neues Team die größere Baustelle: Speed oder Zuverlässigkeit?
Glock: Bei neuen Teams ist normalerweise die Zuverlässigkeit das große Thema. Vom Speed her sollten wir uns nicht blamieren. Das mit der Zuverlässigkeit hat sich in den letzten Jahren aber auch entschärft. Die Teams bauen ihre Autos zusammen, und sie laufen in der Regel auch ohne größere Schwierigkeiten. Ich hoffe, dass wir das genauso hinbekommen. Bis jetzt haben alle neuen Teile auf den Prüfständen ohne Probleme funktioniert. Es gab noch nichts, was nicht gepasst hätte. Deshalb sollten wir ohne größere Katastrophen auf die Strecke gehen können, um mit dem Testprogramm zu beginnen.

Sie kommen von Toyota, einem der größten Teams, zu einem kleinen Privatrennstall. Ein Kulturschock?
Glock: Nein, eigentlich nicht. Ich habe mich vor dem ersten Besuch bei Virgin gedanklich darauf vorbereitet, dass jetzt alles eine Nummer kleiner abläuft. Ich bin happy, dass ich jetzt für ein kleineres Team arbeite. Da sind die Entscheidungswege viel kürzer. Alles läuft effizienter ab. Natürlich gab es in der Produktion bei Toyota ganz andere Möglichkeiten. Die haben halt schnell mal zwei, drei unterschiedliche Frontflügel mehr produziert und ausprobiert. Bei Virgin müssen wir diesbezüglich halt mehr Hirnschmalz einsetzen. Beim längeren Nachdenken kommt manchmal auch eine bessere Idee dabei rum. Ich habe meine Erfahrungen mit einem Riesen-Team gemacht. Das hat Vor- und Nachteile. Jetzt freue ich mich darauf, Teil einer kleineren, eingeschworenen Truppe zu sein.

Wann werden die kleinen Teams davon profitieren, dass die großen wegen der Ressourcenbeschränkungen zurückrüsten müssen?
Glock: Das kann in zwei Jahren anfangen zu greifen. Wenn du 650 Mitarbeiter auf 280 reduzieren musst, dann fangen intern viele politische Spielchen an, die du im Rennsport nicht gebrauchen kannst. Es ist sicher einfacher, 150 Mitarbeiter wie in unserem Fall auf das Limit von 280 in zwei Jahren aufzustocken. Das gleiche gilt für die Budgets. Da musst du Strukturen ändern, wenn weniger Geld zur Verfügung steht.

In diesem Jahr stehen die Deutschen Fahrer im Schatten von Michael Schumacher. Ist das eine neue Dimension für euch?
Glock: Es ist ein Riesen Highlight, dass Michael zurückkommt. Ihr Journalisten stürzt euch dann alle auf ihn und wir anderen Piloten haben mehr freie Zeit. Für mich wird sich da allerdings nicht viel ändern.Ich schaue auf mich selbst und nicht auf andere. Ob es mehr oder weniger Aufmerksamkeit gibt, bringt mich nicht weiter. Es ist wie es ist. Wenn sich alles auf Schumacher stürzt, ist das in Ordnung. Ich hoffe, dass sich die Leute so früh wie möglich wieder auf mich stürzen. Was bei der ein oder anderen Überraschung vielleicht der Fall sein kann.

Was trauen Sie Schumacher zu?
Glock: Dem traue ich alles zu. Er ist gut. Das Auto wird gut sein. Sie haben eine gute Basis. Jetzt ist die Frage, inwieweit sie den nächsten Schritt machen können. In die Top fünf kommt er auf jeden Fall, in die Top drei mit einem guten Auto, und wenn alles nach Plan läuft, kann er um die WM mitfahren.

Hat Sie sein Comeback überrascht?
Glock: Als die ersten Gerüchte aufkamen, hat es mich schon überrascht. Als dann immer mehr spekuliert wurde, habe ich es erwartet. Man hat ja an den vielen Kartrennen der letzten Wochen gemerkt: Der ist wieder heiß. Das Fragezeichen war dann nur noch der Nacken.

Ist Nico Rosberg bedauernswert oder beneidenswert?
Glock: Bedauernswert ist sicher der Punkt, dass er sich das ganze am Anfang anders vorgestellt hat. Er kommt als Deutscher in ein deutsches Team mit der Mercedes-Power im Rücken. Da hat er zunächst mal eine Riesennummer gelandet. Jetzt ist die Situation für ihn schwieriger geworden.

Sie kennen Rennen ohne Tankstopps aus der GP2-Serie. Ist das vergleichbar mit dem, was Sie 2010 in der Formel 1 erwartet?
Glock: Du warst als Fahrer etwas mehr auf dich selbst gestellt und konntest im Rennen mehr machen. Aber die GP2-Rennen sind viel kürzer als ein Grand Prix. Die haben nur eine Stunde gedauert, und du hattest 80 statt 160 Kilo Sprit am Start im Auto. Das ist schon ein großer Unterschied. Ich würde sagen: Ein GP2-Rennen hat sich wie ein Einstopprennen in der Formel 1 angefühlt.

Was erwarten Sie vom neuen Rennformat?
Glock: Entscheidend wird das erste Renndrittel. Wer hat Probleme mit den Bremsen und den Reifen? Du musst viel mehr agieren statt reagieren, und du musst jede Chance nutzen, die sich dir bietet, weil du nicht weißt, wann die anderen an die Boxen kommen. Gerade im ersten Renndrittel kannst du da mehr machen. Es wird Fahrer geben, die mit viel Sprit an Bord mehr Probleme haben als andere. Mit 160 Kilo Benzin an Bord werden die Bremswege länger, und dadurch ergeben sich Möglichkeiten zum Überholen.

Wer ist Ihr WM-Favorit?
Glock: Da sage ich lieber erst etwas nach den Testfahrten, nachdem letztes Jahr alle Prognosen so über den Haufen geworfen wurden. Wer hat schon an BrawnGP und Red Bull gedacht? Dieses Jahr wird es an der Spitze ein Vierkampf zwischen Mercedes, McLaren, Red Bull und Ferrari. Das wird eine heiße Nummer.

Letztes Jahr betrugen die Abstände vom ersten zum letzten teilweise nur 1,5 Sekunden. Wie weit geht die Schere 2010 wieder auf?
Glock: Mit den neuen Teams können die Abstände auf zwei, zweieinhalb Sekunden anwachsen. Ich hoffe, dass das bei uns nicht der Fall ist.

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