Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Ein Auto für alle Fälle

Mercedes-Ohrfeige für Red Bull

Lewis Hamilton - GP Italien 2016 Foto: sutton-images.com 25 Bilder

Mercedes hat die Konkurrenz in Monza zerstört. Ferrari und Red Bull fuhren in der zweiten Klasse. Der Vorsprung hat nur zu einem Teil mit dem Motor zu tun. Die Allzweckwaffe Mercedes W07 hat für die Anforderungen in Monza die perfekte Aerodynamik.

09.09.2016 Michael Schmidt 1 Kommentar

Es war eine schallende Ohrfeige. Ferrari lag in der schnellsten Trainingsrunde in Monza 0,837 Sekunden hinter Mercedes. Bei Red Bull waren es 1,254 Sekunden. Hinterher stellten sich alle die Frage: Warum war Mercedes gerade in Monza so stark? Im letzten Jahr fielen die Abstände geringer aus. Da fehlten Ferrari nur 0,234 Sekunden.

Die Überlegenheit von Mercedes war so groß, dass Nico Rosberg und Lewis Hamilton mit jeder Taktik gewonnen hätten. Wahrscheinlich auch mit 3 Stopps. Deshalb wurden sie gegen den Trend mit nur einem Reifenwechsel über die Distanz geschickt. Weil die Mercedes-Fahrer die einzigen waren, die das Q2 mit den Soft-Reifen überstehen konnten und auch die einzigen, die den Medium-Reifen zum Arbeiten brachten. Für Ferrari und Red Bull stellte sich die Frage nach einem Stopp gar nicht.

Mercedes-Kunden trotz Mercedes-Motor zu langsam

Monza ist eine Motorenstrecke. Baku war das auch. Auf beiden Kursen fuhr Mercedes in einer anderen Welt. Das lässt den Schluss zu, dass der Motor-Vorteil die Antwort auf alle Fragen ist. Doch Williams und Force India haben auch einen Mercedes V6-Turbo im Heck. Und sie waren im Training um 1,253 respektive 1,679 Sekunden langsamer. Dass sie eine ältere Motorenspezifikation fahren, fällt maximal mit 0,15 Sekunden ins Gewicht.

Es muss also zum Großteil doch am Gesamtpaket liegen. Und dabei spielen Chassis, Fahrwerk und die Aerodynamik die größere Rolle. Mercedes-Teamchef Toto Wolff antwortete auf die Frage nach dem Warum ein bisschen provokant: „Unser Auto ist der beste Kompromiss für alle Strecken. Es gibt 21 Rennen in einem Jahr, für die man eine Kombination aus Chassis, Motor und Aerodynamik benötigt, die überall gleich gut funktioniert. Es gibt Teams, die haben Autos, die gut auf Strecken mit hohem Abtriebs-Level wie Singapur funktionieren, die eine Anstellung nach vorne fahren wie bei einem Handstand. Aber sie sind auf anderen Strecken wie Monza nicht konkurrenzfähig.“

Das tut der Mercedes W07. Auf manchen Strecken besser als auf anderen. Monza und Baku haben neben dem großen Einfluss der Motorleistung noch einige andere Dinge gemeinsam. Die langen Geraden werden je zur Hälfte durch Stop-and-Go-Passagen und mittelschnellen Kurven unterbrochen. Und genau dieser Mix macht die Silberpfeile so stark.

Red Bull hat einen hohen Grund-Luftwiderstand

Stichwort aerodynamische Effizienz. Das Konzept des Red Bull RB12 ist für Strecken mit maximalem Abtrieb maßgeschneidert. Zum Teil aus der Not heraus. Red Bull ging in dem Glauben in die Saison, wieder einem PS-Nachteil hinterherzulaufen. Dass er nach der Generalmobilmachung bei Renault geringer ausfallen würde als gedacht, konnte keiner ahnen. Jetzt ist an der Philosophie des RB12 nichts mehr zu ändern.

Der Red Bull erreicht das perfekte Verhältnis von Abtrieb und Luftwiderstand auf Strecken, bei denen die Flügel maximal in den Wind gestellt werden. Weicht die Strecke davon in die andere Richtung ab, können die Red Bull-Ingenieure wählen, was sie opfern. Luftwiderstand oder Anpressdruck. Spa ließ Red Bull noch die Wahl. Weil es dort zwei erfolgversprechende Setup-Optionen gibt. In Monza und Baku kommt nur eine Abstimmung in Frage. Und die hat Red Bull nicht im Programm.

Das Auto hat wegen seiner starken Anstellung von 1,9 Grad einen Grund-Luftwiderstand, der bei gleicher Flügeleinstellung größer ist als der von Mercedes mit seinem moderaten Anstellwinkel von 1,0 Grad. Im Zusammenspiel mit einem Leistungsvorteil von knapp 50 PS kann Mercedes in Monza einen Spa-Flügel fahren. Red Bull muss ein flaches Brett ins Heck schrauben.

Ferrari liegt dazwischen. Der SF16-H ist um 1,4 Grad angestellt. Der Motor hat aber mehr Leistung als der Renault V6. Selbst Mercedes-Ingenieure schätzen den Vorsprung auf Ferrari auf maximal 15 PS. Ferrari hat also weniger Luftwiderstand und mehr Power als Red Bull, und kann deshalb etwas großzügiger mit der Flügeleinstellung umgehen.

Aus einem Vorteil werden zwei

Der Vergleich von Freitag und Samstag hat in Monza gezeigt, dass ein Tick mehr Abtrieb Rundenzeit bringt ohne dem Top-Speed signifikant zu schaden. Nur bei den Autos mit starker Anstellung funktionierte das Spiel nicht. Dazu gehörten neben Red Bull auch Force India und McLaren. In den Technikabteilungen von Silverstone und Woking sitzen ehemalige Red Bull-Ingenieure. Die Duplizität der Probleme ist kein Zufall.

Wer sich in Monza ein Mindestmaß an Abtrieb leisten konnte, der brachte auch alle Reifensorten zuverlässig in ihr Arbeitsfenster. So wurde aus einem einfachen ein doppelter Vorteil. Und das addiert sich schnell zu einem Klassenunterschied. Wie stark der Reifenfaktor ins Gewicht fällt, zeigte sich in Spa. Dort kämpfte Mercedes 2 Tage lang mit überhitzenden Hinterreifen. Und schon war die Konkurrenz auf Schlagdistanz.

Mercedes hat noch einen weiteren Vorteil, dessen Geheimnis wir nächste Woche lüften wollen. Es ist das Fahrwerk. Es hält die Silberpfeile bei Lastwechseln und über Randsteine fast wie bei einer aktiven Aufhängung vorne wie hinten in einer aerodynamisch günstigen und stabilen Position. Red Bull versucht das System zu kopieren, ist aber noch nicht so weit. Ferrari hinkt da noch einen großen Schritt hinterher.

Neuester Kommentar

Toller Artikel.
Ich hoffe einfach das es nächstes Jahr besser wird und Ferrari, McH und RedBull mal aus den Pötten kommen. Ansonsten verliere ich endgültig die Lust an der Formel 1.

MacCuill 9. September 2016, 19:59 Uhr
Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden