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Toyota-Rückzug

Toyota steigt aus der Formel 1 aus

Foto: dpa 55 Bilder

Die Formel 1 verliert ihre Automobilhersteller. Nach Honda und BMW zog jetzt auch Toyota den Stecker. Dem Kölner Rennstall war trotz eines Mega-Budgets bei 139 GP-Starts seit 2002 nicht ein einziger Sieg vergönnt.

04.11.2009 Michael Schmidt

In Europa war es noch Dienstag, da lief am Mittwoch (4.11.) morgen in Tokio schon die amtliche Meldung über die Ticker: Toyota steigt aus der Formel 1 aus. Damit verschwindet innerhalb von drei Monaten nach BMW der zweite Hersteller aus der Formel 1. Vor einem Jahr hatte sich bereits Honda zurückgezogen.

Toyota TF109 3:28 Min.

Die Gründe sind in allen drei Fällen identisch, egal wie die offizielle Lesart ist. Mangelnder Erfolg und der Druck zu sparen vertreibt die Automobilhersteller aus der Königsklasse. "Wir haben realisiert, dass wir keine andere Wahl haben", sagte Präsident Akio Toyoda in der Toyota-Zentrale in Tokio. Es war eine sehr schmerzvolle Entscheidung für den Konzern."

Toyota hat in neun Jahren Formel 1 nicht ein einziges Rennen gewonnen. Der japanische Rennstall, der in Köln beheimatet ist, verabschiedete sich mit einem sechsten und siebten Platz am vergangenen Wochenende in Abu Dhabi aus dem GP-Sport.

Toyota mit großem Budget aber ohne Erfolg

Für Toyota geht mit der Entscheidung von Firmenpatriarch Toyoda ein langer Leidensweg zu Ende. Beim Debüt in Australien 2002 landete Mika Salo als Sechster mit einem WM-Punkt einen Überraschungserfolg. Doch dann wurde es zäh. Drei Jahre lang musste der mittlerweile größte Automobilhersteller der Welt Lehrgeld bezahlen. Die Chefetage in Japan antwortete mit immer mehr Geld und mehr Personal.

In Köln entstand die teuerste Formel 1-Fabrik der Welt. Als eines der ersten Teams hatte Toyota zwei Windkanäle im eigenen Haus. Rekordsummen über 400 Millionen Euro pro Jahr wurden in das Unternehmen Weltmeisterschaft investiert. Offiziell gab Toyota stets 650 Mitarbeiter an. Wenn man die Unterstützung aus Japan dazuzählt waren es weit über 1.000. 2005 erntete der Einsatz erstmals Anerkennung. Mit 88 WM-Punkten, zwei Pole Positions und fünf Podestplätzen landete Toyota auf Rang vier der Konstrukteurswertung. Ein Resultat, das nie mehr überboten wurde.

Schlechtes Team-Management

2007 stürzte der Massenhersteller ins Niemandsland ab. 13 Punkte und Platz sechs waren eine Blamage für einen Rennstall, der mehr Geld ausgab als jeder andere in Feld. Schon damals kursierten ersten Rücktrittsgerüchte. Das Management schaffte es nie, ein Rennteam aus dem Heer von Menschen zu formen. Toyota blieb eine Behörde und ein tolpatschiger Gigant.

Die Teamchefs John Howett und Tadashi Yamashina akzeptierten keine interne Kritik. Als Timo Glock in diesem Jahr nach dem Debakel in Monte Carlo im Kreis seiner Ingenieure anmahnte, dass die Entwicklung rückwärts laufe, handelte er sich eine Schelte von seinen Chefs ein. Als Ross Brawn 2007 auf dem Markt war, zeigten ihm Howett und Yamashina die kalte Schulter und ließen ihn lieber zu Honda ziehen. Toyotas Generäle hatten Angst um ihren eigenen Posten. Sie hielten lieber an Technikdirektor Pascal Vasselon fest. Ein solider Organisator, doch im Vergleich zu Ross Brawn ein Lehrbub.

Ordentliche Abschiedssaison

Vor dieser Saison bekamen Howett und Co aus Japan einen klaren Auftrag. Der erste GP-Sieg muss her. Der Vorstand kürzte das exorbitante Budget der Vorjahre um 30 Prozent. Damit war Toyota immer noch bestens bestückt. Brawn GP hatte nicht einmal die Hälfte in der Kriegskasse. Ausnahmsweise setzte Toyota in diesem Jahr aufs richtige Pferd. Die Truppe von Pascal Vasselon verzichtete auf KERS, was bei Hybridpionier Toyota intern für politische Wellen sorgte, aber im Sinne des Erfolges akzeptiert wurde. Mit drei Podestplätzen für Jarno Trulli und zwei für Timo Glock und insgesamt 59,5 Punkten lief die Saison ganz ordentlich. Doch trotz der Schwäche von Ferrari und McLaren-Mercedes kam man in der Endabrechnung nicht unter die ersten Drei. Vom ersten Sieg ganz zu Schweigen.

Trotz aller Versprechungen sah Tokio kein Licht am Ende des Tunnels. Die Regeln verlangen in den nächsten Jahren weitere drastische Budgetkürzungen. Wenn die Kölner Truppe schon mit der Fünf-Sterne-Ausstattung bei 139 GP-Starts nicht gewinnen konnte, wie sollte es dann erst mit einem Sparprogramm aussehen? So geriet immer mehr das Management in Verdacht, dem Erfolg im Weg zu stehen. Da sich Japaner vor Entlassungen scheuen, wurde der Laden lieber gleich dicht gemacht. Konzern-Kenner halten eine Rückkehr in zwei, drei Jahren nicht für unmöglich. Mit anderen Männern an der Spitze.

Toyota-Rückzug hat sich angedeutet

Der Rücktritt, der am 3. November von höchster Stelle beschlossen und nur einen Tag später kommuniziert wurde, hatte sich seit Monaten angedeutet. Die Motoreningenieure mussten bereits im Sommer sämtliche Entwicklungsarbeit am Toyota-V8 einstellen. Lieferanten bekamen keine Folgeaufträge mehr. Jarno Trulli bekam durch die Blume die Entlassung überreicht. Man wollte sein Gehalt um 90 Prozent kürzen. Die Option auf Timo Glock verstrich ungenutzt. Erst als Toyota-Schützling Kamui Kobayashi in Brasilien ein überraschend starkes Debüt gab und auch die Formkurve des TF109 wieder bergauf zeigte, keimte noch einmal Hoffnung auf. Doch bereits 14 Tage später in Abu Dhabi gewannen die Pessimisten wieder die Oberhand. Sie behielten Recht.

Der erstaunliche Schlussspurt der Toyota hat nicht nur mit den Retuschen am Frontflügel und am Diffusor zu tun, die dem TF109 sichtbar mehr Anpressdruck schenkten. "Wir haben es zum Schluss endlich geschafft, alle Disziplinen unter einen Hut zu bringen", erklärt Vasselon. Den Franzosen beunruhigt dabei die Feststellung: "Wir wissen nicht warum es plötzlich klappt. Es gab vorher immer wieder Grands Prix, bei denen es entweder in der Qualifikation, beim Start oder im Rennen Probleme gab. Wieso fahren wir in Budapest und Valencia die schnellsten Rennrunden, sind aber im Training zu langsam? Warum haben wir in Spa spritbereinigt das schnellste Auto in der Startaufstellung, und dann verlieren wir alles beim Start?"

Jubel bei Sauber

Der Rückzug von Toyota reduziert das Feld auf zwölf Bewerber. Damit hat Sauber, das Nachfolgeteam von BMW, eine Eintrittskarte in die Formel 1. Der Rennstall aus Hinwil ist jetzt nicht mehr von der Gnade der FIA oder von Frank Williams abhängig.

In unserer großen Fotoshow blicken wir noch einmal auf acht Jahre Toyota in der Formel 1 zurück.

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