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Trainingsanalyse GP Aserbaidschan 2016

Force India ist die zweite Kraft

Nico Hülkenberg - Force India - Formel 1 - GP Aserbaidschan - Baku - 17. Juni 2016 Foto: xpb 105 Bilder

Mercedes zeigte sich am ersten Trainingstag zum GP Europa haushoch überlegen. Allen voran Lewis Hamilton. Während Ferrari und Red Bull ihre Reifen nicht in das Temperaturfenster bekamen, trumpfte Force India groß auf.

17.06.2016 Michael Schmidt

Der erste Trainingstag in Baku stand unter dem Eindruck von Problemen mit den Randsteinen. In den zweieinhalb Stunden zwischen den Trainingssitzungen wurde fieberhaft an den Metallplatten gearbeitet. Fugen zwischen den Elementen und herausstehende Schrauben hatten eine Vielzahl von Reifen beschädigt. Die Randstein-Elemente wurden notdürftig zusammengeschweißt.

FIA-Rennleiter Charlie Whiting empfahl den Teams ihre Fahrer dahingehend zu instruieren, dem Randstein ausgangs Kurve 6 fernzubleiben. Mit der Warnung, dass er das Training abbrechen müsse, wenn es erneut Reifenprobleme auf den Kerbs gebe. „Und dann wäre womöglich das ganze Training ausgefallen“, verrät Whiting.

Für Samstag gibt es eine dauerhafte Lösung. Die Randsteine in den Kurven 6 und 12 werden über Nacht ganz entfernt. In den Kurven 8 und 16 werden neue Dübel in den Betonsockel gebohrt. Das soll den zu einem großen Stück verschweißten Metallplatten Halt geben.

Schlüssel ist ein Setup für wenig Abtrieb

Die Mercedes ließen sich von losen Randsteinen nicht aufhalten. Nie war die Überlegenheit der Silberpfeile so groß wie in Baku. Dass auf den ersten 5 Plätzen nur Fahrer mit dem Mercedes V6-Turbo im Heck stehen, zeigt, dass der Baku City Circuit eine Power-Strecke ist.

Diese Erfahrung mussten 8 der 11 Teams bereits im ersten Training machen. Sie hatten ihre Autos mit Barcelona-Flügeln bestückt. Nur Mercedes, Williams und McLaren begannen das Abenteuer auf der neuen Strecke mit Flügeln im Spa-Format. Das Ergebnis gab ihnen Recht. Die 3 Autos belegten in der ersten Sitzung auch die ersten Plätze.

Das führte dazu, dass in der zweiten Sitzung auch die anderen Teams schrittweise den Abtrieb reduzierten. Nicht alle kamen damit klar. Während der Force India und Toro Rosso auf die Setup-Änderungen positiv reagierten, waren die Red Bull mit den Plätzen 7 und 10 eine Enttäuschung. Auch die Rennsimulationen waren keine Offenbarung. Daniel Ricciardo und Max Verstappen verloren auf den Supersoft-Reifen über 2 Sekunden auf die Mercedes.

Es sieht so aus, dass der Red Bull RB12 nur mit dem Aero-Paket für maximalen Abtrieb wirklich effizient ist. Oder die Ingenieure haben noch nicht den richtigen Mix zwischen Abtrieb und Luftwiderstand gefunden. Dazu kommt, dass Renault seinen Motor am Freitag nur auf Sparflamme betreiben lässt.

Rosberg strandete mit einem Motor-Problem

Mercedes fuhr allein auf weiter Flur. Lewis Hamilton erzielte mit 1:44.223 Minuten eine überlegene Bestzeit. Sie entspricht einem Schnitt von 207,351 km/h. Da schaute auch Nico Rosberg in die Röhre. Dem WM-Spitzenreiter fehlten 0,69 Sekunden in seiner schnellsten Runde. Hamilton war auch in den Longruns eine Klasse für sich. Der Engländer führte sowohl auf den Supersoft-Reifen (1:48.767 min) als auch auf den Soft-Sohlen (1:48.111 min) die Rangliste an.

Was für eine Genugtuung für den Mann, der nur 8 Runden im Simulator geübt hatte und die Strecke nicht einmal abgelaufen war. Rosberg konnte zu seiner Entschuldigung anführen, dass ihm ein Soft-Reifen weniger als Hamilton zur Verfügung stand. Und dass er die letzten 22 Minuten zuschauen musste. „Ein Problem mit der Antriebseinheit, das wir noch genau analysieren müssen“, bedauerte Motorenchef Andy Cowell. „Wir lassen uns Zeit damit, weil es ein alter Motor war, der nur noch am Freitag zum Einsatz kam.“

Der drittschnellste Sergio Perez lag bereits 1,1 Sekunden hinter der Bestzeit zurück. „Das Auto ist gut im Longrun und auf eine Runde“, strahlte der Mexikaner. Und dann schwärmte er von der Strecke, speziell von den schnellen Linkskurven im Altstadtring: „Sie gehen absolut voll. Bei der Kurve über die Kuppe musst du den Radius bis ganz an die Mauer ziehen. Lenkst du zu viel ein, kriegst du Untersteuern und landest in der Mauer. Du brauchst echt Vertrauen, um voll stehen zu lassen.“

Perez und Hülkenberg profilierten sich in den Dauerläufen als zweitbeste Kraft hinter den Mercedes. Nicht nur auf eine Runde. Perez schaffte mit den Supersoft-Reifen die drittschnellste Longrun-Zeit. Hülkenberg war auf der Mischung Soft sogar Zweitschnellster hinter Hamilton. Ihm fehlten neun Zehntel pro Runde. Dafür war Hülkenberg aber auch doppelt so lang auf einem Satz auf der Bahn.

Mercedes profitiert von Singapur-Pleite

Ferrari landete im Nirgendwo. Die in Montreal so stark auftrumpfenden roten Autos suchten nach Grip. Sebastian Vettel fehlten 1,9 Sekunden auf die Bestzeit. Die Ferrari-Piloten brachten bei 34 Grad Asphalttemperatur die Reifen nicht stabil in ihr Arbeitsfenster.

Das schlug sich auch auf die Longruns nieder. Kimi Räikkönen war mit 1:50.450 Minuten über 10 Runden nur Siebter der Supersoft-Liste. Sebastian Vettel belegte mit 1:50.227 Minuten über 16 Runden Platz 4 in der Soft-Wertung. Erschreckende 2,1 Sekunden hinter Hamilton.

Dazu gab es noch technischen Ärger. Es war bis zum Schluss nicht zu erfahren, ob Motor-, Getriebe- oder Bremsprobleme zu dem vorzeitigen Trainingsende von Räikkönen geführt hatten. Bei Vettel bahnte sich der gleiche Defekt an. Der Deutsche wurde gebeten in langsamer Fahrt an die Box zurückzukommen.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff konnte sich den riesigen Vorsprung seiner Autos nur so erklären: „Wir haben die Abstimmung des Autos für das vorherrschende Grip-Niveau auf den Punkt getroffen. Da profitieren wir jetzt von unseren Erfahrungen aus Singapur vor einem Jahr. Was wir da in Bezug auf die mechanische Abstimmung gelernt haben, hilft uns hier in Baku. Ich gehe davon aus, dass die anderen ihre Reifen nicht in das Arbeitsfenster gebracht haben.“

Medium-Reifen spielt keine Rolle

Die Einschätzung könnte stimmen. Ricciardo erzielte erst in der sechsten fliegenden Runde seine schnellste Zeit. Vettel brauchte genauso lang. Bei Rosberg waren die Reifen in der ersten Runde da. Hamilton ließ sich 5 Runden Zeit. Dafür fuhr er am Ende seines Longruns eine Zeit, die andere nicht am Beginn der Rennsimulation schafften.

Da die Strecke im 20-Minutentakt um eine halbe Sekunde schneller wurde, waren die Longruns schwer zu beurteilen. Es hing davon ab, wann sie gefahren wurden. Je später, desto schneller. Die 22 Fahrer beschränkten sich auf die Reifenmischungen soft und supersoft. Nur 3 Fahrer nutzten den Medium-Reifen für Installationsrunden. Er ist für den Straßenkurs viel zu hart und wird auch im Rennen keine Rolle spielen.

Trotzdem hält Pirelli-Techniker Mario Isola ein Einstopprennen für möglich. „Die Reifenabnutzung ist extrem gering.“ In der ersten Runde gewinnt der Supersoft-Reifen eine Sekunde auf die Soft-Mischung. Im Longrun ist der Soft-Reifen konstanter. Lewis Hamilton, Jenson Button, Nico Hülkenberg, Sergio Perez, Felipe Massa und Pascal Wehrlein waren in den Dauerläufen auf dem härteren Reifen schneller unterwegs.

FahrerSchnitt längster LongrunRundenReifentyp
1. Hamilton1.48,7677supersoft
2. Rosberg1.49,50210supersoft
3. Perez1.50,0449supersoft
4. Bottas1.50,10718supersoft
5. Hülkenberg1.50,23210supersoft
6. Kvyat1.50,28116supersoft
7. Räikkönen1.50,45010supersoft
8. Grosjean1.51,24710supersoft
9. Button1.51,3309supersoft
10. Nasr1.51,4838supersoft
11. Massa1.51,5096supersoft
12. Ricciardo1.51,5349supersoft
13. Magnussen1.51,67920supersoft
14. Verstappen1.51,68210ultrasoft
15. Wehrlein1.51,9729supersoft
16. Palmer1.52,00019supersoft
1. Hamilton1.48,1116soft
2. Hülkenberg1.49,06112soft
3. Button1.49,81710soft
4. Vettel1.50,22716soft
5. Sainz1.50,40416soft
6. Perez1.50,45212soft
7. Massa1.50,4997soft
8. Verstappen1.50,6154soft
9. Wehrlein1.51,75315soft
10. Nasr1.52,72012soft
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