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Unsere Ideen zur Formel 1-Zukunft (Teil 6)

Was nutzt dem Zuschauer?

Fans - GP Österreich 2014 Foto: Red Bull 78 Bilder

Am 14. Mai tagt die Strategiegruppe über die Zukunft der Formel 1. Thema: Wie können wir sie spektakulärer, billiger, ausgeglichener und zuschauerfreundlicher machen? auto motor und sport hat sich eigene Gedanken gemacht. Im sechsten und letzten Teil geht es um den Dienst am Fan.

07.05.2015 Michael Schmidt

Der Motorsport hat ein Problem: Die Teilnehmer dürfen zu viel mitbestimmen. Und die schauen nur auf sich. Deshalb kommt es immer wieder zu Entscheidungen, über die hinterher alle den Kopf schütteln. Deshalb ist es besser, dass Regeln, Sportgesetze, Termine und Marketingmaßnahmen zentral bestimmt werden. Und zwar von Leuten, die keinerlei kommerzielles Interesse an dem Sport haben. Man kann sie gut bezahlen, aber unabhängig davon, wie viel Geld der Sport einspielt.

Die Teilnehmer dürfen Vorschläge machen, mehr nicht. Die Krux ist es, dass die FIA oft genug versucht hat, Hersteller mit Versprechungen in den Motorsport zu locken. Zuerst haben alle Hurra gerufen. Mittelfristig hat das fast immer dem Sport geschadet. Weil es die Privatteams an den Rand gedrängt hat. In einem Sport, in dem das Sportgerät so viel kostet, muss das Reglement um die herum gestrickt werden, die davon leben und damit auch langfristig bei der Stange bleiben.

Eigentlich ist es ganz einfach. Bei jeder Entscheidung darf nur eine Frage relevant sein: Nutzt sie dem Zuschauer? Lautet die Antwort nein, muss man gar nicht weiter darüber nachdenken. Zurzeit zerbrechen sich viele den Kopf, warum das Interesse am Motorsport sinkt. Die Älteren unter uns sollten vielleicht mal darüber nachdenken, was uns an Autorennen fasziniert hat.

Motorsport war früher ein Abenteuer 

Ich glaube, die Antwort ist einfach. Motorsport war früher ein Abenteuer. Für alle Beteiligten. Die Fahrer hatten etwas zu erzählen. Und sie durften es auch noch. Die Technik war noch nicht so perfekt und so geheim. Die Rennstrecken hatten ihr unverwechselbares Gesicht und völlig unterschiedlich im Layout. Ihre Kurven trugen Namen und waren nicht durchnummeriert. Sie waren Geschichte und schrieben Geschichten.

Die Zuschauer waren Teil des Events. Wir konnten während des Rennwochenendes noch von Kurve zu Kurve wandern. Am Sonntag war die Bude so voll, dass man entweder im Stau gestanden ist oder einen Schleichweg kannte, der genau das vermieden hat. Auf jeden Fall gab es immer etwas zu erzählen.

Und heute? Da sitzt der Besucher drei Tage lang auf Platz 17A in Kurve 5, und die größte Abwechslung besteht darin, wenn er sich eine Wurst und ein Bier kaufen kann. Dafür zahlt er 300 Euro und darf noch nicht einmal einen Fotoapparat mit Teleobjektiv mit auf die Tribüne nehmen.

Es geht aber noch weiter. Die Hotels innerhalb eines Radius von 50 Kilometern sind völlig überteuert. Selbst am Red Bull-Ring greifen sie bis zum Vierfachen des üblichen Preises ab, bei 5 Nächten Mindestaufenthalt. Mit Benzinkosten, Übernachtung, Verpflegung und Ticketpreisen sind schnell einmal 1.000 Euro verbrannt. Wer soll da noch kommen?

Hier gibt es nur einen Weg. Entweder sinkt das Antrittsgeld, oder die Veranstalter bekommen mehr Möglichkeiten, sich zu refinanzieren. Verbunden mit dem Versprechen, die Eintrittspreise drastisch zu senken. Am Freitag sollte jedes Ticket nicht mehr als 10 Euro kosten. Kinder haben freien Eintritt. Man darf sich hinsetzen, wo man will, und während des Tages den Standort ändern.

Nur so lockt man neue Leute an die Rennstrecke. Und am Freitag sähen die Tribünen rund um die Strecke nicht so leer aus. Wenn die Hotels Fantasiepreise aufrufen, verliert die jeweilige Strecke für ein Jahr den Zuschlag. Zelt- und Stellplätze für Motorhomes müssen erschwinglich sein.

Externes Fahrerlager für Fans

Da es unmöglich ist, alle Fans ins Fahrerlager zu lassen, bringt man das Fahrerlager eben zu den Fans. Warum baut man nicht im Zuschauerbereich ein großes Areal, wo die Fans genau das sehen, was sie im Fahrerlager und in den Boxen sehen würden? Die Teams werden verpflichtet, ein drittes Auto mitzubringen, das am Wochenende in diesem Bereich steht.

Der Rechteinhaber organisiert dazu noch 20 bis 30 Autos aus der Vergangenheit. So bekommen die Zuschauer Motorsportgeschichte zum Anfassen. Sie können hautnah heute mit gestern vergleichen. Sämtliche Autogrammstunden und Fragerunden mit Fahrern finden in diesem Bereich statt.

 Im Vergleich dazu ist der aktuelle Boxenbesuch am Donnerstag ein zweifelhaftes Vergnügen. Die Teams stellen die Sperrbänder so weit von den Garagen entfernt auf, dass die Autos nur mit dem Fernglas zu sehen sind. Und die stehen am Donnerstag meist nur halbfertig herum, weil die Mechaniker noch daran schrauben.

Dem Zuschauer an der Strecke muss man noch weitere Anreize bieten. Gäbe es rund um den Kurs flächendeckend WIFI-Internet, könnte jeder Besitzer einer Eintrittskarte über einen Code den Zugriff auf die Live-Übertragung im Fernsehen und auf das Live-Timing bekommen. Natürlich im Preis inbegriffen. Wie der Zutritt zu unserem externen Fahrerlager auch. Das wäre mehr Gegenwert fürs Geld. Dann hätten alle auf den Tribünen das Live-Erlebnis und die totale Information. Die Veranstalter könnten sich das Aufstellen von teuren Video-Wänden sparen. 

Ein Kritikpunkt ist, dass die Startzeiten unglücklich gewählt sind. Wenn ein Grand Prix in Europa um 14 Uhr startet, ist der ganze Sonntag beim Teufel. Die Familie entscheidet sich im Zweifel dann für den Sonntagsausflug und nicht für den TV-Termin am Nachmittag. Eine Idee war, die Rennen erst um 17 Uhr starten zu lassen. Doch da kommt man in vielen Ländern mit dem Fußball in Konflikt. 

Warum die Startzeit nicht stattdessen nach vorne legen? Zum Beispiel 12 Uhr. Da sind viele noch zuhause und können den Nachmittag anderweitig nutzen. Das Indy 500 startet seit Jahr und Tag um 11 Uhr vormittags. 3 Stunden später ist alles vorbei. Die Amerikaner wissen warum. Für den TV-Zuschauer die perfekte Startzeit. Die Besucher im Speedway haben am Nachmittag noch genug Zeit, nach Hause zu fahren.

Formel 1-Technik muss gezeigt werden

Motorsport kennt zwei Helden. Die Fahrer und die Autos. Beides wird aber gerne versteckt. Die Fahrer müssen sich politisch korrekt verhalten. Übrigens eine Erfindung der Hersteller, die sich auch dann gehalten hat, als die meisten schon wieder weg waren.

Wegen der vielen Meetings sind die Piloten auch kaum noch im Fahrerlager zu sehen. Die Fotografen liefern immer weniger Porträts. Das gleiche Thema: Meetings sind nur gut für die Ingenieure, nicht aber fürs Publikum. Das Telemetrieverbot würde helfen: Weniger Daten, weniger Briefings, mehr Zeit für Publicity.

Die Autos werden nach allen Regeln der Kunst versteckt. Daten gibt es praktisch nicht. Etwas Paradoxeres kann sich kein Mensch vorstellen. Die Teams sind stolz auf ihre Technik, aber sie wollen sie weder zeigen noch erklären. Von der neuen Hybridtechnik gab es neun Monate lang kein echtes Foto.

Bei Testfahrten arbeiten die Teams mit Stellwänden, die so hoch sind wie die Garage. Teilweise laufen die Mechaniker dem Auto mit der Stellwand hinterher, wenn es zurück an die Boxen kommt. An Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Wäre ich Sponsor, würde ich sofort den Etat kürzen. Gerade bei den Wintertests ist das Interesse der Fans an den neuen Autos nach der langen Pause besonders groß.

Oft sind es gar nicht die Ingenieure selbst, die das verlangen. Vielmehr vorauseilender Gehorsam. Ein Chefdesigner eines Top-Teams hat mir erzählt, dass er sein Auto ohne Probleme unverhüllt in die Boxengasse stellen würde. Bei ihm blieben auch die Garagentore immer auf. Weil er jeden Abend sowieso 500 Fotos von allen Autos bekommt, alle bereits mit einer schriftlichen Auswertung seiner Ingenieure. Da das alle machen, ist die Geheimhaltung völlig sinnlos.

Hier muss es in Zukunft klare Regeln geben. Stellwände und geschlossene Garagentore gehören verboten. Die Teams sind verpflichtet, ein Mindestmaß an Kerndaten über ihre Autos und Motoren zu liefern. Ein technischer Sport kann sich nur promoten, wenn er seine Technik auch offensiv verkauft. Die Konkurrenz ist sowieso besser informiert als jeder Journalist oder Zuschauer.

Die Regeln gehören auf 8 Seiten und nicht auf 88. Sie müssen für jeden nachvollziehbar sein und dürfen sich nicht alle 2 Jahre ändern. Das größte Verbrechen ist bereits begangen worden und nicht mehr rückgängig zu machen. Seit 2010 gibt es inflationär WM-Punkte für die ersten Zehn. Damit ist jede Vergleichbarkeit mit früher dahin.

Ein unverzeihlicher Fehler. Es ist die erste Regel für gutes Marketing: Statistik gibt es umsonst. Und wenn die Leute Juan-Manuel Fangio mit Jim Clark, Michael Schumacher und Lewis Hamilton vergleichen wollen, lasst ihn ihren Spaß. Es schadet ja keinem.

Hier noch einmal alle Teile unserer Ideen-Sammlung für eine bessere Formel 1:

>> Teil 1: Geldverteilung
>> Teil 2: Kosten
>> Teil 3: Technisches Reglement
>> Teil 4: Motoren
>> Teil 5: Sportliches Reglement
>> Teil 6: Fan-Service

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