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Upgrade nicht schuld an Pleite

Was war mit Ferrari los?

Ferrari - GP Spanien 2015 Foto: xpb 35 Bilder

Ferrari war in Barcelona allen ein Rätsel. Der Rückstand zu Mercedes wuchs um eine halbe Sekunde an. Das allein ist mit den Upgrades nicht erklärbar. War es die Strecke, die Bedingungen oder vielleicht doch die Benzindurchflussmenge? Wir suchen nach Gründen.

16.05.2015 Michael Schmidt

Das große Upgrade-Festival von Barcelona hat am Kräfteverhältnis in der Formel 1 nicht viel verändert. Außer dass Ferrari um eine halbe Sekunde mehr hinter Mercedes zurückgefallen ist und bereits den Atem von Williams spürte. Ansonsten haben sich alle neutralisiert. Keiner machte große Sprünge nach vorn, keiner rutschte dramatisch ab.

Der große Rückstand von Ferrari auf Mercedes wirft viele Fragen auf. Hatte Ferrari nicht das größte Upgrade von allen Teams nach Spanien gebracht? Warum verlieren die roten Autos dann im Training 0,777 Sekunden auf die Pole Position von Nico Rosberg?

Und warum fehlen Sebastian Vettel nach 66 Runden 45,342 Sekunden auf den Sieger? Das entspricht einem Defizit von 0,687 Sekunden. Also nicht viel besser als im Training. Obwohl die Stärke von Ferrari bei den ersten 4 Grand Prix eindeutig im Rennen lag. Auch die schien in Barcelona abhanden gekommen zu sein.

Sepang mit Barcelona nicht vergleichbar.

Die Qualifikation ist ein schlechter Gradmesser. Da lag Mercedes eigentlich immer klar vorn. Vor allem bei böigem Wind, wie er am Samstag in Barcelona vorlag. Den mag der Ferrari gar nicht. Der Vorsprung der Silberpfeile im Training schrumpfte nur ein einziges Mal: im Regen von Malaysia.

Ein klareres Bild zeichnet das Rennen. Und da spürte Mercedes seit dem GP Malaysia den Druck von Ferrari. In Barcelona war Vettel jedoch absolut chancenlos. Der durchschnittliche Abstand von Mercedes und Ferrari über die Renndistanz betrug bei den ersten 4 Grand Prix 8,080 Sekunden. Diesmal war er fünfeinhalb mal so groß.

Und das auf einer Rennstrecke, die auf den ersten Blick Sepang sehr ähnlich sieht. Es war auch fast so heiß wie in Malaysia, dem Grand Prix den Vettel und Ferrari gewonnen haben. Schnelle Kurven, hohe Beanspruchung der Reifen, heißes Wetter: Was lief diesmal schief?

Bei genauerer Betrachtung hinkt der Vergleich. Der Streckenbelag in Malaysia ist deutlich rauer. Auf die schnellen Kurven folgen keine Erholungsphasen. Und den Sektor drei von Barcelona mit sieben Kurven in Folge, fünf davon unter 120 km/h, gibt es in Sepang nicht. "Malaysia frisst die Reifen. In Barcelona haben wir ein anderes Problem. Sie werden zu heiß", erklärte Vettel.

Ferrari-Upgrade machte Auto schneller

Das würde dafür sprechen, dass Ferrari mit seiner Ausbaustufe danebengeschossen hat, während Mercedes einen Volltreffer landete. Doch der direkte Vergleich zwischen neuem und alten Aero-Paket bei Ferrari erbrachte im Rennen einen Vorteil von 0,222 Sekunden pro Runde für den runderneuerten Ferrari. Das entspricht ungefähr dem, was sich Mercedes von seinem Facelift auf dem Papier erwartet und offensichtlich auch umgesetzt hat.

Die Mercedes-Fahrer dürfen jetzt den ersten Motor 100 Kilometer länger als ursprünglich geplant im Power-Modus fahren. Das bezieht sich auf die gesamte Lebensdauer von 5.000 Kilometern. Sieger Rosberg brauchte den Power-Modus jedoch nie. Und Niki Lauda ist überzeugt, dass Ferrari von der Motorleistung her auf Augenhöhe liegt. Wenn es im Bereich der Neuentwicklungen im Gesamtpaket also einen Unterschied gab, dann höchstens von einem Zehntel.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff maß den Ausbaustufen der Autos ebenfalls nur eine geringe Bedeutung zu. "Die Strecke von Barcelona ändert sich von Minute zu Minute. Deshalb suchst du bei der Abstimmung den besten Kompromiss. Wenn der passt, bringst du die Reifen in ihr Arbeitsfenster. Und die sind der Schlüssel in Barcelona."

Noch ein Vorteil: Rosberg hatte vom ersten Training an diesen größten gemeinsamen Nenner beim Setup gefunden. Selbst Hamilton kam da nicht mit. Ferrari stocherte mit seinem umgebauten SF15-T lange im Wald. Vettel sagte nicht umsonst: "Vielleicht brauchen wir ein paar Rennen, um das Maximum aus dem Paket rauszuholen."

Natürlich hilft es, wenn das Auto mit viel Abtrieb geboren wurde. So wie der Mercedes AMG W06. Das Geheimnis des letzten Streckensektors, in dem Mercedes seinem Gegner 0,462 Sekunden abnahm, liegt auch in gutem mechanischen Grip. "Unser Auto lenkt ein und beißt vorne sofort zu, ohne dass hinten das Heck ins Rollen kommt", verrät Wolff.

Ein Ingenieur ergänzt: "Wir können dort konstanter fahren. Ferrari bringt hin und wieder mal eine gute Runde hin. Aber es fällt den Piloten offenbar schwerer, das Auto präzise für die vielen Kurven zu positionieren." Dafür würde sprechen, dass Ferrari im Rennen in seiner besten Sektor 3-Zeit nur noch 0,360 Sekunden auf die Top-Zeit von Mercedes verlor.

Barcelona wie gemalt für Mercedes

Die Strecke von Barcelona ist wie gemalt für Mercedes. Kein Auto generiert mehr Abtrieb. Das zeigten die Rundenzeiten auf dem härteren der beiden Reifentypen. Nur Mercedes brachte Temperatur in die Betonmischung. Und nur Mercedes war in der Lage, das Rutschen in den ersten beiden Streckensektoren so einzuschränken, dass die Reifen für die sieben Kurven am Ende der Runde nicht zu heiß wurden. Bei Asphalttemperaturen bis zu 50 Grad wog diese Qualität am Ende umso mehr.

Vettel verlor in seiner Qualifikationsrunde in den ersten beiden Sektoren nur drei Zehntel. So schlecht kann der Abtrieb des Ferrari dann auch nicht sein. Alles änderte sich am Bremspunkt von Kurve 10. "Ich komme da an, und plötzlich ist kein Grip mehr da. Den Rest der Runde bin ich nur noch gerutscht. Und so ging es allen bis auf Rosberg." Selbst Hamilton. Doch der war in der entscheidenden Runde selber schuld. Er hatte es in zwei Kurven übertrieben. Und schon schnellte die Oberflächentemperatur der Reifen in die Höhe.

Im Grunde hat sich in Barcelona seit den Testfahrten nicht viel geändert. Im Winter betrug die Lücke zwar nur 0,484 Sekunden, aber nur weil Ferrari seine schnellste Runde auf Supersoft-Gummis gefahren ist und Mercedes mit der Mischung "Soft".

Das lässt den Schluss zu, dass Ferrari gar nicht auf Mercedes verloren hat, sondern dass Barcelona einfach eine Mercedes-Strecke ist, mit der Ferrari nicht klarkommt. Weder im Winter, noch jetzt. Der Sektor 3 erzählt vielleicht die wahre Geschichte. Ein Abschnitt von 1,6 Kilometer Länge, mit Kurven gespickt und nur 400 Meter Gerade am Ende.

Benzindurchfluss-Trick nur Verschwörungstheorie?

Bei den Gegnern von Ferrari hatten Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Sie glauben, dass Ferrari beim Motor Federn lassen musste. Weil die FIA neuerdings den Benzindruck zwischen dem Durchflussmengensensor und der Hochdruck-Einspritzpumpe misst.

Damit soll verhindert werden, dass hinter der Messung der Durchflussmenge in den Halbgas-Phasen Benzin in einer Blase gespeichert wird, um beim Beschleunigen den Extra-Kraftstoff in den Benzinfluss einzuspeisen und so das Limit von 100 Kilogramm pro Stunde auszutricksen.

Dieser Kunstgriff würde vor allem in Sektor 3 Zeit bringen. Der Verzicht darauf dementsprechend Ferraris hohe Verluste in diesem Streckenabschnitt erklären. So die Hochrechnung der Analysten. Dann aber hätte Ferrari bei den ersten vier Rennen in den kurvenreichen Sektoren näher an Mercedes dran sein müssen. Dem Verdacht der Rivalen gemäß sollen die Roten da mit dem Benzintrick gefahren sein.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Ferrari hat in allen kurvenreichen Sektoren überproportional auf Mercedes verloren. In Melbourne 0,520 von 1,430 Sekunden. Das war mit 36,4 Prozent des Gesamtverlusts noch gnädig. In Sepang auf trockener Strecke ging in Sektor 2 mehr Zeit verloren als in der gesamten Runde. Exakt 104,4 Prozent. Vettel machte in den beiden anderen Streckenabschnitten Zeit auf die Silberpfeile gut.

In China schlug die kurvenreichste Passage (Sektor 2) mit 50,2 Prozent zu Buche, in Bahrain (Sektor 2) sogar mit 67,6 Prozent. Da fiel Barcelona mit einem Anteil von 59,5 Prozent für Sektor 3 fast noch gnädig aus. Das Problem am Circuit de Catalunya: Die anderen beiden Sektoren erlaubten es Ferrari nicht, verlorene Zeit gutzumachen.

Das wahre Bild, wo Ferrari nach dem großen Wettrüsten im Vergleich zu Mercedes steht, werden wir erst nach den nächsten drei Rennen kennen. Weil Monte Carlo, Montreal und der Red Bull-Ring ihre ganz eigene Charakteristik haben. Da muss Ferrari Flagge zeigen, will man Mercedes weiter herausfordern. Und in Silverstone steht dann schon die nächste Upgrade-Runde an.

StreckeGesamtrückstandRückstand KurvensektorAnteil an Gesamtrückstand
Melbourne1,430s*0,520s (S3)36,4%
Sepang0,545s0,569s (S2)104,4%
Shanghai0,905s0,454s (S2)50,2%
Sakhir0,411s0,278s (S2)67,6%
Barcelona0,777s0,462s (S3)59,5%
* Quali-Zeiten
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