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Urteil im Mercedes-Prozess

Milde Strafen für Mercedes und Pirelli

FIA Mercedes Prozess Foto: xpb 55 Bilder

Das Urteil im Prozess um den verbotenen Reifentest fiel am Freitag (21.6.2013) nach einer mehr als 7-stündigen Verhandlung am Vortag vor dem internationalen Sportgericht in Paris überraschend milde aus.

21.06.2013 Michael Schmidt

Mercedes ist schuldig, wird aber nur verwarnt und darf nicht an den drei Testtagen der "Young Drivers" im Juli teilnehmen. Auch Pirelli erhielt eine Abmahmung. Die FIA kann theoretisch gegen das Urteil Berufung einlegen.

Gericht folgt dem Straf-Vorschlag von Mercedes

Da sind Niki Lauda, Toto Wolff, Ross Brawn und das gesamte Mercedes-Team noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Statt der befürchteten Rekordstrafe im zweistelligen Millionenbereich oder einer Aberkennung von WM-Punkten, gab es nur eine Verwarnung und den Ausschluss vom so genannten Young Drivers-Test, der im Juli stattfinden wird.

Das Gericht unter Vorsitz von Edwin Glasgow folgte damit dem Antrag von Mercedes-Anwalt Paul Harris, der genau das im Falle einer Verurteilung als angemessene Strafe in dem Raum gestellt hatte. Auch Pirelli hat nichts zu befürchten. Der italienische Reifenhersteller ging ebenfalls mit einer Verwarnung aus dem Verfahren. Theoretisch kann die FIA in ihrer Rolle als Kläger gegen das Urteil Berufung einlegen. Das ist aber kaum anzunehmen.

Was hat Mercedes im Prozess gerettet?

Das Tribunal befand Mercedes sowohl im Fall von Artikel 22.4. als auch von Paragraf 151c für schuldig, erkannte aber an, dass man in guter Absicht gehandelt habe, nachdem man sich Auskunft "von qualifizierter Seite" eingeholt hatte. Damit ist die Billigung des Tests durch Charlie Whiting und FIA-Anwalt Sebastien Bernard unter bestimmten Bedingungen gemeint.

Red Bull-Teamchef Christian Horner glaubt, dass auch die Verwicklung von FIA-Rennleiter Charlie Whiting und die Testfahrten von Ferrari mit einem 2011er Auto vor dem GP Spanien eine Rolle gespielt haben könnten. "Ferrari hat Mercedes die strenge Verurteilung wegen Paragraf 151c erspart. Die FIA hätte sonst auch Untersuchungen gegen Ferrari einleiten müssen. Bei Artikel 22.4. kam Mercedes zugute, dass FIA-Mitarbeiter wie Charlie Whiting und ein Anwalt den Test unter Bedingungen gutgeheißen haben." Horner meinte aber auch, dass der Ausschluss vom Young Drivers-Test Mercedes geringeren Schaden anrichte, als dass ihnen der Dreitagestest mit Pirelli genutzt habe. "Zwei Stammfahrer bringen bessere Ergebnisse als Formel 1-Neulinge."

Um welche Paragrafen ging es im Mercedes-Prozess?

Die Juristen haben sich eineinhalb Tage lang die Köpfe über einem Berg von Akten und dem FIA-Regelbuch die Köpfe zerbrochen. Grundlage ist das Internationale Sportgesetz des Weltverbandes. Es geht um die Artikel 4.1. und 4.2., in denen Testfahrten definiert sind. Punkt 4.1. beschreibt die Testfahrten, die von den Lizenznehmern, also den Teams durchgeführt werden. Also die zwölf Tage vor der Saison, die drei so genannten "Young drivers"-Tage, die vier Aero-Testtage und die acht Promotiontage.

In Absatz 4.2. werden Reifentestfahrten speziell ausgeklammert. Sie unterliegen einem separaten Vertrag, den Pirelli mit der FIA abgeschlossen hat. Da darf der Reifenhersteller unter bestimmten Bedingungen auf Anfrage bei der FIA Testfahrten zur Entwicklung seiner Produkte durchführen. Eine der Bedingungen ist, dass alle Teams die gleiche Testmöglichkeit eingeräumt wird. Mit welchem Auto oder welchen Fahrern dieser Test bestritten wird, ist nicht explizit geregelt. Das muss Pirelli mit der FIA klären. Es geht aber auch um Paragraf 22.4. in dem ein Test mit dem aktuellen Auto während der Saison ausdrücklich verboten ist. Und es geht um Artikel 151c, der betrügerische Handlungen oder unfaire Vorteilsnahme zum Schaden des Sports verbieten.

Mercedes wurde für zwei Vergehen beschuldigt

Mercedes musste sich wegen Artikel 22.4 und 151c vor dem Schiedsgericht verantworten. Anwalt Paul Harris hielt die Vorwürfe für unbegründet. Man habe an einem Reifentest von Pirelli teilgenommen, der anderen Regeln unterliegt als normale Testfahrten. Pirelli war der Veranstalter dieses Tests, und Mercedes habe in diesem Rahmen alles unternommen, um nicht nach Artikel 22.4. straffällig zu werden.

Mercedes verweist dabei auf die Absicherung bei FIA-Rennleiter Charlie Whiting: "Wir haben alles unternommen, um uns nicht strafbar zu machen", erklärte Harris. FIA-Ankläger Mark Howard widersprach: "Auch Reifentestfahrten unterliegen dem Sportgesetz und damit Artikel 22.4. Charlie Whiting kann nur eine Meinung abgeben, nicht aber das Sportgesetz außer Kraft setzen." Pirelli zweifelte diese Auslegung an: "Nach dieser Auslegung dürften wir keine Reifentestfahrten mit aktuellen Autos durchführen. Für relevante Ergebnisse brauchen wir aber relevante Autos." Tenor: In unserem Vertrag mit der FIA steht nichts was uns davon abhält, mit einem aktuellen Auto zu testen.

Der Knackpunkt war die "Auskunft von qualifizierter Seite"

Die FIA warf Pirelli und Mercedes weiterhin vor, die von Whiting gestellten Bedingungen für den Test nicht erfüllt zu haben. Die anderen Teams seien weder informiert noch zu einem ähnlichen Test eingeladen worden. Pirelli präsentierte jedoch eine allgemeine Einladung vom März 2012 und eine Erinnerung vom Juni 2013. Mercedes erklärte sich für nicht zuständig, weil bei einem Pirelli-Test die Verantwortung bei Pirelli lag. Anwalt Harris merkte jedoch an: "Das Team hat sich bei Pirelli erkundigt, ob die Bedingungen der FIA erfüllt wurden." Das erkannte das Gericht als entlastendes Element an. Richter Glasgow bezeichnet Charlie Whitings Kompetenz in Regelfragen als "qualifizierte Seite". Während den Mercedes-Rechtsvertretern offenbar noch während der Verhandlung Zweifel kamen, ob man sich nicht doch nach Artikel 22.4. schuldig gemacht hat, wies Paul Harris jede Verwicklung mit dem Paragrafen 151c zurück.

Auf dieser Basis drohte Mercedes nämlich eine deutlich höhere Strafe als wegen der Verletzung von Paragraf 22.4. Man habe sich keinen unfairen Vorteil verschafft, weil man die Reifen den unterschiedlichen Probefahrten nicht zuordnen konnte. Das wurde von FIA-Anwalt Howard mit dem Argument entkräftet: "Wer 1.000 Kilometer fährt, lernt mehr als einer, der dies nicht tut. Und wenn es nur um Abfallprodukte wie Erkenntnisse über die Zuverlässigkeit geht.“ Harris zog Ferrari mit ins Boot, die zuvor zwei Mal einen ähnlichen Test durchgeführt hatten, allerdings mit einem zwei Jahre alten Auto. "Wenn wir in diesem Punkt schuldig sind, ist es Ferrari schon zwei Mal."

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