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Verkehrte Formel 1-Welt

Hackordnung komplett auf den Kopf gestellt

Giancarlo Fisichella Foto: Force India 63 Bilder

Im großen Formel 1-Kino wird momentan ein ungewöhnlicher Film gezeigt: Die Hauptdarsteller von 2008 sind nur noch Statisten. Die Komparsen des Vorjahres trumpfen auf. Nach acht Rennen ist klar: Die Formel 1 spielt völlig verrückt.

23.06.2009 Michael Schmidt

Man muss sich nur den Punktestand anschauen, um auf einen Blick zu erkennen, dass hier etwas nicht stimmt. Brawn GP und Red Bull haben fast zwei Drittel aller Punkte eingefahren. Zusammen bringen sie es auf 175,5 Zähler. Alle Siege gingen an die beiden WM-Kontrahenten. Die restlichen acht Teams haben in acht Rennen gerade mal 113 Punkte geschafft. Das erinnert an Weltmeisterschaften, wo Ferrari und McLaren-Mercedes das Gros der Zähler abgeräumt haben und der Rest der Teilnehmer nur Staffage war.

Brawn GP hieß im vergangenen Jahr noch Honda. Die hatten am Saisonende 14 Punkte auf dem Konto. Der Saldo wurde noch vor Saisonhälfte fast verachtfacht. Red Bull landete 2008 mit 29 Punkten auf Platz sieben. Jetzt ist die Ausbeute schon fast zweieinhalb mal so groß. Die Kleinen mucken auf. Williams macht vom Speed her Ferrari und Toyota Platz drei streitig. Wäre es nicht ein Einmannteam mit Nico Rosberg als einzigen Punktelieferanten, würde Williams in der Tabelle wahrscheinlich auf Augenhöhe mit Toyota und Ferrari stehen.

Force India überholt Werksteams

Jetzt erschreckt auch noch Force India das Establishment. Die dritte Ausbaustufe des VJM02 wurde in Silverstone gezündet, und Giancarlo Fisichella fuhr damit aus eigener Kraft auf Platz zehn. Er lag damit klar vor beiden BMW, beiden Renault und beiden McLaren-Mercedes. "Hätte ich im Training meine schnelle Runde nicht wegen Sutils Unfall abbrechen müssen, wäre ich weiter vorne gestartet und hätte es von dort in die Punkteränge schaffen können", ist Altstar Fisichella überzeugt. Während BMW, Renault und McLaren mit ihrem Entwicklungsprogramm auf der Stelle treten, kann Force India auf der Rennstrecke das halten, was der Windkanal verspricht.

McLaren-Mercedes ist seit vier Rennen punktelos. Die 13 Zähler standen schon nach dem GP Bahrain auf der Liste. Im letzten Jahr belegten die Silberpfeile mit 151 Punkten Rang zwei im Konstrukteurspokal. In Silverstone wurde Weltmeister Hamilton in der 30. Runde von Sieger Sebastian Vettel überrundet. Bei Halbzeit der Distanz - Höchststrafe für den Vorjahressieger. Silverstone bietet für den aerodynamisch kranken McLaren zwar ein denkbar ungünstiges Streckenlayout, doch die Silberpfeile sind auch auf den Kursen zurückgefallen, auf denen man zu Saisonbeginn noch ganz passabel war. "Wir drehen uns mit der Entwicklung ein bisschen im Kreis", gibt Teamchef Martin Whitmarsh zu.

Renault und BMW-Sauber treten auf der Stelle

Das gleiche trifft auf Renault zu. Immer mal wieder Retuschen am Auto, aber keine Wirkung. "Wir rackern uns ab, um auf der Stelle zu treten", stellt Fernando Alonso missmutig fest. Er kämpfte wie ein Löwe mit seinem Ex-Teamkollegen Lewis Hamilton und wurde dafür mit Platz 14 belohnt. Elf Punkte hat der Spanier in acht Grand Prix gesammelt. Dafür braucht er normalerweise zwei Rennen.

Katzenjammer auch bei BMW. Der WM-Dritte des Vorjahres läuft Gefahr, das schlechteste Ergebnis seit seiner Übernahme von Sauber Ende 2005 einzufahren. Bis jetzt verzeichnete die Truppe um Mario Theissen in jedem Jahr einen Aufwärtstrend. Man startete 2006 mit 36 Punkte, erhöhte 2007 auf 101 und dann im Vorjahr sogar auf 135 Punkte. Zur Zeit steht eine acht im Buch. Die letzten zwei Ausbaustufen verpufften. "Wir können zur Zeit aus eigener Kraft nicht in die Punkte fahren", bedauert Robert Kubica.

Hersteller tappen in die KERS-Falle

Die Formel 1-Revolution nur auf das neue Reglement zu schieben wäre zu einfach. Sicher wurden die Karten neu gemischt, doch das galt für alle. KERS spielt eine Rolle. Es kommt nicht von ungefähr, dass die vier Teams, die ein KERS-Auto gebaut haben, abgerutscht sind. Ferrari kommt mit dem Handikap Hybridantrieb noch am besten klar. Heute weiß man, dass sich Ferrari, BMW, McLaren-Mercedes und Renault konzeptionell einfach zu viele Nachteile eingekauft haben. Bremsbalance, Gewichtsverteilung, Aerodynamik, um nur drei zu nennen.

Doch die Entscheidung KERS ja oder nein mussten auch andere treffen. Dass ausgerechnet die echten Rennteams richtig antizipiert haben, sollte den Werken zu denken geben. Bei einigen beeinflussten innenpolitische Gründe die Entscheidung, bei anderen die unbedingte Glaube an den Segen der Computersimulation und bei wieder anderen einfach ein falscher Denkansatz.

Im vergangenen Jahr konnte in die Entwicklung der Autos noch einigermaßen ungebremst Geld investiert werden. Damit ist es 2010 vorbei, egal ob sich die FIA mit ihrem Budgetlimit oder die FOTA mit ihrer Ressourcenbeschränkung durchsetzt. Der FOTA-Plan lässt den großen Teams immerhin noch einige Schlupflöcher. Doch für die Werke wird es enger. Wer glaubt, dass im nächsten Jahr wieder Normalität eintritt, kann sich täuschen. Red Bull und Brawn GP werden wohl die Messlatte im GP-Sport bleiben.

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