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Aufholjagd in Abu Dhabi

Vettels Meisterstück oder nur Glück?

Vettel vs. Button GP Abu Dhabi 2012 Foto: xpb 43 Bilder

Die Experten waren sich einig: Das war ein Superrennen von Sebastian Vettel. Die Konkurrenz merkte anschließend aber auch an, dass bei der Aufholjagd viel Glück im Spiel gewesen sei. Wir analysieren, wie der Weltmeister in 55 Runden 21 Plätze gutmachen konnte.

08.11.2012 Michael Schmidt

Die Aufgabenstellung war schwer. Sebastian Vettel begann den GP Abu Dhabi nicht auf der Zielgeraden, sondern in der Boxengasse. Seine Ampel schaltete auf Grün, als Narain Karthikeyan die Boxenausfahrt passiert hatte. Da bremste Spitzenreiter Lewis Hamilton bereits Kurve 5 an.

Eben jener Hamilton, der beim GP Spanien vor einer ähnlichen Titanenaufgabe stand. Der McLaren-Pilot wurde nach einem Regelverstoß im Training ans Ende des Feldes strafversetzt. Hamilton landete nach 66 Runden des GP Spanien auf Rang acht. Bei einem Rennen mit durchschnittlich drei Boxenstopps und ohne Safety-Car. Hamilton probierte es antizyklisch mit zwei Reifenwechseln.

Das ist der Unterschied zu Vettel. Der GP Abu Dhabi war ein Einstopprennen. Vettel wechselte dagegen zwei Mal die Reifen. Und das Safety-Car rückte auch gleich zwei Mal aus für insgesamt zehn Runden. War das der Grund, warum Vettel auf Platz drei landete? Oder hat er einfach aggressiver überholt als Hamilton damals in Barcelona? Wie viel von Vettels Aufholjagd war hohe Rennkunst und wie viel glückliche Fügung? Wir haben das Rennen des Weltmeisters in seine Einzelteile zerlegt.

Erster Platzgewinn schon vor dem Start

Tatsache ist: Vettel hat das Feld zwei Mal von hinten aufgerollt. Der unplanmäßige Boxenstopp in der ersten Safety-Car-Phase warf ihn wieder ans Ende des Feldes zurück, nachdem er innerhalb von 13 Runden schon auf Platz elf geklettert war. Der erste Gegner reihte sich schon vor dem Start hinter ihm ein. Pedro de la Rosas HRT wurde nach einem Problem mit den Reifenheizdecken in die Boxengasse gerollt.

In der Startrunde ging es hoch her. Paul di Resta rempelte Nico Hülkenberg an, Nico Rosberg geriet mit Romain Grosjean aneinander. Hülkenberg hatte gleich Feierabend. Di Resta, Rosberg und Grosjean ließen nach einer Runde an den Boxen Kampfspuren beseitigen oder platte Reifen tauschen. Vier Gegner, die Vettel hätten aufhalten können, waren damit schon einmal weg.

Der Red Bull-Pilot kreuzte mit einem Rückstand von 15,1 Sekunden auf Hamilton nach der ersten Runde den Zielstrich. Auch er hatte eine Feindberührung. Bei einer Attacke auf Bruno Senna ging rechts vorne die Endplatte fliegen. Doch wie viele Autos hat Vettel bis zur ersten Safety-Car-Phase tatsächlich auf der Strecke überholt? Wir zählen sie auf:

Runde 2: Narain Karthikeyan
Runde 3: Charles Pic und Bruno Senna
Runde 4: Vitaly Petrov und Timo Glock
Runde 7: Heikki Kovalainen
Runde 9: Jean-Eric Vergne

Frontflügel zwingt Vettel früh an die Box

In der Runde bevor das Safety-Car ausrückte, hatte Vettel einen Rückstand von 24,8 Sekunden auf Hamilton, 24,0 Sekunden auf Kimi Räikkönen, 19,4 Sekunden auf Fernando Alonso und 14,7 Sekunden auf Jenson Button. Der schrumpfte in der Schlange hinter Bernd Mayländer auf 9,7 Sekunden zum Spitzenreiter zusammen.

Dann kam Daniel Ricciardos abruptes Bremsmanöver und Vettels Schlenker in das Warnschild am Streckenrand. "Jetzt war der Frontflügel richtig platt. Ich musste an die Box kommen." Red Bull schnallte ihm einen Satz gebrauchte Reifen der weichen Mischung auf. Damit war Vettel antizyklisch im Feld unterwegs.

Der Stopp warf den WM-Spitzenreiter von Platz 11 auf Rang 21 zurück. Kurz bevor das Safety-Car wieder einscherte, wurde für Vettel ein Rückstand von 12,8 Sekunden auf die Spitze gemessen. Das Spiel begann von vorn. Bis zur zweiten Safety-Car-Phase. Wir zählen wieder die echten Überholmanöver:

Runde 15: Paul di Resta
Runde 16: Romain Grosjean und Charles Pic
Runde 17: Romain Grosjean, den Vettel wieder vorbeilassen musste, weil er den Franzosen neben der Strecke überholt hatte
Runde 18: Timo Glock. Vitaly Petrov entzog sich dem Überholmanöver durch einen Ausflug neben die Strecke.
Runde 20: Jean-Eric Vergne und Heikki Kovalainen
Runde 21: Bruno Senna
Runde 23: Daniel Ricciardo
Runde 25: Michael Schumacher

Alternative Strategie spült Vettel nach vorne

Damit waren die Überholvorgänge erst einmal beendet und der fünffache Saisonsieger hatte endlich ein freies Stück Straße vor der Nase. Gleichzeitig leitete Kamui Kobayashi den Reigen der Reifenwechsel der Einstopper ein. Der Japaner bog kurz vor dem Red Bull in die Boxengasse ab.

Vettel lag jetzt auf Platz sieben, 22,6 Sekunden hinter Spitzenreiter Räikkönen, 15,8 Sekunden hinter Alonso und 10,7 Sekunden hinter Button. Lewis Hamilton war bereits in Runde 20 mit defekter Benzinpumpe von der Bildfläche verschwunden. Der McLaren-Pilot hatte vor seinem Ausfall einen Vorsprung von 24,5 Sekunden auf Vettel.

In den Runden 28, 29 und 30 kam der Spitzenpulk zum Reifentausch an die Boxen. Nur Räikkönen blieb vor Vettel. Alonso, Button, Maldonado und Perez rutschten hinter den Weltmeister. Webber hatte in der 23. Runde nach einem missglückten Angriff auf Maldonado sieben Sekunden auf Vettel eingebüßt und sah ihn sieben Runden später schon formatfüllend im Rückspiegel. Der Australier wurde vom Kommandostand aufgefordert Platz zu machen, da er sich aber standhaft weigerte, holte man ihn an die Box. Damit war das Problem für Vettel ebenfalls kampflos geregelt.

Grosjean und Di Resta helfen Vettel

Nach der Serie der Boxenstopps ergab sich folgendes Bild: Räikkönen führte in der 32. Runde mit 1,4 Sekunden vor Vettel. Der wiederum hatte 6,0 Sekunden Vorsprung auf Alonso, 6,9 Sekunden auf Button und 16,5 Sekunden auf ein Paket mit Grosjean und di Resta. Die beiden Unfallopfer der ersten Runde lagen vor der Gruppe, die Vettel hätte gefährlich werden können, wenn der Titelverteidiger seinen zweiten Stopp einlegen würde.

Der Pulk mit Perez, Webber, Maldonado, Kobayashi, Schumacher und Massa musste Tempo machen, konnte aber nicht, weil er auf Grosjean und di Resta mit ihren ausgelutschten Reifen auflief. Diese Gruppe bekam Vettel während des Rennens nie zu Gesicht, sieht man einmal davon ab, dass er den einen oder anderen vor sich an die Boxen abbiegen sah.

Vier Runden später hatte sich der Rückstand der von Grosjean aufgehaltenen Verfolgergruppe auf 20,5 Sekunden zu Vettel vergrößert. Die Red Bull-Box konnte langsam darüber nachdenken, den in Runde 13 aufgezogenen Reifensatz zu tauschen. Zumal Alonso und Button immer näher rückten, Räikkönen an der Spitze aber aus Vettels Sichtfeld verschwand.

Zweites Safety-Car reduziert Abstand auf die Spitze

In Runde 37 war es soweit. Vettel bekam erneut gebrauchte weiche Reifen und ging mit 24,4 Sekunden Rückstand auf Räikkönen, mit 15,7 Sekunden auf Alonso und 14,6 Sekunden auf Button wieder ins Rennen. Seine Gegner waren alle hart bereift. Dann meinte es der Renngott erneut gut mit dem Mann, der aus der Boxengasse gestartet war. Eine Kettenreaktion zwischen di Resta, Grosjean, Perez und Webber brachte zum zweiten Mal das SafetyCar auf die Strecke.

Damit schrumpften alle Abstände auf Sichtkontakt zusammen. Als das Rennen in der 43. Runde wieder freigegeben wurde, dachten Optimisten sogar an einen Sieg. Doch während Räikkönen erneut unwiderstehlich davonzog, kam Vettel nicht gleich an Button vorbei. Der DRS-Vorteil egalisierte sich, weil auch Button in Alonsos Windschatten den Heckflügel flachstellen durfte.

Alonso hilft Vettel bei Button-Manöver

Acht Runden vor Schluss gab Alonso Gas. "Da war ich mir sicher, dass die Reifen halten." Mit fünf Rekordrunden in Serie verkürzte er Räikkönens Vorsprung von 3,2 auf 0,8 Sekunden. Vettel musste sich dagegen noch acht Runden hinter Button anstellen. Dann kam es zum letzten Überholmanöver des Rennens.

Runde 52: Jenson Button

Im Ziel fehlten Vettel 4,1 Sekunden auf den Sieger und 3,3 Sekunden auf Alonso. Der Drittplatzierte sprach von "meinem turbulentesten Grad Prix". Er war trotz aller glücklichen Fügungen ein Meisterstück, denn die Einstoppstrategie seiner Gegner bot ihm weniger Angriffsfläche als das bei Hamilton in Barcelona der Fall war. Der Engländer überholte beim GP Spanien zwölf Gegner auf der Rennstrecke. Bei Vettel waren es 18. Was in Abu Dhabi dank zweier DRS-Zonen sicher einfacher als in Barcelona war.

In noch einem Punkt unterschieden sich die beiden Überholkünstler. Vettels Weg in Abu Dhabi führte abgesehen von den Boxenstopps immer nur vorwärts. Hamilton musste sich in Spanien ein Mal überholen lassen. Von Vettel, vier Runden vor Schluss.

Was ist Ihre Meinung? War die Vettel-Aufholjagd Glück oder Können? Schreiben Sie uns Ihre Kommentare! In unserer Bildergalerie erzählen wir das spektakuläre Rennen von Abu Dhabi noch einmal nach.

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