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Vettel-Konkurrez demoralisiert

Warum war Vettel in Singapur so schnell?

Sebastian Vettel GP Singapur 2013 Foto: Wilhelm 58 Bilder

Das war eine Demonstration der Stärke. Immer wenn Sebastian Vettel in Singapur ernst machte, flog er der Konkurrenz um 1,5 Sekunden pro Runde davon. Doch der dreifache Singapur-Sieger musste nur selten ernst machen. So überlegen war er. Alle fragen sich, wie das möglich ist. Wir begeben uns auf Spurensuche.

24.09.2013 Michael Schmidt

Niki Lauda zog wieder mal sein Kapperl. Das tut er öfter, doch diesmal fiel die Verbeugung besonders tief aus. "Der Sebastian kommt aus der ersten Runde mit einem Vorsprung von 1,5 Sekunden zurück. Das ist einfach unglaublich. Ich habe noch nie eine solche Perfektion gesehen. Wenn er will, fährt er allen anderen zwischen einer und zwei Sekunden davon."

Auch Ex-Pilot Martin Brundle applaudierte: "Vettel befindet sich genau in der Komfortzone, in der alles funktioniert. Seine Runden sind perfekt. Die Linie, der Gaseinsatz, die Bremspunkte. Praktisch null Fehler. Alles ist in einem Fluss. Er setzt sein Auto dorthin, wo es hin muss. Es ist sein persönliches Drama, dass diese Leistung klein geredet wird. Alle sagen, dass der Red Bull die Zeiten fährt. Aber Webber sitzt auch in einem Red Bull. Und Mark ist ein guter Rennfahrer."

Das eine ist Leichtigkeit, das andere Kampf

Sebastian Vettels Verzicht auf einen zweiten Trainingsversuch hat die Überlegenheit ein bisschen verwässert. Nico Rosbergs Rückstand von 0,091 Sekunden im Qualifying sieht gar nicht so dramatisch aus.

Auf der anderen Seite entsprach der Vorteil auf Rosberg in der Phase nach der Safety-Car-Phase, als Vettel ernst machte, weil er einen Vorsprung auf Fernando Alonso herausfahren musste, nicht 2,5 Sekunden. Rosberg fuhr mit dem Handikap, dass Gummiklumpen die Frontflügelschlitze zugekleistert hatten. Das kostete über eine Sekunde pro Runde. Trotzdem waren die Unterschiede zwischen Vettel und Rosberg beim bloßen Hinschauen erkennbar.
 
Noch einmal Brundle: "Vettel fuhr wie auf Schienen. Rosberg wuchtet sein Auto um den Kurs. Das eine ist Leichtigkeit, das andere Kampf. Vettel muss nicht über die Randsteine. Er bleibt den Mauern fern. Er gibt aus den Ecken raus ganz vorsichtig Gas. Die anderen sind überall am Limit. Auf den Randsteinen, an der Mauer, am Gaspedal." Da stellt sich für viele die Frage: Wie viel ist Red Bull, wie viel Vettel? Die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte.

Webber verliert, wenn es schwierig wird

Nehmen wir das Training. Auf den harten Reifen war Mark Webber gleich schnell, wenn nicht schneller. Auf den weichen verlor er mehr als eine halbe Sekunde. Was ist die Erklärung dafür? Webber konnte oder wollte sie nicht geben. Vielleicht, weil er hätte zugeben müssen, dass Vettel den Unterschied ausgemacht hat.

Der Red Bull RB9 war klar das schnellste Auto auf dem Marina Bay Circuit. Auf den unkritischen Medium-Reifen haben Vettel und Webber gleichermaßen davon profitiert. Die Supersoft-Sohlen dagegen sind heikel. Man muss sie auf den Punkt genau anwärmen und auf Fingerspitzen über die Runde bringen, so dass die Vorderreifen sofort zubeißen, die Hinterreifen die lange Runde aber überstehen, ohne in den letzten sechs Kurven zu überhitzen.

Das kann Vettel besser als Webber. Die Zwischenzeiten verraten es. Der Australier verlor den Großteil seiner Zeit im letzten Sektor. Vettel denkt sich in die Materie mehr ein. Er nutzt deshalb den Gripvorteil der weichen Reifen besser als sein Teamkollege.

Red Bull gewinnt überall Zeit

Die Teams können heute alles analysieren. Via GPS-Messungen weiß man auf den Zentimeter genau, wo das Auto wann ist. Das eigene und das des Gegners. Red Bull gewinnt überall Zeit. Am Kurveneingang, weil das Auto williger einlenkt. Am Scheitelpunkt, weil das Heck besser auf der Straße klebt. Am Kurvenausgang, weil die Hinterräder weniger durchdrehen. Das schont auch die Reifen.
 
Nicht alles ist Aerodynamik. "Bei Geschwindigkeiten unter 120 km/h spielt die Mechanik eine gleich wichtige Rolle", erklärt Sauber-Chefingenieur Tom McCullough. Red Bull hat den Dreh raus, wie man die Reifen schnell in ihr Arbeitsfenster bringt. Keiner setzt das Puzzle aus Radsturz, Vorspur, Federweg, Rollsteifigkeit und Luftdruck so brillant um wie Adrian Newey. Der Technikguru von Red Bull ist nicht nur ein Aerodynamikgenie.

Was macht Renault mit dem Motor?

Am Kurvenausgang zählen drei Faktoren. Abtrieb, mechanischer Grip und eine sanfte Drehmomentkurve. Den Abtrieb bei langsamen Geschwindigkeiten holt sich Red Bull über den Auspuff. Es gibt Stimmen, dass der Auspuff bereits wieder so viel Anpressdruck beisteuert wie 2011, als er noch im Boden münden und der Motor auch im Schleppbetrieb Auspuffgase produzieren durfte.

Das liegt an der Positionierung der Endrohre, deren Durchmesser, dem Weg von dort bis zur Diffusorspalte. Es liegt aber auch daran, wie viel Abgase in der Phase zwischen null und 50 Prozent Gaspedalstellung produziert werden. Renault hat da offenbar den Supertrick gefunden. Exklusiv für Red Bull. Lotus, Williams und Caterham fahren andere Programme.
 
Der Red Bull-Modus würde ihnen auch nicht viel nutzen, weil das Umfeld ein anderes ist. Die Gegner rätseln seit geraumer Zeit, was genau Renault mit seinem Motor in den kritischen Phasen macht. Kein anderes Auto begleiten so viele Fehlzündungen durch die langsamen Kurven. Unter bestimmten Umständen darf der Motor auf vier Zylindern nachzünden. Das nutzt Red Bull aus.

Vettel macht sich sein Glück selbst

Und jetzt kommt wieder Vettel ins Spiel. Er begreift die Zusammenhänge und nutzt die Vorteile der Technik aus, in dem er seine Linie, seinen Gaspedaleinsatz, seine Schaltpunkte anpasst. Brundle ärgert sich, dass man Vettel immer vorwirft, er habe Glück. "Es ist das Glück des Tüchtigen. Warum verstopft es bei Rosberg den Frontflügel? Weil er hinter Vettel fährt und sein Mercedes mit Gummiklumpen beworfen wird. Vettel hat das Problem an der Spitze nicht."
 
"Warum geht bei Webber der Kühler oder das Getriebe kaputt? Weil er im Verkehr steckt und ihm die Gegner seinen Fahrstil aufzwingen, oder er Teile aufsammelt, die der Vordermann verliert. Die Kunst von Sebastian ist es, dass er auch aus schlechten Situationen noch das Beste herausholt. Er gewinnt den Start, obwohl Rosberg besser wegkommt. Ich sehe nur einen, der auf diesem hohen Niveau fährt. Und das ist Alonso."

Vettel betont harte Arbeit hinter dem Erfolg

Auch Vettel selbst ist das Gerede offenbar langsam leid. Die gute Leistung sei nur der harten Arbeit seines Teams zu verdanken: "Wenn die anderen nach Hause gehen und sich die Eier in den Pool hängen, dann sind wir noch da und tüfteln weiter am Auto. So etwas macht über das Wochenende gesehen und über das Jahr gesehen den Unterschied", erklärte der Singapur-Sieger mit seltener Direktheit.

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