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Vettels fünf WM-Geheimnisse - Teil 5

Hat Schumacher Vettel wirklich geholfen?

Liuzzi Schumacher Crash GP Abu Dhabi 2010 Foto: xpb 36 Bilder

Sie glauben bereits alles über das irre WM-Finale von Abu Dhabi zu wissen? Wir verraten Ihnen fünf Geheimnisse über Vettels Titel, die bisher im Verborgenen blieben. Teil 5: Warum der Schumacher-Crash nicht unbedingt ein Vorteil für Vettel sein musste.

22.11.2010 Michael Schmidt

Das Safety-Car in der ersten Runde des GP Abu Dhabi stand in keinem Skript. Es hat dem Rennen eine Wendung gegeben, die Rosberg und Petrov die richtige Entscheidung treffen ließ und Alonso die falsche. Doch war der Schumacher-Crash wirklich der Matchwinner für Sebastian Vettel?

Die Schlagzeile las sich gut am Montag danach. Michael Schumacher hilft Sebastian Vettel zum WM-Titel. Der Mercedes-Pilot hatte sich ausgangs Kurve 6 gedreht und blickte nach der Pirouette dem Feld ins Gesicht. Bis ihn Vitantonio Liuzzi mit seinem Force India volley torpedierte. Ein Unfall, der leicht ins Auge gehen hätte können. Die logische Konsequenz war der Einsatz des Safety-Cars.

Früher Wechsel nur für "weichbereifte" Piloten eine Option

Eine derart frühe Neutralisation ist der Schrecken aller Strategen. Weil sie die üblichen taktischen Szenarios und ihre Alternativstrategien völlig über den Haufen wirft. Wer wie Nico Hülkenberg, Robert Kubica, Adrian Sutil, Sebastien Buemi, Jarno Trulli, Heikki Kovalainen und Timo Glock auf harten Reifen gestartet war, der hatte gar keine Wahl. Die genannten sieben Fahrer mussten weiterfahren. Sofort auch weiche Reifen zu wechseln wäre wenig ratsam gewesen. Die weichen Sohlen hätten 53 Runden überstehen müssen. Das traute dem Reifentyp "supersoft" keiner zu.

Bei den "weich" bereiften Autos war es dagegen sinnvoll, einen frühen Boxenstopp ins Kalkül zu ziehen. Die harte Mischung war fast ein bisschen zu hart für den Kurs. Sie würde ohne Probleme eine ganze Renndistanz überleben. Sechs Fahrer entschieden sich für die Risiko-Variante: Nico Rosberg, Vitaly Petrov, Jaime Alguersuari, Bruno Senna, Lucas di Grassi und Christian Klien.

Mercedes-Taktik stand schon vor dem Rennen

Damit wurden Rosberg, Petrov und Alguersuari zu einem Faktor für die Spitzenleute. Sie fielen zwar auf die Plätze 17, 18 und 19 zurück, hatten aber wegen der Safety-Car-Phase direkten Anschluss an das Feld. Die Autos mit weichen Reifen vor ihnen würden eine Zeitlang noch Tempo machen und nicht im Weg stehen. Damit konnten Rosberg und Co ihren Speed der frischen Reifen sofort nutzen. Sie würden nicht allzuviel Zeit auf die Spitze verlieren, bei der sich irgendwann der Verschleiß der weichen Reifen bemerkbar machen musste.

Aus diesen Überlegungen heraus gab es für Mercedes-Teamchef Ross Brawn keinen Grund abzuwarten: "Bei uns stand schon vor dem Rennen fest: Wenn es in der ersten Runde kracht, rüsten wir auf harte Reifen um." Bei Rosberg kam noch hinzu, dass er sich auf der harten Mischung wesentlich wohler fühlte. Mit diesem Reifentyp war er im Abschlusstraining vier Zehntel schneller, entschied sich dann aber aus "strategischen Gründen" Rundenzeit herzuschenken und sich auf den weichen Gummis zu qualifizieren.

Rosberg und Petrov bringen Strategie durcheinander

Sauber hätte eigentlich der Mercedes-Taktik folgen müssen, doch die Schweizer ließen Kamui Kobayashi und Nick Heidfeld auf der Strecke. Die Variante des frühen Boxenstopps wurde schon von vornherein wegen der relativ guten Startplätze (12 und 14) verworfen. Der frühestmögliche Boxenstopp in den Simulationsprogrammen war die Runde 5.

Spätestens in Runde 10 musste allen an der Spitze klar sein, dass der Zug Rosberg-Petrov-Alguersuari eine echte Bedrohung darstellt. Rosberg bekam zu diesem Zeitpunkt nur 20,444 Sekunden Rückstand auf Vettel angezeigt. Alonso hatte gar nur 12,801 Sekunden Luft auf die Gruppe der Alternativen im Mittelfeld. Jedem der WM-Kandidaten musste klar sein, dass man auf keinen Fall in diesen Zug geraten durfte. Man wusste aus dem Vorjahr, wie schwierig überholen in Abu Dhabi ist. Deshalb kam von Vettel bis Webber für keinen ein Reifenwechsel in Frage, solange man nicht genug Vorsprung auf den Rosberg-Pulk haben würde.

Früher Stopp hätte Alonso zum Weltmeister gemacht

Spätestens hier stellt sich die Frage, ob nicht auch Ferrari Alonso schon in der ersten Runde an die Boxen holen hätte müssen. Im Rückblick auf jeden Fall. Denn Alonso wäre vor Rosberg auf die Strecke zurückgekommen und hätte im Ziel somit seinen Platz eingenommen. Als Vierter wäre Alonso heute Weltmeister. Der Schumacher-Crash war also nicht unbedingt eine Schützenhilfe für Vettel. Ferrari musste schon mithelfen.

Die Roten hatten die Wahl: Stopp nach einer Runde, Stopp nach 15 Runden, oder Ausharren, hinter Button herfahren und erst zwischen Runde 35 und 40 die Boxen ansteuern, wenn der Abstand zu Rosberg genügend groß gewesen wäre. Lösung eins und Lösung drei hätten Alonso zum Weltmeister gemacht. Ferrari entschied sich genau für den falschen Weg.

Ferrari rechnet mit höherem Reifenverschleiß

Doch die Strategen aus Maranello verteidigen sich: "Unsere Entscheidung basierte auf einer falschen Annahme. Wir dachten, dass die weichen Reifen wesentlich schneller abbauen würden. Deshalb war Webber für uns ein Faktor. Deshalb konnte McLaren anders taktieren, weil sie gar nichts mehr zu verlieren hatten. Deshalb konnte Vettel an der Spitze lange ausharren, weil er wenig zu verlieren hatte."

Somit wurde Fernando Alonsos Dauerlauf am Freitagabend mit den weichen Reifen zum Killer für Ferrari. Die Reifen brachen bei diesem Versuch innerhalb von sechs Runden um zwei Sekunden ein. Man kann Chris Dyer und Andrea Stella vorwerfen, dass sie ihren Fahrer nicht länger mit seinem ersten Reifensatz fahren ließen. Doch hätten sie auch in der ersten Runde schnell reagieren müssen?

Früher Wechsel zu riskant für Ferrari

Tatsächlich hatte Ferrari im Gegensatz zu Sauber das Szenario kurz durchgerechnet, aber sofort als zu riskant ad acta gelegt. Zugegeben, es wäre eine Entscheidung mit einem hohen Risiko-Faktor für einen WM-Kandidaten gewesen. Doch aus heutiger Sicht durchaus vertretbar.

Aus Alonsos Sicht war klar, dass er der erste dieser Gruppe gewesen wäre. Ihn hätten bestenfalls Fahrer wie Heidfeld, Hülkenberg, Sutil, Kobayashi oder Kubica aufhalten können. Irgendwann würden sie aus dem Weg gehen. Die einzige Gefahr wäre von Kubica ausgegangen, wenn Alonso festgehangen wäre. Doch der Pole hätte sich schon dramatisch von Kobayashi, Hülkenberg und Sutil absetzen müssen, um sich seinerseits Luft auf Alonso zu verschaffen. Auch das war unwahrscheinlich.

Ferrari-Strategen: Keine Zocker, keine kühlen Taktiker

Jenson Button war für Alonso dagegen nie eine Gefahr. Es war völlig egal, wie der Ex-Weltmeister taktieren würde, da er ja bereits nach dem Start vor Alonso lag. Dem Spanier reichte ein vierter Platz hinter Button völlig aus. Button hätte Vettel nur mit einem Sieg ärgern können. Ihm hätte ein Reifenwechsel in Runde 1 wenig gebracht. Auch er wäre in den Pulk der "hart" bereiften gefallen, hätte aber Tempo bolzen müssen, um den Abstand auf Vettel unter 21 Sekunden zu drücken. Das wäre im Verkehr kaum möglich gewesen.

Glück für Vettel, dass am Ferrari-Kommandostand an diesem Abend weder Zocker noch klar kalkulierende Strategen saßen. Erst verschliefen sie das Geschenk, dass Schumacher eigentlich Alonso machte, dann verfielen sie in Panik, weil Webber unplanmäßig früh an die Boxen kam.

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