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Nürburgring-Chef Walter Kafitz

Neuer Nürburgring ist weltweit einmalig

Walter Kafitz, Geschäftsführer der Nürburgring GmbH, über die neu erschaffenen Attraktionen, die Alleinstellungsmerkmale der traditionsreichen Strecke und über die Rolle des Projekts "Nürburgring 2009" als Job-Maschine.

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Wie entstand die Idee, den Nürburgring mit einem Themenpark weiter zu entwickeln?
Kafitz: Ende der neunziger Jahre haben wir einen neuen Formel 1-Vertrag mit Bernie Ecclestone abgeschlossen. Es ging um Riesensummen, und es waren auch schon entsprechende Preissteigerungen enthalten. Damals waren wir zwar bei jedem Formel 1-Rennen ausverkauft und haben gutes Geld verdient. Aber wir wussten: Irgendwann kommen wir wegen der Formel 1 in die roten Zahlen. Also mussten wir etwas entwickeln, um uns auch in Zukunft die Formel 1 leisten zu können. Wir haben pro Jahr rund zwei Millionen Besucher, aber 70 Prozent davon kommen in den Monaten zwischen Mai und September. Die Mitarbeiter bezahlen wir aber zwölf Monate lang.

Also war klar, dass diversifiziert werden muss?
Kafitz: Ja, wir wollen sowohl Privatkunden wie auch Geschäftskunden erreichen: So entstand die Idee, ein ganzjährig zu nutzendes Freizeit- und Businesszentrum zu bauen. Hinter der Haupttribüne hatten wir eine Menge Platz. Also dachten wir, da könnte man doch einen Boulevard, eine Flaniermeile mit Autowelten bauen, überdacht und damit allwettertauglich. Wir haben diese Pläne möglichen Kunden vorgestellt. Die sagten sofort: Ihr müsst aber entsprechende Übernachtungskapazitäten schaffen. Ein wichtiger Punkt war auch die Abendunterhaltung.

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Die ersten Pläne zur Neuausrichtung des Nürburgrings wurden 2004 der Öffentlichkeit vorgestellt.
Kafitz: Damals wussten wir noch nicht genau, was es kostet und wie es zu finanzieren ist. Dann kam ein privater Investor dazu, die Firma Mediinvest. Und zwar mit dem Vorschlag, ein Erlebnisgastronomie- Zentrum auf der anderen Seite der Bundesstraße und das geplante Motorsport-Dorf in der Nähe, in der Ortschaft Drees, zu errichten. Wir entwickelten dann auch die Idee, das Angebot auf dem riesengroßen Boulevard zu ergänzen mit einer Arena, in der Konzerte, aber auch andere Sportarten, beispielsweise Boxen, stattfinden könnten. Auch die Fläche für Kongresse und Tagungen sollte erweitert werden.

Am Nürburgring wurde bereits vor ein paar Jahren kräftig modernisiert, oder?
Kafitz: Richtig, das war Teil des Projekts 2000 Plus. Es entstand 1995, als die Formel 1 zu uns zurückkehrte. Wir hatten nur einen Einjahresvertrag, und alle sagten: Da wird die Formel 1 bald wieder weg sein. Wir haben aber überlegt: Wie können wir Bernie Ecclestone beeindrucken? So entstanden in Zusammenarbeit mit Architekt Hermann Tilke zum Beispiel die neue Boxenanlage, die Mercedes-Arena, das Medical Center und die Erlebniswelt.

Wie groß ist das Einzugsgebiet des Nürburgrings?
Kafitz: Im Umkreis von zwei Autostunden leben 21 Millionen Deutsche und 3,5 Millionen Benelux-Bürger. Dazu kommen jährlich vier Millionen Touristen in die Gegend. Das Potenzial ist riesengroß. Nach diesen Untersuchungen waren wir sicher: Es müsste zu schaffen sein, pro Jahr 500 000 Besucher zusätzlich anzulocken. Genauso wichtig ist es uns aber, dass die Leute länger bleiben und dass wir mehr Übernachtungsgäste bekommen. Bislang zählen wir zwei Millionen Besucher jährlich - mehr als jede andere Rennstrecke weltweit.

Ist das Projekt Nürburgring 2009 das größte Bauvorhaben des Landes Rheinland-Pfalz?
Kafitz: Es ist ein Leuchtturmprojekt für das Land, das zu 90 Prozent an der Nürburgring GmbH beteiligt ist.

Der Kostenvoranschlag von November 2007 belief sich auf 215 Millionen Euro. Ist diese Zahl noch realistisch?
Kafitz: Wir sind jetzt bei 258 Millionen Euro. Der Anteil des Nürburgrings stieg von 135 auf 158 Millionen Euro. Allein der extrem harte Winter 2008 auf 2009 verursachte Mehrkosten in Höhe von über zehn Millionen Euro. Acht Millionen Euro gehen auf das Konto von zusätzlichen Attraktionen. Der Verlauf des Race-Coaster wurde mit einer Steilkurve interessanter gemacht. Auch das hat ein paar Millionen zusätzlich gekostet. Es war aber nötig, um in Zukunft, wenn andere nachziehen sollten, noch die Nase vorne zu haben.

Kam durch die Finanzkrise eine Unwucht in das Projekt?
Kafitz: Die Finanzierung war ja gesichert. Dank unserer Gesellschafterstruktur bekommen wir relativ günstige Kredite. Beim Privatinvestor ist jedoch aufgrund der Finanzkrise eine Kreditzusage zurückgezogen worden. Da haben wir geholfen, indem wir einen Zwischenkredit über drei Millionen Euro vermittelt haben. Seit Januar ist aber wieder alles in trockenen Tüchern. Wir wollten unseren Teil des Bauvorhabens am liebsten zu 100 Prozent über private Investoren refinanzieren. Vergangenen September hatten wir schon eine entsprechende Presseerklärung fertig. Dann kam uns aber die Bankenkrise dazwischen.

Sie kam also aus Ihrer Sicht um ein Jahr zu früh?
Kafitz: Schon eine Vierteljahr später hätte es für uns gereicht. Doch hier reden wir von der Kür. Das Pflichtprogramm haben wir abgearbeitet.

Der Nürburgring hat eine bequeme Gesellschafterstruktur.
Kafitz: Bequem würde ich sie nicht nennen. Eher: überschaubar, verlässlich und langfristig orientiert. Wir müssen keinen Aktionismus entwickeln, um Aktionäre zu befriedigen.

Welche wirtschaftlichen Effekte hat das Projekt Nürburgring 2009?
Kafitz: Wir erwarten jährlich 50 Millionen zusätzlichen Außenumsatz, also echten Umsatz, der hinzukommt, ohne die Geschäfte zu berücksichtigen, die zwischen den einzelnen Firmen abgewickelt werden. Dazu kommen auf Dauer 500 Vollzeitarbeitsplätze, ohne die Aushilfen mitzuzählen. Als ich 1994 anfing, waren 41 Mitarbeiter an Bord, vor dem Projekt hatten wir rund 60 Mitarbeiter, und jetzt wachsen wir auf rund 200. Wir werden am Ring direkt rund 1000 Arbeitsplätze haben.

Wann rechnen Sie mit Break-even für den Freizeit- und Businesspark?
Kafitz: Wir planen für das ring°werk, den Themenpark des Rings, mit 480.000 Besuchern pro Jahr. Die Kapazität pro Tag beträgt rund 2.200 Menschen. Mehr können wir nicht reinlassen, um lange Wartezeiten zu vermeiden. Das sind keine utopischen Zahlen. Ich war kürzlich in Dubai, wo die "Formula 1-Experience" entsteht. Dort kalkuliert man mit drei Millionen Besuchern. Unser Ziel ist es, die Wertschöpfungskette zu verlängern. Wenn wir es schaffen, die Besucherzahl von zwei auf 2,5 Millionen zu steigern, schreiben wir im Jahr 2014 schwarze Zahlen.

Sie kennen auch viele andere Rennstrecken auf der Welt. Gibt es irgendwo etwas Vergleichbares?
Kafitz: Nicht einmal annähernd gibt es anderswo ein ganzjährig nutzbares Freizeit- und Businesszentrum. Wir sind eine der größten Sportstätten Deutschlands, hier gibt es eine der größten Eventflächen Deutschlands. Bei uns gibt es Rockkonzerte, Boxweltmeisterschaften, zwei Fahrsicherheitszentren, einen Offroad-Park und eine Rennfahrerschule. So einen Platz, wo Gegensätze zusammenprallen wie Geschichte und Gegenwart, Natur und High Tech oder Spannung und Entspannung, finden Sie weltweit kein zweites Mal.

Welches Motto steht bei den Attraktionen im Vordergrund?
Kafitz: Wir haben uns beispielsweise die Frage gestellt: Was macht den Reiz des Motorsports aus? Ganz klar: Geschwindigkeit, Beschleunigung, Bremskräfte. So entstand die Idee zum ring°racer, der schnellsten Achterbahn der Welt. Die Passagiere werden in 2,5 Sekunden von null auf 217 km/h beschleunigt.

Zur Formel 1: Merken Sie schon eine gewisse Vettel-Mania?
Kafitz: Nein, das ist noch nicht so richtig ins Bewusstsein der Menschen eingedrungen. Vettel hat alle Anlagen, zu einem Reißer vom Kaliber Michael Schumacher zu werden. Er ist ein Sonnyboy, ist schnell, hat Humor, gibt intelligente Antworten, und er bewegt sich gut vor der Kamera.

Wie wichtig ist die Formel 1 für den Nürburgring?
Kafitz: Sie ist weltweit die Königsklasse, die Champions League. Wer nicht dabei ist, gehört nicht dazu. Die Formel 1 bewegt sich aber auf einem gefährlichen Pfad: Sie wird zu teuer. Wenn nur noch im Nahen und Fernen Osten gefahren werden kann und nicht in Europa, dem Heimatkontinent der Formel 1, weil sich kein Veranstalter mehr das Startgeld leisten kann, gerät auch die Formel 1 auf die schiefe Bahn.

Autor: Claus Mühlberger
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