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Was fehlte dem GP Kanada?

Ein Murmeltier als Spannungsbringer

Lewis Hamilton - GP Kanada 2015 Foto: xpb 66 Bilder

Der GP Kanada wurde seinem Ruf als Chaosrennen nicht gerecht. Alles lief nach Schema F ab. Deshalb bekam der siebte WM-Lauf von allen Seiten Kritik. Ist sie gerecht? Oder hat es tatsächlich etwas mit den aktuellen Autos und den Regeln zu tun?

10.06.2015 Michael Schmidt

Dieser GP Kanada wird nicht als Highlight in die Formel 1-Geschichte eingehen. Sieger Lewis Hamilton landete fast einen Lacherfolg, als er beim Interview auf dem Siegerpodest indirekt die Frage stellte. "Für mich war es ein interessanter und intensiver Grand Prix. Ich weiß nicht, wie es für euch von außen aussah?" Fragesteller Ted Kravitz traute sich nicht, darauf eine Antwort zu geben. Sie hätte wohl gelautet: "Ziemlich langweilig." Doch das wäre politisch unkorrekt gewesen. Eine kanadische Tageszeitung spottete: "Das spannendste an dem Rennen war die Frage, ob das Murmeltier den Ausflug auf die Rennstrecke überlebt."

Zweikämpfe im Mittelfeld sind nicht genug

Mercedes hat die negative Stimmung im Fahrerlager schnell aufgefangen und sich für den klaren Doppelsieg fast noch entschuldigt. Nichts ist für die Seriensieger schlimmer, als den Kritikern neues Futter zu geben. Da muss man ja aus Mercedes-Sicht fast noch froh sein, wenn so etwas wie in Monte Carlo passiert. Die Medien haben Mercedes zwar für den Strategiefehler gekreuzigt, doch die Szene hatte für fünf Tage Gesprächsstoff gesorgt. Und die Formel 1 zeigte in Monaco, was in ihr stecken könnte. Es war eine Regiewende um 180 Grad. Von einer Sekunde auf die andere. Das hat diesen Sport einmal ausgemacht.

Aus Sicht der Beobachter und der Kommentatoren in den sozialen Netzwerken war es ein eintöniges Rennen, auch wenn weiter hinten Sebastian Vettel und Felipe Massa mit ihren Aufholjagden für Action sorgten. Eine Beinahe-Kollision zwischen Vettel und Hülkenberg und ein toller Zweikampf zwischen Massa und Ericsson entschädigen nicht für 91 Minuten Schonkost. Doch wie bringt man den 100 Millionen an den TV-Schirmen bei, dass auch weiter hinten im Feld guter Rennsport geboten wird?

Und ist das genug? Sind wir nicht schon so weit, wie in der Deutschen Bundesliga, wo Bayern München als Meister gesetzt ist, und die Reporter mit dem Abstiegskampf und dem Rennen um die Champions League-Plätze eine künstliche Spannung herbeireden? TV-Reporter Martin Brundle warnt die Drahtzieher des Sports: "Vor 30 Jahren konnte man die Hardcore-Fans mit so etwas noch begeistern. Heute akzeptiert das keiner mehr. Weil 90 Prozent der Fans nur auf die Spitze schauen. Die wollen nicht vorher wissen, wer gewinnt. Die verantwortlichen Leute in der Formel 1 müssen sich etwas einfallen lassen. Es gibt heute zu viele Möglichkeiten, sich zur Primetime am Sonntagabend anders zu beschäftigen."

Keine Action auf den ersten vier Plätzen

Marc Surer meint, dass man Montreal weniger verzeiht als Barcelona. "Weil wir da meistens gute Rennen gesehen haben." War die Kritik am Ende überzogen? Schauen wir uns den GP Kanada einmal genau an. Überholmanöver? Es gab sie zuhauf. Allein Vettel hat 14 Mal überholt. Die meisten Zweikämpfe wurden von den TV-Regisseuren auch eingefangen. Da kann man sich nicht beklagen.

Nur auf den ersten vier Plätzen gab es keine Action. Sieht man mal von Räikkönens Dreher und ein paar Verbremsern bei den Mercedes-Piloten ab. Vorne übten Hamilton und Rosberg den Paarlauf. Irgendwie hatte man nie das Gefühl, dass Rosberg seinem Teamkollegen gefährlich werden könnte. Das Spritproblem von Hamilton wurde durch die Bremssorgen von Rosberg aufgewogen.

Wenn es ein überlegenes Auto gibt, muss wenigstens intern ein Zweikampf um die Spitze stattfinden. So wie zwischen Niki Lauda und Alain Prost 1984, Ayrton Senna und Alain Prost 1988 und 1989. Oder zwischen Hamilton und Rosberg in der ersten Saisonhälfte 2014. In diesem Jahr ist das Duell zu einseitig. Es ist ein Wunder, dass Hamilton nur 17 Punkte Vorsprung hat.

Wir wollen nicht ungerecht sein. Diese Situation gab es schon oft in der Formel 1. 1963 und 1965 als Jim Clark in einer anderen Liga fuhr. Seine Lotus-Kollegen Trevor Taylor und Mike Spence hatten nicht den Hauch einer Chance. Es wurde aber toleriert. Genauso wie Niki Laudas Alleingang 1975, Nigel Mansells Einmann-Show 1992, Michael Schumacher, der 2001, 2002 und 2004 lange vor Saisonende Weltmeister wurde, oder Sebastian Vettel, der 2011 und 2013 alles in Grund und Boden fuhr. Komischerweise rufen genau die gleichen Leute, die diese Zeiten heroisieren, heute nach neuen Regeln.

Die hochkomplexen Motoren sind trotzdem ein Problem für den Sport. Weil sie das Feld in Gut und Schlecht teilen. Weil man mit dem Auto ein Motordefizit nicht ausgleichen kann. Früher spielte die Aerodynamik eine zu große Rolle, heute ist es die Antriebseinheit. Da muss dringend eine Gleichgewichtung her. Ein Problem ist auch, dass nur ganz wenige diese technische Herausforderung beherrschen. Das schafft Hoffnungslosigkeit bei der Hälfte des Feldes. Renault und Honda sind bis jetzt daran gescheitert. Red Bull-Teamchef Christian Horner schließt daraus: "Wenn nicht einmal Weltkonzerne die Aufgabe lösen können, ist sie zu schwierig."

Nichts killt Sport mehr als Perfektion

Der moderne Rennsport leidet unter der Überlegenheit eines Autos oder Motors mehr als vor 20, 30 oder 40 Jahren. Weil die Technik Fehlerquellen minimiert und das Reglement dem Perfektionsstreben nichts entgegenhält. Die Autos werden immer zuverlässiger, die Fahrer immer disziplinierter und fitter, die Abläufe im Rennen damit immer vorbestimmter.

Früher hätte Hamilton ohne Nachhilfestunden von der Box sein Spritminus ins Plus bringen müssen. Da hätte ihm keiner gesagt, dass 50 Meter "lift and coast" ausreichen. Und Rosberg wäre mit seinen Bremsproblemen alleine gewesen.

An dieser Ecke könnte viel getan werden. Man muss den Teams nur ihre Werkzeuge wegnehmen. Oder den Gebrauch einschränken. Mehr Variablen einbauen, die Fehler provozieren. Ohne, dass es künstlich wirkt. Es ist ja kein Zufall, dass Regenrennen die größten Überraschungen bieten. Wenn es der Motorsport nicht schafft, diesen Faktor Unberechenbarkeit wieder zu seinem Markenzeichen zu machen, wird er ein Problem bekommen.

Viele Zuschauer fanden die Befehle von der Boxenmauer, um Benzin zu sparen oder die Bremsen zu schonen als irritierend. Ist das noch Autorennen, wenn man nicht mehr voll fahren darf? Hier sei gesagt, dass Montreal schon immer so war. In der ersten Turbo-Ära sind die Fahrer in den letzten Runden gleich reihenweise ohne Benzin liegengeblieben. Und Michael Schumacher hat 2003 das Duell gegen seinen Bruder nur gewonnen, weil er die Bremsen meisterhaft geradeso am Überleben hielt. Auch der Ferrari-Pilot legte zwischendrin immer wieder langsame Runden ein. Die erste Warnung von Ross Brawn erreichte ihn damals bereits nach einem Renndrittel.

Einige Dinge haben sich übrigens auch verbessert. Es wird viel weniger bestraft. Früher hätten die Sportkommissare nach dem Zweikampf zwischen Vettel und Hülkenberg bestimmt einen Schuldigen gefunden. Positiv ist auch, dass immer weniger Funksprüche ausgeblendet werden. Früher hätte McLaren die rote Taste gedrückt, als sich Alonso weigerte, Sprit zu sparen.

Wie sehen Sie den GP Kanada? War es eine Schlaftablette, die nach Veränderungen schreit? Oder müssen wir Rennen wie diese aushalten? Schreiben Sie uns.

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