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Webber

"Australien ist verwöhnt"

Foto: Daniel Reinhard 18 Bilder

In dieser Saison will Mark Webber mit einem verbesserten Red Bull 2008 endlich ganz nach vorne. Vor seinem Heimrennen in Melbourne hat auto-motor-und-sport.de mit dem in England lebenden Australier über seine Heimat, seine Karriere und sein Verhältnis zu Manager Flavio Briatore gesprochen.

14.03.2008 Michael Schmidt

Warum leben Sie In England?
Webber: Ich würde gerne in der Schweiz wohnen, aber Anns kleiner Sohn hält uns hier in England. Ich könnte nicht permanent in England leben, des Wetters wegen. Das deprimiert dich als Australier. Da ich oft auf Reisen bin, ist England erträglich.

Sind Sie der fitteste Formel 1-Fahrer?
Webber: Ich bin in verschiedenen Sportarten ganz ordentlich, liebe Ausdauersport. Ich mache Sport, weil es mir Spaß macht. Vielleicht sollte ich den Nacken mehr trainieren. Ich hatte das in Istanbul und Interlagos Probleme. Ich bin ziemlich groß, bin deshalb etwas anfällig da. Aber ich hasse das stupide Nackentraining in der Folterkammer. Deshalb versuche ich, soviel wie möglich zu testen. Das ist das beste Training für einen Rennfahrer.

Sind Sie der beste Tennisspieler im Formel 1-Feld?
Webber: Rosberg und Heidfeld sind auch sehr gut.

Wie sah Ihr Winterprogramm aus?
Webber: Die ersten zwei Wochen nach dem Finale in Brasilien habe ich gar nichts gemacht. Bin mit meiner Freundin Ann nach Jordanien gefahren und habe gefaulenzt. Prompt habe ich von 75 auf 78 Kilo zugelegt. Von dort bin ich für ein paar Tage nach Perth zum Scuba-Diving geflogen, war eine Woche bei meinen Eltern in Queanbeyan und habe mich dann drei Wochen lang für die Tasmanien Challenge vorbereitet. Das ist eine Abenteuer-Tour in der Wildnis von Tasmanien. Von Joggen, Radfahren, Kanufahren, Klettern und Übernachten im Zelt ist alles dabei. Von Australien bin ich zurück nach Europa zu Testfahrten in Jerez. Normalerweise mag ich die Tests im alten Jahr gar nicht, weil wir noch mit den alten Autos rumrutschen. Diesmal war es aber wichtig, sich auf das Fahren ohne Traktionskontrolle einzuschießen. Über Weihnachten war ich zuhause in England, und im neuen Jahr bin ich von Test zu Test gereist.

Wie sieht ein normaler Tag zu Hause aus?
Webber: Meistens trainiere ich zwei Mal. Zwei Stunden am Vormittag, zwei Stunden am Nachmittag.

Wie oft sind Sie in der Fabrik?
Webber: Einmal alle zehn Tage. Mir macht es Spaß zuzuschauen, was da passiert. Es ist spannend zuzuschauen wie das neue Auto entsteht. Es fasziniert mich immer wieder wie aus diesem Puzzle am Ende ein Auto herauskommt.

Waren Sie in Ihrer Formel 1-Karriere immer zur falschen Zeit am falschen Ort?
Webber: Ich hätte bestimmt schon ein paar Siege auf meinem Konto, wenn ich 2005 nicht zu Williams, sondern zu Renault gegangen wäre. Ich hatte die Wahl, entschied mich für Williams und lag damit falsch. Flavio Briatore riet mir, zu Renault zu gehen. Fehler passieren im Leben.

Sind Sie frei in Ihren Entscheidungen, oder bestimmt Flavio Briatores Management?
Webber: Von allen Fahrern in Flavios Pool habe ich die meisten Freiheiten. Er lässt mir immer Optionen, drängt mich nie in etwas hinein. Als Jaguar zusperrte konnte ich zu Williams oder zu Renault. 2007 hatte ich die Wahl bei Williams zu bleiben oder zu Red Bull zu gehen. Ich verdanke Flavio viel. Er hat mir viel geholfen. Er zahlte mir mein Formel 3000-Cockpit und ließ mich parallel Formel 1 testen. Er brachte mich zu Jaguar, Williams und Red Bull. Jaguar war eine gute Zeit. Das Team konzentrierte sich voll auf mich, weil sie gesehen haben, dass ich die Resultate bringe. Als sie zusperrten, stand ich vor der Wahl: Williams oder Renault. Am Anfang war ich mir sicher, mit Williams den richtigen Griff getan zu haben. Nicht nur wegen ihrer Historie. Ich bin im Winter das 2004er Auto gefahren, mit dem Montoya in Interlagos gewonnen hatte. Es war das beste Rennauto, in dem ich je gesessen bin. Bei den Tests in Barcelona bin ich mit links eine Bestzeit nach der anderen gefahren. Es war unmöglich, langsam zu fahren mit diesem Auto. Und dann die Ernüchterung, dass der 2005er Williams nur noch Mittelmaß war. Nick Heidfeld und ich haben zwar noch 66 Punkte damit geholt, aber für Williams war das ein Absturz. 2006 war noch schlimmer, das schlechteste Jahr in der Geschichte von Williams. Immer wenn das Auto hielt, waren wir langsam. Wenn der Speed stimmte, ging irgendetwas kaputt. Dabei bin ich nie besser gefahren als 2006. Nico Rosberg denkt nicht gerne an diese Saison zurück, das kann ich Ihnen sagen.

Ärgert es Sie, dass Rosberg jetzt der Fahrer ist, den alle wollen, und keiner von Mark Webber spricht?
Webber: Mein Vater war nicht berühmt, und ich habe auch nicht so schöne blonde Haare wie Nico. Ich kenne diesen Sport und weiß, wie sich die Sympathien verteilen. Als ich bei Jaguar besser fuhr als es das Auto hergab, war ich der große Held. Jetzt ist es Rosberg. So geht das Spiel. Es kann für dich und gegen dich laufen. Alles hängt vom Auto ab. Ich hatte 2007 bestimmt keine schlechtere Saison als Nico. Meine Fehlerrate ging gegen Null. Ich kam sieben Mal nicht ins Ziel. Sechs Mal war ein Defekt schuld, ein Mal ist mir Vettel ins Auto gefahren.

Wie kamen Sie in Flavio Briatores Fahrerpool?
Webber: Meine Freundin Ann, die mich früher managte, kannte Gordon Message von Benetton. Der hat den Kontakt zu Flavio hergestellt. Als ich Ende 1999 Mercedes verließ, wollte ich raus aus den GT-Autos und zurück in den Monoposto-Sport. Ich hatte kaum Geld, weil der Großteil des Gehalts von Mercedes dafür draufging, die Schulden aus meiner Formel 3-Zeit zu bezahlen. Ann erkannte, dass wir ab da professionelles Management brauchten. Sie hatte einfach nicht die Kontakte. Sie wollte einen Test bei Eddie Jordan organisieren. Die Alternative USA erschien mir nicht zielführend. Als ich bei Eddie im Büro saß, sagte der: Geh mal rüber ins Fahrerlager, da ist Paul Stoddart. Der kann dir helfen. Stoddart ließ mich einen seiner Formel 3000 testen. Das ging gut, und er gab mir einen Sitz. Das Team hatte gerade so die Qualifikation in das Feld geschafft. Für mich war das erst Mal ein Kulturschock nach dem Jahr mit Mercedes mit all den Annehmlichkeiten, die ein Werksfahrer hat. Trotz begrenzter Mittel wurden wir Dritter in der Meisterschaft. Stoddart hatte mich unter Vertrag genommen, aber er hatte nicht genug Geld, mir weiter zu helfen. Er sah das ein und hat dann den Deal mit Flavio eingefädelt.

Waren Sie immer so stark in der Qualifikation?
Webber: Eigentlich gar nicht. Ich war immer der Meinung, dass ich im Rennen und Qualifying gleich gut bin. Meine guten Leistungen in der Qualifikation begannen erst mit dem Einzelzeitfahren. Da schienen mir andere mehr darunter zu leiden als ich. Sie machten Fehler, ich nicht. Schauen Sie sich Coulthard an. Er kam damit nicht zurecht, nur eine Chance zu haben. Es war alles eine Frage des Vertrauens ins Auto. Es stimmt aber nicht, dass ich im Rennen schlechter bin. Bestes Beispiel sind die Rennen 2007. Ich hielt immer die Position, von der ich gestartet bin. Bis das Auto schlapp machte.

Wie lange darf so etwas gehen, dass das Auto einem nicht erlaubt, Erfolg zu haben?
Webber: Wir alle haben nur wenige Chancen. Je mehr Jahre ich von meiner Karriere aufbrauche, umso weniger bleibt mir. Ich habe jetzt schon mehr als 100 Grand Prix, aber keinen Sieg. Einerseits macht es dich mental stärker, wenn du Enttäuschungen wegstecken musst, aber andererseits gehen sie auch echt aufs Gemüt. Das Getriebe ist so ein Reizwort für mich. Es hat mich 2005 viele Punkte gekostet und auch letztes Jahr bei Red Bull. Es brachte aber auch viele Erfahrungen, die ich heute nutzen kann. Ich sehe heute technische Probleme von früher mit anderen Augen, weiß sie besser einzuordnen. Ich weiß, was ich besser vom Team einfordern muss, wobei ich sagen muss, dass David Coulthard mit dem Team härter umspringt.

Ist diese Erfahrung auch der Grund dafür, dass Sie mit Situationen wie der Kollision mit Vettel gelassener umgehen?
Webber: Sebastian hat es ja nicht absichtlich gemacht. Es war einfach ein blöder Unfall. Gleich danach war ich schon sauer. Ich habe das den Helfer mit dem Motorrad spüren lassen, der den Weg zurück ins Fahrerlager nicht sofort gefunden hat. Heute könnte ich heulen. Das war die Chance meines Lebens. Ich hatte zwei, drei Runden extra Sprit, konnte den Speed von Hamilton fahren. Wer weiß, was ich da noch geschafft hätte.

Sie erwähnen oft Michael Schumacher. Was für ein Verhältnis hatten Sie zu ihm?
Webber: Schumacher war mein Held, als ich jung war. Sechs Jahre später bin ich gegen ihn gefahren. Das war schon unglaublich. Sein Einsatz ist vorbildlich für jeden, und seine Resultate sprechen für sich. Ich kann einschätzen, was es heißt, sich über so einen langen Zeitraum so zu motivieren, dass man immer an der Spitze mitfährt. Er ist ein phänomenaler Sportsmann. Ich habe aber auch einen anderen Schumacher kennen gelernt. Bei manchen Dingen habe ich ihn nicht verstanden. Es fiel ihm schwer, Fehler zuzugeben. Denken Sie an das Parkmanöver in Monte Carlo. Als wir uns bei seinem letzten Rennen bei der Fahrerbesprechung bei ihm bedankten und ihn baten, eine kleine Rede zu halten, hat er nichts gesagt. Das fand ich schade. Hey, er war der Grund, warum wir uns alle so angestrengt haben. Jeder wollte ihn schlagen. Dann hat er nicht mal ein paar Worte für seine Kollegen übrig. Vielleicht lag es auch daran, dass er so in das Ferrari-System eingebunden war, dass er bestimmte Dinge so getan hat, wie man es von ihm verlangte. Ich wusste nie, redet jetzt er selbst oder nur der Ferrari-Angestellte.

Wie ist Ihr Image in Australien?
Webber: Australien ist verwöhnt. Die haben wie die USA bestimmte Sportarten, die vor ihrer Haustür stattfinden, und da werden die Helden geboren. Rugby, Tennis, Schwimmen, Kricket. Der Grand Prix in Melbourne findet nur einmal im Jahr statt. Deshalb kennen sich die Medien mit Motorsport nicht so aus. Sie haben mich dafür kritisiert, dass ich letztes Jahr so oft ausgefallen bin, dabei war sechs Mal die Technik schuld. Du musst schon Weltmeister werden wie Casey Stoner in der MotoGP, dass sie auf dich aufmerksam werden.

Australien sollte eine Motorsport-Tradition haben mit Jack Brabham und Alan Jones?
Webber: Tourenwagen-Rennen sind wichtiger als die Formel 1. V8 Supercars sind der große Hit. Deshalb gehen sie etwas leichtfertig mit dem Grand Prix um. Sie merken gar nicht, dass sie mit der vielen Kritik am Grand Prix in Melbourne das Rennen verlieren könnten.

Kennen Sie Jeck Brabham und Alan Jones?
Webber: Jack Brabham kontaktiert mich regelmäßig via E-mail. Er ist ein großartiger Mensch. Ich schaue zu ihm auf. Er war meine Inspiration. Leider hat er jetzt nicht nur Probleme mit dem Hören sondern auch mit den Augen. Deshalb kann er nicht mehr so schnell Autofahren. Das schmerzt ihn. Als er letztes Jahr in Goodwood war, brach er vor mir zusammen und weinte. Er meinte, er könne nicht mehr mit Vollgas den Berg da hochheizen. Ich sagte, hey Jack, du musst doch nur ganz einfach da rauffahren. Die Leute sind froh, wenn sie dich überhaupt sehen. Du bist eine Legende für sie.

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