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Wichtiger als ein Sieg

Rosbergs bestes Rennen

Nico Rosberg - GP Kanada 2014 Foto: xpb 110 Bilder

Manchmal zählt ein zweiter Platz mehr als ein Sieg. Nico Rosberg war der heimliche Gewinner des GP Kanada. Nicht nur weil er 18 Punkte auf Lewis Hamilton gutgemacht hat. Viel mehr, weil er mit einem Rennauto auf das Podium fuhr, das eigentlich nur noch ein GP2-Auto war.

10.06.2014 Michael Schmidt

Viele Rennfahrer werden nicht an ihren Siegen gemessen, sondern an den Rennen, bei denen sie trotz eines Handikaps das Unmögliche möglich machten. Beispiele gefällig? Jim Clarks Aufholjagd 1967 in Monza, als er nach einem Reifenschaden um eine Runde zurückfiel, den ganzen Rückstand wieder aufholte, in Führung ging und dann in der letzten Runde noch auf Rang 3 abrutschte, weil die Benzinzufuhr streikte.

Oder Michael Schumachers zweiter Platz 1994 in Spanien, als ihm das halbe Rennen nur der fünfte Gang zur Verfügung stand. Sebastian Vettels Sieg beim GP Australien, obwohl Red Bull auf KERS verzichten musste. Fernando Alonsos Meisterleistung im Regen von Malaysia 2012 mit einem Auto, das der Konkurrenz um eine Sekunde hinterherhinkte.

Im Club der Spitzenfahrer angekommen

Auch Nico Rosbergs Fahrt zum zweiten Platz beim GP Kanada gehört in diese Kategorie. Wer bis jetzt noch an den Qualitäten des Deutschen zweifelte, der muss zugeben: Rosberg ist in den letzten zwei Rennen endgültig im Club der Spitzenfahrer angekommen.
 
Schnell war er schon immer. Jetzt zeigt er auch noch die nötige Härte im Zweikampf, die Gelassenheit im Psychokrieg mit dem Teamkollegen und die Fähigkeit, mit einem angeschlagenen Auto um den Sieg zu kämpfen.
 
Niki Lauda urteilte poetisch: "Nico ist gefahren wie der liebe Gott." Technikchef Paddy Lowe pflichtete bei: "Nicos Leistung war außergewöhnlich. Er hatte mit so vielen Problemen zu kämpfen und hätte trotzdem fast gewonnen."

Erst keine Power, dann keine Bremse

Als im Mercedes mit der Startnummer 6 der Elektroantrieb ausfiel, da dachte Rosberg, das Rennen sei gelaufen. Ohne die MGU-K fehlen dem Motor permanent 160 PS. Man braucht sie in der Anfangsphase der Beschleunigung und auf den Geraden. Ganz schnell kommen Bremsprobleme hinzu, denn das Laden der Batterie über die MGU-K hat den schönen Effekt, dass der Generator im Heck mitbremst.
 
Ohne das Verzögerungsmoment werden die hinteren Bremsen schnell zu heiß. Sie sind nicht mehr darauf ausgelegt, ihren Job ohne die Mithilfe des Elektromotors auszuüben. Also Bremsbalance nach vorne. Was die Chance erhöht, dass die Vorderräder blockieren. Das geht wiederum auf die Reifen. "Die Vorderreifen haben viel stärker abgebaut als sonst", klagte Rosberg. Die Folge: Untersteuern.

Perez hilft Rosberg

Es macht den guten Rennfahrer aus, sich den Bedingungen anzupassen. Rosberg musste in extrem kurzer Zeit sein Auto neu lernen. Und die Anweisungen seiner Ingenieure ausführen. Mit Druck von hinten. Erst hing ihm Hamilton im Genick, dann Sergio Perez. "Lewis hatte das gleiche Problem, sonst wäre ich wehrlos gewesen."

Aber Perez saß in einem intakten Rennauto. Der Mexikaner war wegen seiner Einstopp-Strategie lediglich mit den ältesten Reifen unterwegs. Rosberg war klar: "Wenn Perez in den DRS-Bereich kommt, erwischt er mich auf der Geraden. Deshalb bin ich eine Qualifikationsrunde nach der anderen gefahren."

Rosbergs Trumpf war der erste Sektor

Um den Force India bis zum Messpunkt vor der Haarnadel aus dem DRS-Bereich abzuschütteln, musste Rosberg in den ersten zwei Sektoren Gas geben. Im ersten Abschnitt, der praktisch nur aus Kurven besteht, seilte sich Rosberg immer um sechs Zehntel von Perez ab. "In dieser Passage arbeitet die MGU-K normalerweise am wenigsten mit. Nico wusste, dass er hier Tempo machen musste", erzählte Lowe.
 
Motorenchef Andy Cowelll ergänzte: "Die MGU-H hat dafür gesorgt, dass das Ansprechverhalten passte. Sie hat das Turboloch gefüllt." Die Sektor-Analyse zeigt: Während die Gesamtrundenzeit bei Eintritt des Defekts um bis zu drei Sekunden anstieg, war Rosberg im ersten Sektor fast so schnell wie zuvor.
 
Im zweiten Sektor konnte Rosberg trotz zweier Geraden die Zeiten des Force India halten. Nach der Schrecksekunde büßte Rosberg dort fünf Runden lang jeweils eine Sekunde auf seine Bestwerte mit dem intakten Silberpfeil ein. Dann hatte er seinen Fahrstil in so weit umgestellt, dass sich der Verlust auf drei bis vier Zehntel reduzierte. Und das lag im Bereich von Perez.
 
Der Killer war das Schluss-Segment mit seiner 1,2 Kilometer langen Geraden und den beiden harten Bremspunkten. Da musste sich Rosberg hauptsächlich auf die Power seines V6-Turbo verlassen. Also zwischen 650 und 700 PS, je nachdem wie groß die Unterstützung durch die MGU-H war.
 
Die zweite noch funktionierende Hybrid-Energiequelle, die am Turbolader sitzt, sorgte wenigstens für etwas Entlastung für den Verbrennungsmotor. Über den Umweg der Batterie versorgte sie alle Nebenaggregate mit Strom. Der Zeitverlust im letzten Sektor schwankte dennoch zwischen einer und 1,5 Sekunden. Im Top-Speed fehlten dem kränkelnden Mercedes 24 km/h im Vergleich zu Perez. Rosberg konnte sich nur auf eine saubere Linie durch die Haarnadel und die Zielschikane konzentrieren.

Gegen Ricciardo keine Chance

Natürlich kam Rosberg auch der Umstand zugute, dass ihn Perez nach hinten unfreiwillig abschirmte. Wären die Red Bull und die Williams früher an dem Force India vorbeigekommen, hätte der WM-Spitzenreiter im Handumdrehen Positionen verloren.
 
Daniel Ricciardo machte es vor. Er schloss im kurvigen Teil im Handumdrehen auf den Mercedes auf. Und weil der auf der Geraden nur auf Sparflamme kochte, ging der Australier auch mühelos vorbei. Für Sebastian Vettel war das Rennen eine Runde zu kurz. Dank des DRS-Vorteils und des Leistungsverlustes im Mercedes-Antrieb profitierte der Sieger von einem Top-Speed-Bonus von 16 km/h. Normalerweise ist es umgekehrt.
 
Angesichts der Umstände muss man sich fragen: Ist das ein Kompliment für den Mercedes-Motor oder eine Ohrfeige für das Renault-Triebwerk? Im Red Bull-Lager herrschte Fassungslosigkeit, wie schnell Rosberg trotz der Behinderung noch unterwegs war. Es ließ auch die Erkenntnis reifen, dass der Mercedes ein verdammt gutes Auto ist. Und Rosberg ein potenzieller Weltmeister.

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