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8 Boxenstopp-Bestzeiten

Das Geheimnis des Williams-Rekords

Felipe Massa - Williams - GP Spanien 2016 - Barcelona - F1 - Freitag - 13.5.2016 Foto: sutton-images.com 21 Bilder

Diesen Rekord darf es in der Formel 1 eigentlich gar nicht geben. Bei allen 8 Grand Prix wickelte Williams den schnellsten Boxenstopp des Rennens ab. In Baku ganz nebenbei in der Rekordzeit von 1,89 Sekunden. Technikchef Pat Symonds verrät das Geheimnis.

27.06.2016 Michael Schmidt

So etwas hat es in der Formel 1 noch nie gegeben. 8 Rennen, 8 Mal die Nummer eins. Nein, wir sprechen nicht von Mercedes. Es geht um Williams. Der Traditionsrennstall aus Grove beherrscht die Boxenstopp-Rangliste, wie es noch nie zuvor ein Team geschafft hat. Und damit ist nicht der neue Rekord gemeint, den Williams beim ersten Boxenstopp von Felipe Massa in Baku aufgestellt hat. In 1,89 Sekunden waren 4 neue Räder dran. Dann schaltete die Ampel auf Grün.

Viel beeindruckender ist die Beständigkeit. Williams platzierte beim GP Europa alle 3 Reifenwechsel in den Top 4 der insgesamt 33 Boxenstopps. 1,89 Sekunden für Massas ersten Stopp, 2,09 Sekunden für den Reifenwechsel von Valtteri Bottas und 2,18 Sekunden für Massas zweiten Boxenhalt.

Nur Red Bull schmuggelte sich mit Daniel Ricciardo auf den dritten Platz. Der Australier wurde beim ersten Stopp in 2.12 Sekunden abgefertigt. Mercedes landete mit Sieger Nico Rosberg und einer Zeit von 2.39 Sekunden auf Platz 5.

Nur 2 Williams-Boxenstopps außerhalb der Norm

Wenn keine größeren Unglücke mehr passieren, dann wird Williams mit der linken Hand den DHL Award für die besten Boxenstopps gewinnen. Das drittälteste Formel 1-Team hat nämlich bei allen 8 Grand Prix des Jahres die schnellste Boxenstopp-Crew gestellt. Ohne eine einzige Ausnahme.

In Australien, Bahrain, Russland und Spanien brachte Williams jeweils zwei Boxenstopps in die Top 5. Highlight war der GP Monaco, beim dem alle vier Reifenwechsel von Bottas und Massa unter den besten Fünf landeten. Auf den Plätzen 1, 2, 3 und 5.

Und darauf ist Technikchef Pat Symonds viel stolzer als auf den absoluten Rekord: „Der Rekord ist schön, er schreibt die Schlagzeilen, aber Beständigkeit ist wichtiger. In Baku haben wir 3 Boxenstopps absolviert und alle 3 lagen in den Top 4. Das bedeutet mir mehr als der Rekord. Ob der Stopp nun 1.95 oder 2.1 Sekunden dauert, macht in den meisten Fällen keinen Unterschied aus. Es ist viel wichtiger, dass die Boxenstopps nicht schiefgehen.“

Nur ein Mal münzte Williams den schnellsten Stopp nicht in die beste Zeit von Eingang bis Ausgang Boxengasse um. Beim GP Australien wurde Valtteri Bottas zwar in einer Zeit von 2.35 Sekunden flotter als alle anderen abgefertigt, doch Sebastian Vettel kam schneller durch die Boxengasse. Obwohl sein Stopp 0,38 Sekunden länger dauerte. Der Grund war kurios. „Ich war überrascht, dass unsere Jungs so schnell fertig waren. Da habe ich beim Losfahren Zeit verschenkt“, lacht Bottas verschmitzt.

Das Unglaubliche dabei. Bei den insgesamt 32 Stopps von Williams in dieser Saison ging kein einziger total in die Hose. „Zwei befanden sich außerhalb unserer Norm. Aber selbst die lagen um die 3 Sekunden-Marke oder knapp drüber. Der hintere Wagenheber funktionierte nicht, und der Mechaniker musste ihn manuell statt elektrisch aktivieren. Wichtig ist: Unsere schlechten Stopps sind kein Desaster mehr“, freut sich Symonds. Beim angesprochenen Reifenwechsel handelt es sich um den zweiten Stopp von Bottas in Bahrain.

Weniger Training als früher

Bottas war in Melbourne nicht ohne Grund perplex. Im letzten Jahr zählte Williams zu den schlechtesten Boxenstopp-Crews. Symonds verrät den Grund: „Unser großes Problem war, dass sich die Radmuttern oft verklemmten. Es dauerte Ewigkeiten, bis das Rad runterkam.“ Schuld waren die unterschiedliche Temperaturausdehnung von Radnabe und Mutter und das Design des Gewindes. Das alles ist Schnee von gestern. Pat Symonds erklärt im Gespräche mit auto motor und sport, warum es plötzlich wie am Schnürchen läuft.

Der Veteran unter den Konstrukteuren führt es auf zwei Aspekte zurück: „Der eine ist das mechanische Design. Es muss einfach sein, das Rad abzunehmen. Letztes Jahr war das unser großes Handikap. Das Rad runterzuziehen ist normalerweise kein Problem. Das neue draufzustecken dagegen schon. Wenn es schnell gehen soll, muss der Mechaniker das Rad mehr oder weniger auf die Radnabe werfen, und es muss automatisch seinen Sitz finden. Das gleiche gilt für die Radmutter. Je grober du dabei vorgehen kannst, umso schneller geht es. Ich würde sagen, dass das Design der Teile den Großteil des Fortschritts ausmacht. Das Training ist der zweite Punkt, aber das haben wir über den Winter nicht radikal auf den Kopf gestellt.“

Doch beim Training kommt es auf Kleinigkeiten an. Wer glaubt, die Williams-Schrauber trainieren Tag und Nacht, der irrt. Eher das Gegenteil, wie Symonds ausführt: „Wir trainieren nicht mehr, sondern weniger als früher. Wenn du jeden Tag 25 Boxenstopps übst, werden die Mechaniker müde und unkonzentriert. Sind dann ein paar schlechte dabei, verlieren sie ihr Selbstvertrauen. Ein oder zwei pro Tag wären auch nicht gut. Du brauchst eine gute Balance. Wir üben vielleicht 10 pro Tag an der Rennstrecke. In der Fabrik haben wir zwei Boxenstopp-Übungstage. Das geht Hand in Hand mit dem Training der Crew im Fitnessstudio. Wir haben einen extra Trainer, der sich darum kümmert, dass die Jungs fit sind.“

Williams-Boxenstopp - GP Aserbaidschan - Formel 1 - 2016Foto: Williams
Training und technische Weiterentwicklung sorgen für neue Rekorde.

Boxenstopp-Briefing ist Pflicht für die Fahrer

Das Training ist neben der generellen Fitness maßgeschneidert, je nachdem welche Funktion der einzelne Mechaniker hat. „Wir haben die Arbeitsabläufe der einzelnen Beteiligten genau studiert und ihr Training auf diese Tätigkeit ausgerichtet. Wir haben analysiert, wo die Jungs stehen, welche Bewegungen sie ausführen, welche Geräte sie in der Hand halten. Die Mechaniker mit den Schlagschraubern brauchen starke Handgelenke. Es gibt einen gehörigen Schlag, wenn die ansetzen. Wir haben spezielle Schutzvorrichtungen für ihre Handgelenke entwickelt. Derjenige, der das Rad aufsteckt, läuft Gefahr dass er sich zu stark bücken muss. Das ist ohne Training ungesund, wenn man bedenkt, wie schwer die Räder sind. Es braucht spezielles Training, um die Jungs gelenkig zu halten.“

Das Training ist einerseits Pflicht, andererseits Teil der Arbeitszeit. Keiner muss mehr nach Dienstschluss seine Freizeit opfern. Trainiert wird am Donnerstag und Samstag an der Strecke. Und 2 Tage unter der Woche in der Fabrik.

Auch die Fahrer werden speziell für die Wunder-Boxenstopps konditioniert, wie uns Symonds erzählt: „Wir haben zwar bei den Stopps während der Trainingssitzungen nicht immer die gesamte Crew zur Verfügung, aber sie müssen bei jeden Boxenhalt die Anfahrt und das punktgenaue Anhalten üben. Wir verpflichten die Fahrer am Donnerstag an einem speziellen Briefing über die Boxenstopps des letzten Rennens teilzunehmen. Da wird über ihre Reaktionszeit beim Wegfahren diskutiert, wie zielgenau sie sich auf das Tempolimit in der Boxengasse hingebremst haben, wie genau sie geparkt haben.“

Boxenstopp-Report über 16 Seiten

Am Anfang steht die Boxenstopp-Analyse. Sie wurde deutlich ausgebaut, um Fehlerquellen zu finden. Dazu Symonds: „Wir haben unsere Video-Analyse perfektioniert. Dabei haben wir uns auf die Aufstellung der Leute vor und während des Boxenstopps, sowie die gesamte Choreografie konzentriert. Jeder Stopp wird aufgezeichnet, gestoppt und bis ins Detail analysiert.“

„In Kanada hatten wir 2 Stopps. Der Boxenstopp-Report, der am Dienstag nach dem Rennen vorlag, war 16 Seiten stark. Er analysiert jeden Aspekt und wird mit Charts angereichert. Es ist die Detailgenauigkeit, die den Unterschied ausmacht.“

Auch die Ausrüstung kam unter die Lupe. „Wir benutzen die neuen Schlagschrauber, die etwas mehr Power haben als unsere alten. Aber eigentlich hat sie jeder. Der hintere Wagenheber blieb gleich. Der vordere wurde leicht modifiziert. Die vorderen Wagenheber sind extrem kompliziert. Sie haben Hydraulik an Bord, eine elektrische Auslösung und eine Datenaufzeichnung. In der Vergangenheit wurden Wagenheber nicht konstruiert. Die Mechaniker haben sie irgendwie im Winter hergestellt.“

Dann erzählt Symonds noch eine nette Geschichte: „Wir liefern ja einige Teile an Manor, und sie wollten auch unsere Wagenheber haben, aber ich wollte sie ihnen nicht verkaufen, weil sie so teuer sind. Es war mir peinlich so viel Geld zu verlangen. Sie kosten 60.000 Pfund in der Herstellung. Im Verkauf sind sie natürlich noch teurer.“

Die Bestwerte von 2016 könnten Rekorde für die Ewigkeit sein. Mit der Einführung der breiteren Reifen erwartet Symonds 2017 längere Boxenstopp-Zeiten: „Wir sollten dieses Jahr noch ein paar neue Rekorde aufstellen. Sie könnten lange halten. Das Gewicht der Reifen und Räder geht hoch. Das erschwert die Handhabung. Speziell bei den Hinterrädern wird die Radmutter tief in der Felge versteckt sein. Das macht den Zugang schwerer und kostet Zeit. Wir werden das beim Design beachten müssen. Das Ziel ist es, die Achse nicht zu tief im Rad zu begraben. Aber ich wette: Wenn unsere Jungs das lesen, wollen sie mir nächstes Jahr das Gegenteil beweisen.“

RennenPlatz 1Platz 2Platz 3Platz 4Platz 5
AustralienBottas, 2.35sRosberg, 2.65sMassa, 2.72sVettel, 2.73sAlonso, 2.77s
BahrainMassa, 2.27sMassa, 2.32sHamilton, 2.37sHamilton, 2.43sKvyat, 2.54s
ChinaMassa, 2.10sVettel, 2.29sRicciardo, 2.44sKvyat, 2,51sVettel/Ricciardo, 2.53s
RusslandMassa, 2.23sAlonso, 2.46sRosberg, 2.50sRäikkönen, 2,73sBottas, 2.76s
SpanienMassa, 2.12sBottas, 2.22sVettel, 2.36sPerez, 2.47sRicciardo, 2.49s
MonacoBottas, 2.43sMassa, 2.44sBottas, 2.81sHülkenberg, 2.90sMassa/Verstappen, 2.92s
KanadaBottas, 2.11sRosberg, 2.27sHamilton, 2.41sRosberg, 2.42sVettel, 2.58s
AserbaidschanMassa, 1.89sBottas, 2.09sRicciardo, 2.12sMassa, 2.18sRosberg, 2.39s
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