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WM-Titel im Visier

Barrichello in der Form seines Lebens

Rubens Barrichello Foto: Daniel Reinhard 51 Bilder

Je älter, umso besser. Rubens Barrichello ist mit 37 Jahren der erfahrenste Fahrer im Feld. Er hat in Monza seinen 282. Grand Prix bestritten. Und er riecht zum ersten Mal in seiner langen Karriere am WM-Titel. Die ewige Nummer zwei ist bereit zum Angriff.

14.09.2009 Michael Schmidt

Die Experten sind sich einig. Rubens Barrichello fährt in der Form seines Lebens. Noch nie war der Brasilianer dem WM-Titel so nah. 14 Punkte Vorsprung sind für Jenson Button keine Lebensversicherung, auch wenn Niki Lauda sagt: "Der Button muss dem Barrichello nur noch hinten nachfahren, dann ist er Weltmeister."

Barrichello hat die Hoffnung auf den Titel trotzdem nicht aufgegeben. "Ich muss einfach so weiterfahren wie in den letzten Rennen. Immer am Limit, immer mit einem Lächeln im Gesicht. Ich fühle mich einfach gut. Jetzt glaube ich, zählt Erfahrung. Nur Erfahrung, ohne den Speed, bringt dir nichts. Aber wenn der Speed da ist, dann wird die Erfahrung zum Bonus."

Der Brasilianer hätte nach seinem dritten Monza-Sieg nach 2002 und 2004 stundenlang erzählen können, so aufgedreht war er. Er erinnerte sich an seine Ferrari-Jahre, nicht ohne einen kritischen Rückblick, denn in Maranello war Rubinho stets nur die Nummer 1b. "Michael Schumacher hatte vielleicht mehr Talent als ich, aber wenn man uns beide in einen Käfig mit einem Tiger geworfen hätte, dann wäre ich lebendig rausgekommen, und er vielleicht nicht." Soll heißen: Ein Barrichello war bereit, auch zu leiden.

Jahrelang musste er sich materialbedingt mit Mittelmaß zufrieden geben. Der Mann aus Sao Paulo genießt es, endlich gleichberechtigt zu sein: "Es ist ein tolles Gefühl, mit den gleichen Waffen gegen deinen Teamkollegen kämpfen zu dürfen."

Im Februar diesen Jahres wusste er immer noch hundertprozentig, ob er den Platz bei Brawn GP bekommen würde. Noch heute erinnert er sich an die ersten Testfahrten mit dem Auto, drei Wochen vor Saisonbeginn. "Jenson fuhr die ersten Runden. Als er an die Boxen kam, fragte ich sofort: Hey, und wie ist das Auto? Ich habe es heute noch in den Ohren, wie er antwortet: Es ist ein wunderbares Auto. Ich habe nur gesagt: Schnell raus, lass mich mal fahren."

Teamchef Ross Brawn glaubt, dass sein Oldie Weltmeister werden kann: "Er fährt so gut wie noch nie. Er ist im Frieden mit sich selbst. Und er hat als Angreifer nichts zu verlieren. Er wird mehr riskieren als Jenson." Der späte Frühling des alten Haudegen bringt Brawn in Bedrängnis. Er muss seine Fahrerwahl verschieben. Nico Rosberg steht zwar auf dem Wunschzettel, doch wie erklärt man einem möglichen Weltmeister, dass er gehen soll. "Im Augenblick gibt es keinen Grund Rubens auszuwechseln", grinst Ross Brawn.

Sieben Grand Prix sah es so aus, als hätte Button seinen Teamkollegen im Griff. An den sechs Siegen des Engländers wäre Barrichello fast zerbrochen. In Silverstone kam die Wende. Der Wechsel des Bremsscheibenherstellers löste ein Problem, das der Rekordteilnehmer noch nie leiden konnte. Die Hinterradbremsen neigten zum Blockieren. "Je mehr Sprit im Tank, umso so schlimmer. Deshalb war ich in der ersten Saisonhälfte mit wenig Benzin an Bord immer schneller als Jenson, bin aber im Top Ten-Finale regelmäßig zurückgefallen, weil da schon mit der Rennbetankung gefahren wird."

Jetzt ist der Brawn GP001 so, wie ihn der elffache GP-Sieger haben will. Barrichello fährt etwas eckiger und härter als Button. Deshalb braucht er ein Auto, das stabil auf der Bremse ist, damit er in Ruhe seinen Einlenkpunkt anvisieren kann. Seine Stärke liegt am Kurvenausgang. "Seit die Traktionskontrolle verboten ist, habe ich wieder einen Vorteil. Voll aufs Gas steigen und darauf bauen, dass die Elektronik es schon richtet, das kann jeder."

Von der Erfahrung des dienstältesten GP-Piloten profitiert auch Button. Es war Barrichello, der schon beim ersten Test in Barcelona ein Problem monierte, das die Techniker erst nach der Niederlage beim GP China ernst nahmen. "Wegen des Mercedes-Motors mussten die Anlenkpunkte der Hinterachse leicht angehoben werden. Dass hatte uns hinten in den Federwegen etwas eingeschränkt und auf bestimmten Streckentypen behindert. Rubens hatte uns von Anfang an darauf aufmerksam gemacht, dass wir an der Ecke nachbessern müssen", verrät Ross Brawn.

Die Erfahrung zahlte sich auch bei der Reifenwahl in der Qualifikation und beim Start aus. Obwohl die weiche Mischung bei einigen Fahrer bis zu drei Zehntel brachte, vertraute Rubens auf dem härteren Reifentypen. "Ich fühlte mich wohler damit, und ich war mir sicher, dass unser hohes Startgewicht helfen würde, den Reifen in den ersten Runden auf Temperatur zu bringen. Komischerweise haben die Hinterreifen früher abgebaut als bei der weichen Mischung. Deshalb konnte Jenson am Ende des ersten Turns aufschließen."

Barrichello hat auf seine alten Tage nichts an Risikobereitschaft eingebüßt. Das Überholmanöver an Mark Webber vorbei, außen herum mit 310 km/h in der Blanchimont-Kurve von Spa, verdient einen Platz im Geschichtsbuch. Die Kompromisslosigkeit, wie er sich in der Startrunde von Monza den KERS bewaffneten McLaren-Mercedes von Heikki Kovalainen vom Leib hielt, hatte etwas von Schumachers Killerinstinkt. "Ich wusste, dass ich ihn hinter mir halten musste. Das war ein Schlüssel zum Sieg."

Barrichello fährt in seinem 17. Jahr in der Formel 1. Als er 1993 begann, galt er als neuer Ayrton Senna. Barrichello wäre an dieser Erwartungshaltung seiner Landsleute fast zerbrochen. Daheim in Brasilien ist er oft Zielscheibe der Kritik. Man wirft ihm vor, er sei zu wehleidig, habe für alles eine Ausrede. Wenn Rubinho am 18. Oktober in seine Heimatstadt Sao Paulo kommt, dann wird die Bude voll sein. Dann steht ein ganzes Land hinter ihm. Seit 1991 ist kein Brasilianer mehr Formel 1-Weltmeister geworden. Und was ist das Geheimnis der Wiedergeburt des Formel 1-Veterans? "Ich habe immer an mich geglaubt."

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