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Zu viel Emotion im Spiel

Rosberg macht Hamilton-Fehler

Hamilton & Rosberg - Mercedes - Formel 1 - GP Belgien - Spa-Francorchamps - 23. November 2014 Foto: xpb 58 Bilder

Auch mehrere Tage nach der Kollision der beiden Mercedes-Fahrer in Spa wird noch immer eifrig über die Schuldfrage diskutiert. Die Rennleitung bewertet den Crash als normalen Rennunfall. Doch war er wirklich so normal? Die Karambolage hat eine Vorgeschichte.

08/28/2014 Michael Schmidt

Nico Rosberg gegen Lewis Hamilton: Das ist die Story dieser Weltmeisterschaft. Durchaus vergleichbar mit den Duellen Niki Lauda gegen Alain Prost 1984 oder Alain Prost gegen Ayrton Senna 1988. Da fährt ein haushoch überlegenes Auto gegen den Rest der Welt. Eigentlich können nur zwei Fahrer Weltmeister werden. Eigentlich. Doch dieser Daniel Ricciardo muss Mercedes langsam Angst machen. Der Australier robbt sich heimlich, still und leise an die kritische 50-Punkte-Marke hin.

Weil Mercedes Punkte liegen lässt. Drei Mal schon. Und alle drei Mal hat es mit dem Duell seiner beiden Fahrer zu tun. Auch in Montreal. Das hitzige Kopf-an-Kopfrennen um die Spitze hat erst dazu geführt, dass die Steuereinheit für die MGU-K überhitzte.

Es lag nicht an den äußeren Bedingungen, sondern am dauernden Laden und Entladen der Batterie, hervorgerufen dadurch, dass Rosberg und Hamilton am Limit unterwegs waren. Und dass die Ingenieure der beiden Crews alle Warnsignale ignoriert haben. Sie erkannten die steigenden Temperaturen, wollten aber ihre Fahrer nicht einbremsen.

Dass man mit dem gleichen Problem ins Ziel fahren kann, zeigte das Rennen danach. Beim GP Österreich wurden die Elektromotoren mit gebremsten Schaum betrieben.

Experten gaben Rosberg die Schuld

Beim GP Ungarn bestimmte der Fairplay-Kodex im Team den Ausgang des Rennens. Mercedes weigerte sich, seine Karten auf Rosberg oder Hamilton zu setzen. Man splittete die Strategie, die dann für keinen der beiden optimal war, weil Hamilton und Rosberg zehn Runden lang mit unterschiedlichen Reifen gegeneinander fuhren und dabei Zeit auf die Konkurrenz verschenkten.

In Spa war der Fall eindeutig. Die Kollision in Les Combes hat Mercedes einen Doppelsieg gekostet. Es war kein Unfall mit Pauken und Trompeten, sondern eine kleine Berührung mit großen Folgen. Die Rennleitung lag mit ihrer Einschätzung richtig. Es war ein normaler Rennunfall. Trotzdem gibt es dafür einen Schuldigen.

Die überwiegende Mehrheit der Ex-Rennfahrer im Fahrerlager nahm Rosberg in die Pflicht. Stellvertretend dafür Martin Brundle: "Nicos Aktion garantierte, dass er sich dabei den Frontflügel abfahren würde. Aus seiner Sicht war es Glück, dass Hamilton dabei der Reifen aufgeschlitzt wurde. Lewis hat trotz der schlechteren Innenspur den Scheitelpunkt getroffen und hatte die Nase vorn. Das gab ihm das Recht, im weiteren Teil der Kurve die normale Rennlinie beizubehalten. Nico hätte nur nach links lenken müssen. Stattdessen richtet er das Lenkrad zunächst gerade aus und zieht dann sogar nach rechts."

Kurve war für Rosberg verloren

Alle Experten waren sich trotzdem einig: Das war kein absichtliches Foul, sondern eine Fehleinschätzung. Eine unvermeidliche, aber vermeidbare Karambolage. Unvermeidlich, weil es früher oder später dazu kommen musste. Vermeidbar, weil es nicht in dieser Situation hätte passieren müssen.

Die Kurve war für Rosberg verloren. Das hätte er erkennen müssen. Brundle fügt hinzu: "Wir haben später im Rennen an der Stelle noch ähnliche Manöver gesehen. Welche, die abgebrochen wurden, andere die geklappt haben. Bottas ist ein gutes Beispiel."

Nico Rosbergs Stärke ist, dass er seine Emotionen unter Kontrolle hat. Das zeigt sich auch in seinen Aussagen. Rosberg vermeidet jeden verbalen Konflikt mit seinem Gegner. Ganz im Gegensatz zu seinem Teamkollegen, dessen Psyche manchmal Achterbahn fährt.

Hamilton trägt sein Herz auf der Zunge. Er sucht die Konfrontation mit Rosberg auch außerhalb der Strecke. Das kann manchmal nützlich sein, aber auch zum Eigentor werden. So wie in Spa.

Die viel zitierte Freundschaft der beiden Mercedes-Piloten ist schon lange keine mehr. Wenn es denn je eine war. Rosberg mag den coolen Hund spielen, und doch nehmen seine Antennen wahr, welche Spielchen sein Stallrivale spielt. Und wie die Szene über das Duell denkt.

Nachdem Hamilton den Teamkollegen in Bahrain im direkten Duell ein paar Mal abblitzen ließ und neben die Strecke schickte, und nachdem sich in Ungarn der Eindruck festigte, dass Hamilton der kompromisslosere Überholer ist, da hatten die Richter im Fahrerlager schnell ihr Urteil parat: Rosberg ist im Zweikampf zu weich.

Rosberg durfte nicht schon wieder nachgeben

Rosberg erwähnte selbst das Duell mit Hamilton in der letzten Runde von Ungarn, als er die Strecke verlassen musste, um eine Kollision zu verhindern. Er sagte, dass eine habe nichts mit dem anderen zu tun. Das muss bezweifelt werden.

Die Szene von Budapest saß noch im Hinterkopf, als Rosberg seine Attacke auf Hamilton in Spa startete. Er war schneller, er wollte vorbei. Und die Gelegenheit war günstig. Hamilton kam langsamer aus Eau Rouge, was Rosberg die Möglichkeit gab, auch ohne DRS an die Seite des anderen Mercedes zu ziehen.

Doch dann hätte der WM-Spitzenreiter merken müssen, dass er für den zweiten Teil der Rechts-Links-Kombination zwar die Innenspur halten würde, aber viel zu weit hinten war, um sich noch in die Lücke zu zwängen. Dass er dann doch dagegen gehalten hat, war wohl das Resultat angestauten Ärgers über die unnachgiebige Fahrweise seines Teamkollegen.

Rennfahren hat auch viel mit Psyche zu tun. Wer zwei Mal nachgibt, gibt immer nach. Und macht den Kollegen nur noch stärker. Rosberg leistete sich für einen Moment Emotionen, wie man sie sonst nur von Hamilton kennt.

Fernando Alonso zum Beispiel kontrollierte seinen Frust über Kevin Magnussen bis zur letzten Runde. Er hätte den Dänen ein paar Mal von der Strecke räumen können. Als Magnussen dann dafür sorgte, dass auch noch Sebastian Vettel und Jenson Button am Ferrari vorbeifuhren, brannten Alonso die Sicherungen durch. Er krachte in einem Manöver, das nicht gutgehen konnte, ins Heck von Vettels Red Bull. Man sieht: Auch dem komplettesten Rennfahrer passieren Ausrutscher.

Was heißt das für die Zukunft des Mercedes-Duells? Nichts Gutes, möchte man sagen. Die Stimmung zwischen Rosberg und Hamilton ist noch aufgeladener als vorher. Das birgt noch mehr Potenzial für Kollisionen auf der Strecke. Zumal Hamilton bei 29 Punkten Rückstand immer mehr riskieren muss.

Noch ein Schwenk in die Geschichte. Lauda und Prost kamen ohne Kollision durch die Saison 1984. Weil es keine Vorgeschichte gab, die den einen gegen den anderen aufbrachte. Auch das Duell Prost gegen Senna ging im ersten Jahr noch gut aus. Der Ärger deutete sich aber mit einer Beinahe-Kollision in Estoril schon an.

1989 hatte sich bei beiden Fahrern so viel Frust über den anderen aufgestaut, dass es in Suzuka zum Zusammenstoß kam. McLaren tat es im Gegensatz zu Mercedes heute nicht weh. Da stand bereits fest, dass nur noch Prost oder Senna Weltmeister werden konnten.

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