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Gerhard Berger über Formel-Reform

"Das erste Drittel ist geschafft"

Formel 4 Foto: formula4.com

Gerhard Berger hat zwei Jahre lang für die FIA an der Neuordnung der Nachwuchsserien gearbeitet. In den nächsten Monaten wird er die Aufgabe an einen Nachfolger übergeben. Berger erklärt warum, und was bisher geleistet wurde.

18.01.2014 Michael Schmidt
Sie haben für die FIA die Nachwuchsklassen im Motorsport reformiert. Jetzt wollen Sie aussteigen. Warum?

Berger: Aussteigen ist das falsche Wort. Jean Todt musste seinerzeit viel Überzeugungsarbeit leisten, um mich für diese Aufgabe zu gewinnen. Wir haben damals ausgemacht, dass ich mich ein Jahr dahinterklemme. Inzwischen ist es nicht ein Jahr, sondern schon über zwei. Ich habe viel Arbeit in meiner eigenen Firma und bin der Meinung, dass jetzt der Nächste das Projekt in eine zweite Phase bringen könnte. Wenn der Geeignete gefunden ist, werden wir ihm das übergeben. Mein Ziel ist es einen zu finden, der auf mein Konzept aufsetzt und nicht das Ganze wieder in eine andere Richtung bringt. Es ist viel Arbeit, sie ist unentgeltlich und zeitaufwendig, weil man sich in die Details hineindenken muss.

Was ist geschafft worden, was noch offen?

Berger: Das erste Drittel ist geschafft, nicht mehr. Wenn man die Nachwuchsserien ordentlich reformieren will, ist man zehn Jahre unterwegs. Ich habe mich entschlossen mit der Formel 3 zu beginnen, weil das für mich immer das Herz des Nachwuchssports war. Die Formel 3 kommt jetzt Schritt für Schritt wieder in die Position, die ihr zusteht. Dort sollen Rennfahrer mit beschaulichem Budget das lernen, was sie später auch in der Formel 1 brauchen können. Wir haben die Reglements korrigiert und die Konzentration auf eine Formel 3-Europameisterschaft gelenkt. Es war in diesem Jahr schon eine starke Meisterschaft mit 28 Autos. Für 2014 haben sich 13 Teams mit 37 Autos angemeldet, und es ist noch nicht mal Anmeldeschluss. Es ist ein qualitativ hochwertiges Feld, von den Teams und den Fahrern her. Keine Mitläufer, überall neueste Ausrüstung. Jetzt geht es darum die Serie stabil zu machen und die nationalen Meisterschaft vorsichtig wieder aufzustellen.

Wie soll das gehen?

Berger: Alle fahren unter einem Reglement. Das spart Kosten. Es soll nicht so wie früher in Deutschland und England jedes Land seine eigene Suppe kochen. Wenn jemand Formel 3 drauf schreibt, muss auch Formel 3 drin sein. Und wenn mein Nachfolger das nicht hartnäckig weiterverfolgt, bricht das gleich wieder auf. Natürlich gibt es hunderttausend Argumente, warum man einmal den Motor quer einbauen sollte, einmal vorne oder hinten. Das mag für einen Moment für einen Einzelnen von Vorteil sein, aber nicht für den Sport.

Was kostet eine Formel 3-Saison?

Berger: In einem Top-Team kostet eine Saison zwischen 500.000 und 600.000 Euro. Ein Spitzenfahrer kann aber noch eine starke Werksunterstützung einspielen. Dafür bekommen die Fahrer auch viel geboten. Wir haben einen Top-Kalender mit Rennen in Spa, Pau, Norisring, Silverstone, Imola, Red Bull-Ring, Moskau, Hungaroring, Hockenheim und Nürburgring. Wir haben elf Events mit je drei Rennen. Die Nachwuchspiloten kommen also viel zum Fahren. Das war in der Vergangenheit immer die Krux. Alle haben immer auf die Formel 1 geschaut und ihr alles nachgemacht. Also auch so wenig Kilometer wie möglich, um Geld zu sparen. Das funktioniert in einer Nachwuchsklasse aber nicht. Der Nachwuchs muss fahren und nicht nichtfahren. Unser Ziel war es, die Kilometerkosten zu drücken.

Welche Namen werden wir in Zukunft in der Formel 1 sehen?

Berger: Mit Kvyat haben wir nächstes Jahr ja schon einen Formel 3-Fahrer in der Formel 1. Ich finde es gut, dass man so wie früher mit einer herausragenden Leistungen auch den direkten Sprung aus der Formel 3 in die Formel 1 schaffen kann. Europameister Marciello ist ein sehr guter Mann, hat aber den Nachteil, dass er sehr groß ist. Da kann ich ein Lied davon singen. Zu meiner Zeit wurden die Autos der Aerodynamik zuliebe so klein und so niedrig wie möglich gebaut, und da standen größere und schwerere Fahrer den Ingenieuren im Weg. Leider kommen wir da jetzt wieder hin.

Gibt es weitere Pläne?

Berger: Ich möchte einen Formel 3-Winter-Cup im Mittleren Osten anschieben. Wenn eine Saison 500.000 bis 600.000 Euro kostet, dann wollen wir mehr Gegenwert bieten. So können die Teams mit der gleichen Ausrüstung auch noch im Winter Rennen fahren. Deshalb haben wir auf der Motorenseite die Kosten reduziert. Eine Saison kostet bei Renault oder VW nur noch 50.000 statt 100.000 Euro. Und so ein Motor kann 10.000 Kilometer fahren. Wir wollen nicht die Technik reduzieren, sondern die Zahl der Rennen vergrößern.

Erklären Sie die Formel 4!

Berger: Der zweitdringlichste Schritt nach der Formel 3 war eine Formel zwischen dem Kartsport und der Formel 3. Da gibt es ein furchtbares Durcheinander. Jeder macht, was er will. Jeder rechtfertigt seine eigene Serie, und es ist nichts Vernünftiges dabei. Wir haben versucht, in dieses Chaos mit einer Formel 4 Ordnung reinzubringen. Dafür ist es wichtig, dass man Autos baut, mit denen 15-jährige fahren können. In dem Alter muss man richtige Rennautos fahren lernen. Das Problem beim Kartsport ist, dass er immer teurer wird. Die jungen Fahrer brechen die Schule ab und sind von den Eltern weg, damit sie weltweit fahren können. Kartsport ist ideal bis zum Alter von 15 Jahren. Ab da muss es für die jungen Fahrer eine Möglichkeit geben, unter Kontrolle Rennautos zu fahren. Das soll aber nur auf nationaler Ebene passieren. Dafür braucht der Fahrer eine nationale Lizenz. Er soll in seinem Land Rennen fahren. Das spart Kosten, und die jungen Fahrer können weiter in die Schule gehen.

Mit welchen Autos wird gefahren?

Berger: Das komplette Fahrzeug soll zwischen 40.000 und 42.000 Euro kosten. Inklusive Motor. Es soll über sechs Saisons gefahren werden können. Wir haben für Chassishersteller eine Ausschreibung gemacht. Mygale, Tatus und Dome sind schon dabei, gehen bereits in Auslieferung. In den Startlöchern steht auch Dallara. Beim Motor kann sich jedes Land innerhalb von vorgegebenen Paramatern für einen eigenen Motor entscheiden.

Welche Parameter?

Berger: Serienmotor, maximaler Preis: 0,7 Euro pro Kilometer auf einer Basis von 30.000 Kilometern, maximal 160 PS. Mit dem Interessenten auf der Motorseite kann der zuständige nationale Automobilclub seine eigene Vereinbarung treffen. Wir haben starke Unterstützung von Herstellern wie Fiat, Ford, VW und Renault. Der Vorteil ist, dass sich jeder Autokonzern ein Land aussuchen kann, das für ihn aus Marketinggründen interessant ist. So hat der ASN die Möglichkeit vom Hersteller Geld zu bekommen, um die Serie zu promoten. In drei Jahren werden wir die Formel 4 auf der ganzen Welt antreffen. Italien hat schon einen Kalender. Mit England, Deutschland, China, Frankreich und Australien stehen bereits wichtige Märkte auf der Liste. Aus Südamerika gibt es Anfragen. Die Dynamik werden wir erst 2015 sehen. Und dann haben wir den richtigen Unterbau für den Nachwuchs. Die Formel 4 könnte mal die Rolle der früheren Formel Ford übernehmen.

Sie waren Rennfahrer, Rennleiter, sind Geschäftsmann. Wie sehen Ihre Erfahrungen als Funktionär aus?

Berger: Es ist besser Geschäftsmann zu sein. Der Job als Funktionär ist charakterbildend. Für mich war es eine perfekte Schule. Rennfahrer und Rennleiter kenne ich. Ich habe aber nie gewusst, wie im Motorsport die Entscheidungen getroffen werden. Und warum was entschieden wird. Ich hatte jetzt zwei Jahre lang die Gelegenheit mir das anzuschauen und bin dabei von Jean Todt und der gesamten FIA-Mannschaft sehr gut unterstützt worden. Trotzdem ist eine äußerst mühsame und zeitaufwändige Aufgabe. Du kannst nicht wie ein Geschäftsmann entscheiden. Erst einmal musst du alle ins Boot kriegen. Da gibt es so viele Interessen. Jeder schaut nur auf sich, sein Land, das Geschäft der Firmen, die aus dem Land kommen. Das kann gut für das jeweilige Geschäft sein, aber nicht unbedingt für den Sport. Das zu erkennen und dann die Weichen so zu stellen, dass die Eigeninteressen nicht zum Tragen kommen, ist wahnsinnig schwierig. Ich war es gewohnt Entscheidungen zu treffen, egal ob richtig oder falsch. Bei diesem Job musste ich Geduld haben, Vorarbeit leisten, alle überzeugen. Da habe ich manchmal mit mir selbst gekämpft.

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