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26. Mille Miglia 2008

Schau Bella

Foto: Daniel Reinhard 19 Bilder

Eine schöne, alte Rallye auf neuen Wegen: Mit großer Spannung war die 26. Mille Miglia durch Italien erwartet worden, weil die Organisation im vergangenen Jahr gewechselt hat. Doch Launen blieben auf den 1.000 Meilen allenfalls dem Wetter vorbehalten.

05.06.2008 Birgit Priemer

Der zweite Tag neigt sich dem Ende zu, und langsam macht die Mille Miglia ihren Initialen alle Ehre. MM, das steht kurz vor 21.00 Uhr, bei der Einfahrt nach Rom, in erster Linie für müde Menschen. Einen Bugatti Typ 44 Baujahr 1927 oder einen nur drei Jahre jüngeren Mercedes SSK vom Startpunkt Brescia innerhalb von eineinhalb Tagen über Verona, Ferrara, Ravenna und Urbino nach Rom zu bewegen, ist schließlich für Mensch und Maschine Schwerstarbeit. Unzählige Staus, in denen das Getriebe zu überhitzen droht, enge Ortsdurchfahrten durch italienische Bergdörfer, ein Kreisverkehr nach dem anderen und die nicht enden wollende Aneinanderreihung von Wertungsprüfungen trüben den manchmal so verklärten Blick in die Vergangenheit.

Wir wollen unseren Spaß haben

Denn wie Rennfahrer-Legende Stirling Moss diese Strecke im Jahr 1955 mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,651 km/h in etwas mehr als zehn Stunden Fahrzeit geschafft haben soll, bleibt auch Ex-Formel 1-Rennfahrer Mika Häkkinen ein Rätsel. Der Finne schickt seine Stoppuhr nach nur drei von insgesamt 49 Wertungsprüfungen in den Vorruhestand und beschließt, die exakt 1.287,06 Kilometer lange Route von Brescia nach Rom und zurück in seinem Mercedes SL 300 Prototyp ohne weitere unnötige Ablenkung zu bewältigen.

Er ist nicht der Einzige, der sein Vergnügen abseits der bis zu sieben aneinandergereihten Schlauchwertungen sucht. „Wir wollen unseren Spaß haben und fahren einfach der Polizei hinterher“, erklären Gary Peterson und David Frederick aus Kalifornien, die sich ihren Chrysler Saratoga Baujahr 1952 vor fünf Jahren ausschließlich zu dem schönen Zweck gekauft haben, ein Mal im Leben an der Mille Miglia teilzunehmen – und jetzt ist es soweit. Die beiden Westküsten-Jungs leben im Hier und Jetzt: „Was wir mit dem Auto danach machen? Keine Ahnung.“ Sie könnten sich ein Beispiel an Luca Maggiorelli nehmen. Der pilotiert seinen Giannini 750 Sport von 1948 bereits in der dritten Generation, denn sein Großvater hat in dem engen Zweisitzer schon 1949 einen Klassensieg bei der Mille Miglia errungen.

Harte Knochenarbeit

Wer die Sache ernst nimmt, kommt schnell zu der Erkenntnis, dass es sich bei dieser Rallye keinesfalls um eine italienische Variante des Laisser-faire handelt. Die Mille Miglia zu fahren ist harte Knochenarbeit, was auch Rennfahrer-Legende Jochen Mass anzusehen ist, als er am Samstag gegen 23.00 Uhr in seinem Mercedes 300 SLR schließlich der letzten Zeitprüfung entgegenrollt: Müde Augen, nassgeregnete Haare und ein von Auspuffgasen und Reifenabrieb geschwärztes Gesicht zeugen von den Strapazen der vergangenen Tage. Doch ein Mille-Pilot kennt keinen Schmerz, und so gibt Mass am Ende des dreitägigen Marathons lediglich „Schmerzen in der rechten Ferse“ zu Protokoll.

Dreitägige Woge der Begeisterung

Riccardo Bonalumi hat es da in seinem Fiat 1100 S von 1947 schon härter getroffen. Er kollidiert auf dem Weg nach Ravenna ausgerechnet mit dem Bürgermeister von Moskau, der ebenfalls im Rallye-Tross unterwegs ist. Für den Italiener kein Grund aufzugeben. In Montichiari nahe Brescia steht er im strömenden Regen mit seinem zerbeulten Fiat in der letzten Zeitkontrolle, um seinen Platz in der Wertungsliste zu halten – getragen von einer dreitägigen Woge der Begeisterung, die der Mille unter der Regie ihres langjährigen Organisators Costantino Franchi diesen einzigartigen Ruf verschafft hat, den das neue Führungsteam mit dem Namen ATI erhalten möchte.

Der Erfolg gibt ihnen recht: Denn während in Deutschland am Samstagabend normalerweise Gottschalk-Primetime ist und die Straßen wie leergefegt sind, lässt es sich die italienische Bevölkerung auch weit nach Mitternacht nicht nehmen, ihre Mille Miglia-Außenwette selbst zu zelebrieren. Müde gewordene Rallye-Piloten bekommen so auch auf den letzten Metern noch die Gewissheit vermittelt, dass sie auf einer der schönsten Motorsportveranstaltungen der Welt unterwegs sind.

Eine La-Ola-Welle nach der anderen

Da eilt die italienische Mamma in der frischgestärkten Küchenschürze am berühmten Futa-Pass heraus, als sich das historische Teilnehmerfeld durch die engen Spitzkehren windet. Und der Freundeskreis Wolfsburg lässt im Chianti-Tal tanzend eine La-Ola-Welle nach der anderen durch die Menge branden, als das Oldtimerfeld im sanften Drift an ihnen vorbeiswingt. Selbst Besucher einer Beerdigung lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, als im toskanischen Impruneta automobile Kostbarkeiten wie der Diatto Typ 20 Targa von 1920, ein Lancia Lambda von 1925 und ein gleich alter OM 665 Superba an ihnen vorbeirollen – alles Raritäten, die hoffentlich noch lange nicht das Zeitliche segnen werden.

Das Team mit der Startnummer 206 dagegen – unterwegs im 356 Speedster aus dem Porsche-Museum unter Leitung von Klaus Bischof – hofft zunächst vergeblich auf höhere Hilfe, als das Fahrzeug vor dem Vatikan in Rom streikt. Die Schweizer Garde ist außer Sicht, und so bleibt dem Damenteam mit Patricia Scholten am Steuer nur ein Stoßgebet zum Himmel. Die Chefin des Motorbuch Verlages Stuttgart und Tochter des auto motor und sport-Begründers Paul Pietsch hat einen guten Draht nach oben: Der nur 55 PS starke, aber auch 770 Kilogramm leichte Sportwagen mit weißer Außenlackierung und roter Innenausstattung lässt sich nach kurzer Gedenkpause wieder zum Leben erwecken und kann problemlos zum Corso durch die römische Innenstadt starten.

Die Mille Miglia bei Motor-Klassik.de

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