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70 Jahre Ruhestein-Bergrennen

4. Auflage der Baiersbronn Classic mit 125 Klassikern

BMW 328 - Hermann Holbein - Baiersbronn-Obertal - Ruhestein - Bergrennen 1946 Foto: Seeger-Press 39 Bilder

Ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs lag Deutschland in Trümmern, die Verhältnisse waren chaotisch, der Mangel groß. Das erste Rennen sollte den Menschen Hoffnung geben: 30.000 Zuschauer kamen nach Baiersbronn im Schwarzwald, um am 21. Juli 1946 rund 120 Auto- und Motorrad- Rennfahrer am Ruhestein zu bejubeln.

13.09.2016 Hans-Jörg Götzl Powered by

Nach 1945 Geborene können sich heute vermutlich kaum vorstellen, wie es in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland aussah: Am 7. Mai 1945 hatte Generaloberst Alfred Jodl in Reims die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht unterzeichnet, einen Monat später, am 5. Juni, übernahmen die Siegermächte mit der Berliner Erklärung die Regierungsgewalt. Durch die Flächenbombardements lag Deutschland zu weiten Teilen in Trümmern, öffentliche Ordnung und Verwaltung existierten nur rudimentär.

BMW 328 - Hermann Holbein - Baiersbronn-Obertal - Ruhestein - Bergrennen 1946 Foto: Seeger-Press

Bergrennen zwischen Baiersbronn-Obertal und dem Ruhestein

Familien waren getrennt, fast jeder suchte Vermisste, es fehlte an Nahrung, Kleidung und Brennmaterial. Vieles wurde von den Besatzungsmächten beschlagnahmt, darunter natürlich vor allem Privatwagen, die den Krieg überlebt hatten. Tauschgeschäfte waren an der Tagesordnung, Zigaretten übernahmen die Währungsfunktion. Wer zwischen den vier Besatzungszonen reisen wollte, brauchte eine Genehmigung, allerdings gab es kaum private Fahrzeuge – wer einen rostigen Drahtesel sein Eigen nannte, konnte sich schon glücklich schätzen.

Dennoch machte sich langsam, aber sicher Hoffnung breit, dass sich die Dinge zum Besseren wenden und es eines Tages bergauf gehen würde. Und auch Motorsport sollte es irgendwann wieder geben. Wie lange es schon Überlegungen gab, auf der Strecke zwischen Baiersbronn-Obertal und dem Ruhestein ein Bergrennen zu organisieren, lässt sich heute nicht mehr sagen. Am 4. Juni 1946 jedenfalls erlaubte die französische Besatzungsmacht das Rennen und sicherte zu, kein Transport- oder Rennfahrzeug auf dem Weg dorthin aufzuhalten oder zu beschlagnahmen. Als Veranstalter zeichnete die frisch gegründete Süddeutsche Motor-Rennfahrer-Vereinigung mit Sitz in Baiersbronn verantwortlich, zu der sich auch Schorsch Maier gesellt hatte.

120 Fahrer mit Autos, Motorrädern und Gespannen

Die Nachricht von dem Bergrennen verbreitete sich trotz großer Schwierigkeiten in Windeseile, das Schwäbische Tagblatt schrieb: „Mit dem am 21. Juli stattfindenden 1. Ruhestein-Bergrennen gelangt in Deutschland eine Motorsportveranstaltung zur Durchführung, bei der zum ersten Mal seit Kriegsende auch wieder deutsche Sport- und Rennwagen an den Start gehen dürfen.“

Insgesamt fanden sich rund 120 Fahrer mit Autos, Motorrädern und Gespannen in Baiersbronn ein, die in 17 Klassen um den Siegerkranz fuhren – getrennt zwischen Ausweis- und Lizenzfahrern, mit nationaler und internationaler Lizenz also. Den Siegern winkten Preise zwischen 600 und 1.000 Reichsmark, dazu kam der Veranstalter für die Reisekosten auf. Die meisten Zuschauer reisten auf offenen Lkw an, auf deren Ladeflächen einfache Bänke montiert waren.

Die etwa acht Kilometer lange Strecke mit 500 Metern Höhenunterschied war zuvor mühsam von vielen Helfern präpariert worden, Schlaglöcher wurden zugeschüttet und Auslaufzonen geschaffen. Dennoch war die abschnittsweise sehr schnelle Strecke mit ihren fünf Spitzkehren überaus gefährlich und bei den herrschenden Witterungsverhältnissen äußerst rutschig – zwei Motorrad-Rennfahrer kamen noch am Samstag während des Trainings von der Piste ab, einer beim Rennen am Sonntag.

Zwei starben direkt an der Strecke, einer erlag in der Woche darauf im Krankenhaus seinen Verletzungen. Auch den Autofahrern ging hier und da die Straße aus, ein Bugatti etwa rutschte zunächst in den Wald, dann einen Abhang hinunter und wickelte sich um einen Baum, der Fahrer blieb wie durch ein Wunder unverletzt. Etwa 20 Renn- und Sportwagen hatten sich am Start versammelt, die meisten BMW und Bugatti, dazu Morgan, Maserati und MG. Viele davon waren nur notdürftig rennbereit gebastelt worden, die Ausfallquote war hoch. Unter den Fahrern fanden sich einige bekannte Namen, etwa Alexander von Falkenhausen, Eberhard de Bary und vor allem Hermann Lang.

Ruhestein-Bergrennen 1946 - Buch Foto: Seeger-Press

Sieg im Mille-Miglia-BMW

Der ehemalige Europameister auf Mercedes Silberpfeilen pilotierte das BMW Touring Coupé, mit dem von Hanstein/Bäumer 1940 die Mille Miglia gewonnen hatten, fuhr mit 4.57 Minuten die absolut schnellste Zeit und gewann damit die Sportwagenklasse bis 2.000 cm3. Als Höhepunkt des Bergrennens gingen in der Rennwagenklasse zwei Bugatti an den Start, hier siegte Fritz-Georg Martin auf einem Typ 35B/51A. Nach vier Stunden war das Spektakel auch schon wieder vorbei, ein zweites Ruhestein-Bergrennen sollte es aus organisatorischen und wirtschaftlichen Gründen nicht geben. Der Reingewinn der Veranstaltung von 10.000 Reichsmark ging übrigens als Spende für Ostflüchtlinge an die Gemeinde Baiersbronn.

Das Buch zum Rennen

Neben dem kenntnisreichen Text enthält „Ruhestein-Bergrennen 1946“ auf 230 Seiten rund 120 eindrucksvolle Fotos, die jahrzehntelang im Seeger-Press-Archiv geschlummert haben und das Buch zu einem großartigen Zeitdokument machen. Zu bestellen für 19,80 Euro bei Seeger-Press in Albstadt, Tel. 074 31/50 02 33.

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