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ADAC Sachsenring Classic

Aufschwung Ost auf legendärer Rennstrecke

ADAC Sachsenring Classic, Trabant RS Foto: Arturo Rivas 33 Bilder

Der Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal hat eine Tradition, die bis ins Jahr 1927 zurückreicht. Jetzt widmet sich eine neue Veranstaltung der Geschichte von Sachsens bekanntester Rennstrecke.

18.02.2015 Dirk Johae Powered by

Helga - die erfolgreichste Rennfahrerin der DDR

Mit Nachnamen hält man sich am Sachsenring nicht lange auf: Die so fröhliche wie resolute Dame heißt bei allen einfach Helga. Scheinbar kennt sie jeder hier im Fahrerlager und auf den Tribünen der Naturrennstrecke im Südosten der Republik, nicht erst seit der Veröffentlichung ihrer Biografie. Helgas Familienname lautet Heinrich: Die 75 Jahre alte Voigtländerin ist die erfolgreichste Rennfahrerin der ehemaligen DDR.

Am Sachsenring genießt Helga ihr Geburtstagsgeschenk: Die Fahrt in einem MT-77 Formelrennwagen, mit dem sie in den 70er-Jahren erfolgreich auf Rundstrecken unterwegs war. "Es ist nicht exakt mein Auto von damals, aber es sieht genauso aus", sagt sie mit viel Vorfreude und schickt hinterher: "Eigentlich fahre ich grundsätzlich nicht in fremden Autos, aber heute muss ich mal eine Ausnahme machen."

Heute sind viele Rennfahrer der ehemaligen DDR noch mal mit ihren Rennwagen zum Sachsenring gekommen. Einst ein tückischer Straßenkurs, ist die anspruchsvolle Berg-und-Talbahn seit 1996 eine dauerhafte Rennstrecke. Neben dem deutschen Motorrad-Grand-Prix und dem Auftritt der ADAC GT Masters möchte der ADAC dort dauerhaft eine historische Veranstaltung mit Motorrädern und Autos ausrichten, einen Oldtimer-Grand-Prix des Ostens.

750 Premierenteilnehmer und 15.000 Zuschauer

Damit haben die Sachsen offenbar einen Nerv getroffen: Insgesamt 750 Teilnehmer rannten ihnen förmlich die Bude ein. Trotz des vor allem am Sonntag lausigen Wetters kamen rund 15.000 Zuschauer zur Premiere. Das ist weit mehr als bei den meisten modernen Rennwochenenden an der 3,67 Kilometer langen Strecke. Bei der ADAC Sachsenring Classic erleben sie Autos und Motorräder, die in der Vergangenheit auf der Strecke eingesetzt wurden.

Autos wie die MT-77 mit Lada-Motoren, ein Riesenaufgebot von verschiedenen Melkus Sport- und Rennwagen, dazu Trabant RS, Wartburg, Zastava, Skoda 130 RS, einige Lada sowie sogar ein Saporoshez. Selbst Streckensprecher Lutz Weidlich schaut ganz überrascht aus seiner Kabine im dritten Stock des Rennleiterturms. "Da fährt ja mein Auto", ruft der 74 Jahre alte Leipziger und verfolgt mit dem linken Zeigefinger einen blau-gelben Trabant. Selbst die Startnummer 17 stimmt.

Rennwagen mit Lada-, Trabant- und Wartburg-Motoren

"Aber das ist nicht mein originales Auto von damals, es ist nur so hergerichtet", schränkt Weidlich ein. Vielleicht denkt er gerade an das Rennen hier auf dem Sachsenring im Jahr 1978: Nach einem Motorschaden bei einem Bergrennen zuvor hat er sich von Trabant-Papst Udo Gaida aus Frohburg einen Motor geliehen.

Bei diesem Rennen regnet es in Strömen, und Weidlich wird in Gaidas Gischt Neunter. In einigen der alten Geschichten, die an diesem Wochenende im Fahrerlager erzählt werden, spielt Regen eine wichtige Rolle. Auch bei Heiner Lindner, dem zweifachen DDR-Formel-Meister. Beinahe wichtiger als die beiden Titel sind dem ehemaligen Leipziger, der 1986 in den Westen auswanderte, seine vier Erfolge auf dem Sachsenring.

Zweifacher DDR-Formel-Meister im MT-77

1973 feiert Lindner in einem Melkus-Lada beim Großen Preis der DDR seinen ersten Sieg auf dem damals 8,618 Kilometer langen Kurs. Wie heute ist es eine gemischte Veranstaltung für Autos und Motorräder. Es ist das letzte Rennen am Samstag, und der Leipziger Lindner gewinnt vor rund 50.000 Zuschauern mit 43 Sekunden vor Wolfgang Küther aus Dresden.

"Ich glaube, das war mein schönster Sieg hier, nicht zuletzt, weil es geregnet hat", betont der Rennfahrer mit der Figur eines Jockeys. "Erfolge im Regen sind immer etwas Besonderes." Die Startnummer 82 ziert noch heute seinen Rennwagen, einen jener MT-77, mit denen Lindner ab 1977 fuhr. Viele Erinnerungen fahren mit, wenn Lindner, Heinrich und Co. ihre Monoposti noch einmal auf dem Sachsenring ausführen. Auch Helga ist bereit, ihr Geburtstagsgeschenk einzulösen. "Ich bin immer noch aktive Rennfahrerin und starte regelmäßig in einem Formel Renault", berichtet sie.

Das sollte man wissen, wenn man die Grande Dame des DDR-Motorsports im rot-weißen Malimo-Renner auf der Strecke sieht. Damit am fremden Auto ja nichts kaputtgeht, rollt Helga Heinrich ganz langsam über die Piste. Ihre Kollegen lassen es dagegen richtig fliegen. Zwar geht es bei der HAIGO (Historische Automobilrennsport-Interessen-Gemeinschaft Ostdeutschland) an diesem Wochenende nicht um die schnellsten Rundenzeiten, sondern um eine Gleichmäßigkeitsprüfung. Aber das Tempo muss stimmen.

Formelrennen Ost

Neben Heiner Lindner und Helga Heinrich startet auch der letzte DDR-Meister Heinz Siegert aus Leipzig in seinem MT77 bei der ADAC Sachsenring Classic. Außerdem ist Dennis Thassler dabei, dessen Vater den Formel-Wagen zusammen mit Ulli Melkus und Frieder Kramer maßgeblich entwickelt hat. Kramer nutzte nach Feierabend zur Berechnung des Rahmens und des Fahrwerks den Großrechner der VEB Sachsenring in Zwickau, wo der Trabant gebaut wurde.

Thassler entwickelte und verbesserte die Karosserieform im Windkanal der Technischen Universität Dresden. Damit hat er großen Anteil an den Erfolgen der DDR-Nationalmannschaft, die bis 1986 fünfmal den Mannschaftstitel beim Pokal für Frieden und Freundschaft gewann, gewissermaßen die Formel-3-Europameisterschaft Osteuropas. Ulli Melkus gewann fünf Fahrertitel.

Fast 60 der fortschrittlichen Formel-Renner werden gebaut und auch ins osteuropäische Ausland verkauft. Bei der ADAC Sachsenring Classic sind die erfolgreichsten Melkus-Thassler 77 zum ersten Mal wieder gemeinsam auf einer Rennstrecke zu sehen: Die ehemaligen Autos der unvergessenen Champions Ulli Melkus mit Narva-Sponsorbeschriftung und Bernd Kasper mit Werbung für ORWO-Film, aber auch der Rennwagen des Berliners Manfred Kuhn, auf dessen Karosserie für die Rockband Puhdys geworben wurde. Insgesamt 16 MT77 weckten beim Ost-OGP viele Erinnerungen an die Sachsenring-Rennen.

Melkus MB90 mit BMW-Motor

Zu den Schnellsten auf der Strecke gehörte Nils-Holger Willms mit seinem MB90, einem Monoposto aus der Melkus-Schmiede von 1990. Er war bereits mit einem BMW-Motor bestückt und ist die letzte Melkus-Formel-Konstruktion.

Von 1990 bis 1996 ruhte der Rennbetrieb auf dem Sachsenring. Mit einem Lauf zum ADAC-Supertourenwagen-Cup wurde die Strecke 1996 wieder eröffnet. Von 2000 bis 2002 trug sogar die DTM jeweils einen Lauf in Sachsen aus. Zur Erinnerung an diese jüngere Autorenntradition rollten einige DTM- und STW-Autos beim "Tourenwagen Revival" über die Strecke.

DTM-Mercedes C-Klasse muss wegen Schaumstoff stehen bleiben

Dabei sollte auch Ellen Lohr ihren Werks-Mercedes von 1994 fahren, der sich im Besitz eines privaten Sammlers und Fahrers befindet. "Ich bin ganz traurig, weil ich nicht fahren kann", sagt sie. Der Klasse-1-Mercedes C-Klasse wurde zwar aufwendig restauriert. Aber der alte Sicherheitsschaum blieb im Tank und löst sich langsam auf. Kleine Stückchen setzten sich in die Benzinleitung. Um keinen teuren Motorschaden zu riskieren, musste der silberne DTM-Wagen stehen bleiben.

"Ein Sechszylinder mit 12.000 Umdrehungen, den hätte ich gerne noch mal bewegt", meint Ellen Lohr während sie fleißig Autogramme schreibt, "aber das Team hat mir versprochen, dass ich das Auto bei anderer Gelegenheit mal fahren darf."

So bleiben für eine kommende Ausgabe der ADAC Sachsenring Classic noch einige Wünsche offen. Vielleicht lassen sich ja neben Ellen Lohr noch weitere Ex-DTM- und STW-Stars vom Sachsenring-Fieber anstecken und kommen 2015 zur zweiten Veranstaltung. Der Regen, der in der Rennhistorie hier immer wieder eine Rolle gespielt hat, darf dann bei der 2015er-Ausgabe gerne eine Pause einlegen.

Wurzeln des Sachsenrings reichen zurück bis 1927

Der Nürburgring war noch nicht eröffnet, da dröhnten in Hohenstein- Ernstthal schon die Motoren: Am 26. Mai 1927 starteten Rennmotorräder zum 1. Badberg-Vierecks-Rennen. Daraus entwickelte sich das Sachsenring- Rennen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren auch Rennwagen zugelassen. Die Läufe vor bis zu 480.000 Zuschauern bildeten den Höhepunkt der DDR-Motorsportsaison. 1966 fand das letzte Formel-3-Rennen mit Westbeteiligung statt.

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