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Alex Zanardi im Interview

Deutsche fahren besser als Italiener

Alex Zanardi - 2014 Foto: BMW 40 Bilder

Der beinamputierte Rennfahrer und Paralympics-Sieger Alex Zanardi spricht im Interview mit auto motor und sport über die Qualen beim Ironman, die Respektlosigkeit seiner italienischen Landsleute und die Angst beim Schwimmen.

07.01.2016 Claus Mühlberger
Im Oktober waren Sie zum zweiten Mal beim Ironman in Hawaii am Start. 4 Kilometer Schwimmen im offenen Meer, danach 180 Kilometer mit dem Handbike und noch 42 Kilometer mit dem Rollstuhl in gut neun Stunden. Wie sehr haben Sie gelitten?

Zanardi: Wenn mich auf den letzten Kilometern einer gefragt hätte: "Na, Alex, bist du nächstes Jahr wieder dabei?" Meine Antwort wäre gewesen: Hau bloß ab! Für kein Geld der Welt tue ich mir diese Qual nochmals an. Eine halbe Stunde nach dem Rennen hatte ich meine Meinung schon wieder geändert. Der Ironman ist ein magisches Event, der heilige Gral des Ausdauersports mit unglaublich vielen Zuschauern. Schon um 4.30 Uhr morgens, wenn man sich die Startnummer auf die Haut malen lässt, ist es gerammelt voll mit Fans. Ich habe mich gefühlt wie ein Kind im Süßwarenladen.

Sind Sie nach dem Rennen in ein psychisches Loch gefallen?

Zanardi: Irgendwie schon. Als ich in London 2012 meine zweite Goldmedaille bei den Paralympics geholt habe, war mein erster Satz: "Ein toller Moment." Aber irgendwie ist es auch traurig, dass es vorbei ist. 3 Jahre Schinderei, die Fixierung auf dieses wichtige Ziel. Das ist ein phänomenales Abenteuer - und dann ist es plötzlich geschafft. Wenn man zu solch neuen Horizonten aufbricht, braucht man viel Leidenschaft. Sonst würde man da nicht hinkommen. Sobald man die Ziellinie kreuzt, ist es vorbei, und man muss sich neue Ziele suchen. Schon auf der Ziellinie war mir klar: Ich werde das, was in den letzten 3 Jahren passiert ist, vermissen.

Beim Ironman gab es Probleme beim Schwimmen?

Zanardi: Ja, ich habe mich nicht wohl gefühlt, wahrscheinlich, weil ich zu viel gefrühstückt hatte. Kurz vor der Wendemarke wurde mir plötzlich schwindlig. Ich hatte Angst, ohnmächtig zu werden. Da wird einem klar, dass der Mensch nicht wirklich für das Wasser gemacht ist.

Hätten Sie auf Hilfe durch die Konkurrenten zählen können?

Zanardi: Keine Ahnung, vielleicht hätten sie mich einfach getunkt, versehentlich. Zum Glück sah ich plötzlich den Meeresgrund. So bin ich wieder ins Gleichgewicht gekommen und bekam die Situation in den Griff. Ich bin einfach weitergeschwommen. Etwas anderes blieb mir auch nicht übrig. Im Endeffekt habe ich auch nicht viel Zeit verloren, bloß ein paar Minuten.

Was gibt Ihnen der Ausdauersport?

Zanardi: Er ist ein Geschenk. Jeder, der es schafft, nach einem schweren Unfall wieder zum Sport zurückzukehren, ist ein Sieger.

Kann man den Ironman mit den großen Autorennen der Welt vergleichen, zum Beispiel mit den 500 Meilen von Indianapolis?

Zanardi: Egal, welches Niveau: Man kann kein Rennen gewinnen, wenn es an der Leidenschaft fehlt. Das gilt für Kartrennen wie für die Formel 1 oder den Ironman. Man muss Spaß an der Sache haben. Man muss sich dauernd neue Ziele setzen, und man muss sich jeden Tag fragen: Wie kann ich besser werden? Aber egal, ob Indy 500 oder Ironman, das ist ganz ähnlich. Man muss sich fragen: Wo könnten die Probleme liegen? Dann muss man diese Liste systematisch abarbeiten.

Blancpain Endurance Series - Rd 4 - 24 Hours of Spa - Spa-Francorchamps, BelgiumFoto: xpbimages.com
Sommer 2015: Alex Zanardi im BMW Z4 GT3 bei den 24 Stunden von Spa.
Im letzten Sommer sind Sie mit Bruno Spengler und Timo Glock auf einem BMW Z4 GT3 bei den 24 Stunden von Spa gestartet. Ist es für einen Einzelsportler ein Problem, sich das Auto mit zwei anderen Jungs zu teilen?

Zanardi: Nein, überhaupt nicht. Es war ein fantastisches Erlebnis. Teilen, das ist ein Multiplikator für Emotionen. Ich war im Rennen genauso schnell wie Bruno und Timo. Nicht schlecht für einen fast 50-jährigen Burschen ohne Beine. Mein Teamchef Roberto Ravaglia, der mich liebt wie einen Bruder, war darüber noch glücklicher als ich. Er hat geheult.

Manche Leute werden denken: Hat Alex Zanardi nach dem schrecklichen Unfall nicht Angst, wieder in einen Rennwagen zu steigen?

Zanardi: Ich habe null Angst. Im Rennauto bin ich in meinem Element. Da bin ich glücklich. Bei den 24 Stunden von Spa habe ich mir selbst gratuliert: "Hey, du bist wirklich ein Glückspilz, dass du das erleben darfst."

2016 pausieren Sie im Rennsport?

Zanardi: Ja, ich will mich voll und ganz auf die Paralympischen Spiele in Rio konzentrieren.

Erzählen Sie uns doch mal Ihre Lieblingsstory aus Spa vom 24-Stunden-Rennen im BMW Z4 GT3.

Zanardi: Beim Test vor dem Rennen in Spa fragte ich Timo: "Kannst du mir bitte mein Gedächtnis auffrischen? Geht Eau Rouge mit dem Z4 voll?" Es ist lange her, dass ich zuletzt hier gefahren bin. Das war 1999, im Formel-1-Williams. Mit diesem Auto ging Eau Rouge voll. Timo lachte bloß: "Mit dem Z4 funktioniert das niemals! Der wiegt 1.300 Kilogramm und der Formel 1 nur 600 Kilogramm." Ich fuhr ein paar Runden. Gleich danach kam Bruno zu mir. "Dein erster Sektor war toll." Meine Antwort: "Das wundert mich nicht. Ich bin in Eau Rouge ja Vollgas gefahren." Bruno meinte bloß: "Das glaubst du ja selbst nicht." Ein paar Minuten später kam er zurück: "Alex, ich habe die Daten gecheckt. Du warst ja wirklich voll auf dem Pinsel." Diese kleine Episode war ein Riesenspaß für mich.

Und im normalen Verkehr fahren Sie brav?

Zanardi: Klar, da sehe ich keine Competition.

Was regt Sie im Verkehr auf?

Zanardi: Wenn Autofahrer am Handy rumspielen und dabei Schlangenlinien fahren. Das ist viel gefährlicher als zu schnelles Fahren.

Fahren die Deutschen oder die Italiener besser?

Zanardi: Ich glaube, die Deutschen, weil sie sich eher an die Regeln halten. Darüber sollte man sich nicht lustig machen. Denn das Missachten von Regeln ist gefährlich. Nicht nur im Straßenverkehr. Würden die Italiener die Regeln besser beachten, würde es mit unserem Land ganz anders vorwärtsgehen. Wir Italiener haben ein sehr großes Potenzial, aber wir nutzen es nicht. Wir sind oft Sklaven unserer Respektlosigkeit.

Ihr erstes Auto?

Zanardi: Ein Fiat 127 in Weiß, ein Erbstück vom Großvater. In sehr gutem Zustand, aber so alt, dass er nicht mal Sicherheitsgurte hatte.

Haben Sie ihn getunt?

Zanardi: Nein. Mein Vater war der Ansicht, dass der 127 nicht sicher sei. Er hat mir dann einen Golf GTD gekauft. Mit 70 PS, das hat mich und meine Freunde damals sehr beeindruckt. Ich habe ihm dann 14-Zoll-Räder spendiert, mit Pirelli-P600-Reifen und Alufelgen.

Waren auch die Mädels begeistert?

Zanardi: Weniger vom Fahrer, der damals ein ziemlich schüchterner Bursche war. Eher hat ihnen die Stereoanlage gefallen. In der Hutablage hatte ich mächtige Lautsprecher eingebaut. Subwoofer, Mitteltöner, Hochtöner - alles da. Später habe ich ihm dann einen anderen Turbolader spendiert. Die Leistung stieg auf fast 100 PS. Nicht übel für die damalige Zeit.

Als Italiener haben Sie bestimmt von Ferrari geträumt?

Zanardi: Logisch, und zwar von einem Formel-1-Ferrari. Ich habe mir oft vorgestellt, als Letzter beim GP in Imola zu starten und Zweiter zu werden. Wohlgemerkt, Zweiter - nicht Erster: Das wäre mir vermessen vorgekommen. Und dieser zweite Platz, so stellte ich mir vor, würde bedeuten, dass mein Teammate Weltmeister wird. Ein bescheidener Traum, nicht wahr?

Hatten Sie jemals einen Straßen-Ferrari?

Zanardi: In jungen Jahren dachte ich immer: Niemals werde ich so viel Geld haben. 1996, in meinem ersten Jahr beim Ganassi-Team, verdiente ich 150.000 Dollar. Das erschien mir unglaublich viel. Alles, was ich damals besaß, waren 11 Millionen Lire, also 5.000 Euro, ein alter 5er BMW und ein Cagiva-Motorrad. Dabei war ich ja schon Formel-1-Fahrer bei Lotus gewesen. Die haben meine Gage aber nicht voll bezahlt. Ich fühlte mich aber trotzdem nicht arm, sondern reich und glücklich.

Als BMW-Markenbotschafter fahren Sie heute natürlich wieder einen BMW.

Zanardi: Einen M550 mit Dieselmotor. Das ist die perfekte Mischung aus Traumauto und Alltagstauglichkeit.

Ihr Traumauto?

Zanardi: Ein M5 wäre eine wundervolle Maschine. Aber ich bin jetzt in einen Alter, wo man sich Fragen stellt. Zum Beispiel: Warum verbrenne ich so viel Benzin? Und warum verschwende ich so viel Geld für ein Auto?

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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