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Analyse des VLN-Crashs

Warum hob der GT3-Nissan ab?

VLN - Nissan GT-R GT3 - Jann Mardenborough - 2015 Foto: xpb 4 Bilder

Der Tod eines Zuschauers beim VLN-Auftakt 2015 hat die Nordschleifen-Szene in einen Schockzustand versetzt. Wie konnte es dazu kommen, dass ein Nissan GT-R GT3 abhebt und über den FIA-Sicherheitszaun katapultiert wird? Wir haben die ersten Erkenntnisse in unserer Analyse.

30.03.2015 Bianca Leppert Powered by

Vor solch einem Szenario haben sich viele am Nürburgring lange gefürchtet. Nun ist es Wirklichkeit geworden. Ein Unfall beim ersten VLN-Rennen kostete einen Menschen das Leben. Ein Zuschauer erlag am Samstag (28.3.2015) noch im Medical Center seinen Verletzungen.

Zuvor war der Nissan GT-R Nismo GT3 von Jann Mardenborough an der Kuppe an der Quiddelbacher Höhe in die Luft abgehoben, prallte mit dem Heck in den Reifenstapel, katapultierte sich anschließend über den FIA-Sicherheitszaun und blieb zwischen diesem und einem weiteren niedrigeren Zuschauerzaun auf dem Dach liegen.

Das Rennen wurde sofort abgebrochen. Im Fahrerlager war den Teilnehmern die Bestürzung ins Gesicht geschrieben. Dass einem Fahrer einmal etwas passieren könnte, war in den meisten Köpfen präsent. Dass Zuschauer durch einen Unfall verletzt werden könnten, damit rechneten die wenigsten.

Vorläufiges Verbot von GT3-Autos auf der Nordschleife

Der Deutsche Motorsport-Bund (DMSB) reagierte rund 24 Stunden später mit einem vorläufigen Verbot der GT3-Klasse und ähnlich schnellen Autos (SP7, SP8, SP9, SP10, SP-Pro und SP-X) bei DMSB-genehmigten Veranstaltungen auf der Nordschleife. Ein für Montag geplanter GT3-Test von Audi und BMW wurde direkt abgesagt.

Die Staatsanwaltschaft Koblenz hat offizielle Ermittlungen aufgenommen. Das Unfall-Auto wurde beschlagnahmt und soll von einem Gutachter untersucht werden. Wie lange das dauern wird, kann niemand sagen. Es steht zu befürchten, dass das 24h-Rennen (16.5.2015) in diesem Jahr ohne diese Klassen gefahren wird.

Nicht nur die offiziellen Ermittler fragen sich, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Auch bei Fans, Fahrern, Teamchefs und Organisatoren wird heiß diskutiert, warum der Nissan GT-3 GT3 abgehoben ist. Ohne Auswertung des Data-Loggers ist das allerdings ein schwieriges Unterfangen. Die Black-Box könnte beispielsweise Erkenntnisse zu einem möglichen technischen Defekt liefern.

Zuschauervideos zeigen das Unfallgeschehen

Die Diskussion der Experten dreht sich aktuell um vier Kernpunkte: die Aerodynamik der GT3-Autos, den Nissan GT-R, den Fahrer Jann Mardenborough und die Nordschleife. Wer den Unfall auf den beiden mittlerweile aufgetauchten Zuschauervideos analysiert, muss anhand der Bilder zunächst ein wichtiges Detail beachten: Der Nissan hob durch Unterluft zwar ab, flog aber nicht in einem Satz direkt über den Zaun, sondern krachte mit dem Heck in fast senkrechter Position zunächst auf den Reifenstapel.

Erst danach katapultierte er sich über den Zaun und blieb auf dem Dach liegen. Sprich: Die Unterluft löste den Unfall aus - aus welchem Grund auch immer - aber der Einschlag in die Reifenstapel schien zusätzliche Energie freizusetzen und machte es dann erst möglich, dass das Auto über den Zaun fliegt.

Die GT3-Autos stehen im Allgemeinen schon länger in der Kritik, zu schnell für die Nordschleife geworden zu sein. Mit dem Knacken der 8-Minuten-Marke im vergangenen Jahr entflammte die Diskussion erneut. Deshalb nun auch die Frage, ob alle GT3-Autos eine Gefahr darstellen und an dieser Stelle oder einer anderen komplett abheben könnten.

Nissan-Problem oder GT3-Problem?

Hinter vorgehaltener Hand wurde darüber schon oft gesprochen, aber stets dementiert, dass so etwas passieren könnte. Es ist keine Seltenheit, dass die GT3-Renner an dieser Kuppe mit rund 220 km/h mit den Vorderrädern in der Luft sind. Aufgestiegen ist allerdings noch keiner. Grundsätzlich kann ein GT3-Auto jedoch fliegen gehen. Das zeigte in der Vergangenheit ein Beispiel am Slovakiaring. Der Sprunghügel wurde anschließend entschärft.

Die Gefahr eines solchen Unfalls ist also ein allgemeines GT3-Problem. Aber es gibt offenbar auch Parameter, die das Unterluft-Phänomen am Nissan GT-R GT3 besonders begünstigt haben könnten. Experten merken an, dass der Nissan ungewöhnlich früh und steil in die Luft schießt. Der komplett geschlossene Unterboden trägt zum Abheben bei. Weil der Nissan GT-R zu den besonders großen Autos im Feld gehört, bietet auch sein Unterboden mehr Angriffsfläche. Steht die Front einmal in einem bestimmten Winkel einmal nach oben, hebelt die Luft das Auto wie einen Keil aus.

Der Nissan GT-R war beim VLN-Auftakt übrigens zum ersten Mal in der für diese Saison überarbeiteten Evolutions-Stufe auf der Nordschleife unterwegs. Zum Update-Paket gehören auch aerodynamische Änderungen.

Mardenborough fährt erstes VLN-Rennen

Ebenfalls zu bedenken: Als das Unglück passierte, war Mardenborough bereits in der siebten Runde, also kurz vor seinem ersten Tankstopp. Entsprechend leicht war das Auto im Vergleich zu den vorherigen Runden. Trotzdem ist das Auto noch mit immerhin 1.335 Kilogramm homologiert. Und der Motor sitzt vorne, im Vergleich zu einem Porsche lastet also viel Gewicht auf der Vorderachse.

Man sollte aber die äußeren Faktoren auch nicht außer Acht lassen. An diesem Tag ging ein starker Wind am Nürburgring. Es war recht kühl, was die Leistung des Turbomotors zusätzlich verbessert. Und drei bis vier km/h können im Zweifelsfall einen entscheidenden Unterschied machen.

Aus der Fahrerperspektive ist zu hören, dass erfahrene Nordschleifen-Kenner bewusst kurz vor der Quiddelbacher Höhe lupfen, um die Nase durch einen Lastwechsel nach unten zu drücken. Ob Mardenborough das getan hat oder nicht, wird erst die Datenauswertung zeigen. Er gilt als erfahrener Rennfahrer, ist im Besitz einer internationalen A-Lizenz.

Weil es sein erstes Rennen auf der Nordschleife war, absolvierte er den vom DMSB vorgeschriebenen Nordschleifen-Lehrgang. Ob die mangelnde Erfahrung auf der Nordschleife eine Rolle gespielt hat, müssen die Untersuchungen klären.

Diskussion um Reifenstapel und Leitplanken

Hinzu kommt die Thematik der Streckensicherheit. Die Reifenstapel an dieser Stelle werden von Kritikern in Frage gestellt. "Man hat in den letzten Jahrzehnten im Motorsport erkannt, dass Reifenpakete oftmals negative Auswirkungen haben, da die Energie wieder unkontrolliert abgegeben wird", meint Marc Hennerici, erfahrener Nordschleifen-Pilot. "Hier wurde das Auto erst nach dem Einschlag in die Reifenpakete nach oben über den Zaun katapultiert. Das hätte genauso auch ohne den vorherigen Backflip geschehen können."

Auch die Leitplankenführung steht im Fokus. "Der stumpfe Winkel der Leitplanke im hinteren Bereich des Flugplatzes ist gefährlich", sagt Hennerici. "Auch hier hat man in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, dass eine Leitplanke, die zwar nahe an der Strecke entlang führt zwar weniger Spielraum lässt, dafür jedoch die Autos im Fall eines Einschlags besser führen. Am Schwedenkreuz wurde in diesem Sinne vor einigen Jahren die Führung der Leitplanken angepasst, um stumpfe Einschlagswinkel zu verhindern."

Auch ob in diesem Bereich überhaupt hätten Zuschauer stehen dürfen, wird kontrovers debattiert. Grundsätzliche Zweifel an der Streckensicherheit bestanden offenbar keine, denn in der Woche vor der Veranstaltung erhielt die Nordschleife von der FIA die jährlich geprüfte Zulassung.

Zu diesem Zeitpunkt einen bestimmten Faktor als Ursache für die Tragödie ausmachen zu wollen, wäre falsch. Vielmehr spricht derzeit einiges für eine Verkettung mehrerer Umstände.

Anmerkung der Redaktion: Aus Respekt vor dem Opfer und den Angehörigen verzichtet auto motor und sport bewusst darauf, Bilder der Unfallstelle zu zeigen bzw. die entsprechenden Videos zu verlinken.

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