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Andy Green im Porträt

Der 1.600-km/h-Höllenreiter

Andy Green, SSC Bloodhound, Rekordfahrt Foto: Lee Matthews 10 Bilder

Mehr als Mach 1 in einem Auto: Geht das? Was empfindet man dabei? Warum macht einer das? Nur ein Mensch kennt die Antworten – der kaltblütige Rekordfahrer Andy Green. Der Brite peilt das ultimative Ziel an: 1.609 km/h, 1.000 Meilen pro Stunde.

02.10.2015 Claus Mühlberger

Fahren jenseits der Schallmauer: Wahnsinn oder Wissenschaft? Es gibt nur einen Menschen auf der Welt, der erklären kann, wie es sich anfühlt, wenn man in einer engen stickigen Kiste eingepfercht ist und mit 1.200 km/h und mehr durch die Wüste brettert, mit fast 1.000 Litern hochexplosivem Wasserstoffperoxid im Rücken.

Andy Green will 1.609 km/h schaffen

Vor 18 Jahren brachte es der britische Berufssoldat Andy Green zu Weltruhm, als er mit dem Thrust SSC als erster und bislang auch einziger Autofahrer der Welt die Schallmauer durchbrach. Jetzt hat er noch Größeres vor: 1.609 km/h oder ein bisschen mehr, das ist Greens neues Ziel, 1.000 Meilen pro Stunde entsprechend. In etwa zwei Jahren wird es so weit sein: Dann will Green mit dem 135.000 PS starken Bloodhound SSC auf einer 20 Kilometer langen Piste in der südafrikanischen Wüste Hakskeen Pan auf Rekordfahrt gehen. Das Kürzel SSC steht übrigens für Super Sonic Car: Überschallauto.

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Andy Green im Porträt Der Rekordmann
auto motor und sport 18/2015
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Geschwindigkeits-Weltrekord im Visier: Bloodhound Project setzt auf 135.000 PS 2:41 Min.

Andy Green hat Charisma. Wenn er über seine Motivation berichtet, unterstreicht er dies gerne mit ausholenden Armbewegungen, so wie ein italienischer Restaurantbesitzer, der den Gästen die exquisite Speisekarte seines Etablissements erläutert. Dabei sind Greens Sätze eher kurz und nüchtern. Bei der Frage, ob er sich selbst zu 100 Prozent vertrauen kann, denkt er kurz nach, dann legt er los: „Nein! Jeder kann mal einen Fehler machen. Es liegt in der Natur der Menschen, außergewöhnliche Dinge zu tun, aber auch Fehler zu machen. Jeder Pilot weiß das.“

Green ist schmerzfrei in jeder Hinsicht

Das Richtige zu tun – das ist nicht ganz einfach, wenn man mit mehr als 400 Metern pro Sekunde durch die Wüste prescht. „Es gibt viele Dinge zu beachten“, erklärt er. „Wann zünde ich den Jetantrieb und wann schalte ich den zusätzlichen Raketenantrieb zu? Wie schaut es aus mit der seitlichen Stabilität? Wo muss ich bremsen? Wann aktiviere ich die Bremsklappen?“

Ein Rekordwagen ist natürlich ziemlich genau das Gegenteil einer Komfort-Limousine: „Im Cockpit ist es unglaublich laut und eng und heiß“, sagt Green und drückt das Kreuz durch. „Das ist harte Arbeit. Aber es ist einfach mein Job, das auf die Reihe zu bekommen.“ Klingt cool, ist cool. Green gehört anscheinend zu jenen furchtlosen Burschen, die für die Maniküre notfalls auch mal zur Flex greifen.

Ohne Emotionen unterwegs

Emotionen haben bei Tempi im vierstelligen Bereich nichts verloren: „Als Kampfpilot ist man darauf trainiert, seine Gefühle im Zaum zu halten“, erklärt Wing Commander Andy Green. Kenner der Militärszene würden an diesem Punkt sicherlich gerne anfügen: „Das Psychotraining bei der Luftwaffe erinnert oft an eine Gehirnwäsche.“ Selbstzweifel auf keinen Fall zuzulassen, gehört in dieser Zunft zu den Basisanforderungen. Für Grübeleien ist in solchen Extrembereichen kein Platz. Übermotivierte Adrenalin-Junkies haben dort ebenfalls nichts zu suchen.

Im Stile eines knochentrockenen Technokraten macht Green bei jeder Gelegenheit klar, dass er genau weiß, was er tut: „Verglichen mit einem Einsatz im Kampfflieger ist das Fahren im Bloodhound doch einfach“, doziert er und seine Augen blitzen dabei. „Denn im Flugzeug kommt die dritte Dimension dazu. Das ist schwieriger, als mit einem Auto einfach nur geradeaus zu fahren, auf einem perfekt glatten Untergrund. Außerdem fahre ich nur bei Tageslicht und bei Windstille, also wenn das Wetter perfekt ist. Als Pilot muss man auch mal bei Nacht fliegen, und obendrein muss man damit rechnen, in eine Kampfsituation zu geraten.“

Höllenreiter, kein Hasardeur

Der Höllenritt im Bloodhound ist für Green anscheinend kaum aufregender als für einen Pendler die täglichen zehn Kilometer zur Arbeit im braven Skoda Fabia. Den Generalverdacht, er sei ein Hasardeur, weist Andy Green entrüstet von sich. „Nach all den vielen Jahren des Trainings als Pilot kann ich guten Gewissens sagen: Ja, ich kenne meine Grenzen, meine Stärken und Schwächen, und ich habe eine Ahnung von den G-Forces. Und als Mathematiker verfüge ich über den wissenschaftlichen Hintergrund, um mit den Technikern auf Augenhöhe zu diskutieren.“
Nebenbei bemerkt: Der kaltblütige Mr. Green, der seit seinem Ritterschlag vor ein paar Jahren auch als Sir Andy angesprochen werden darf, hat durchaus Sinn für schrägen Humor: Als Funkrufnamen beim Rekord von 1997 suchte er sich „Dead Dog“ aus, toter Hund.

Doch zurück zum Unternehmen Bloodhound. „Unser Projekt ist ganz untypisch für den Motorsport: Denn normalerweise versucht man ja, seine kleinen Geheimnisse für sich zu behalten. Aber wir haben keinen Gegner. Daher können wir es uns erlauben, die ganze Technologie offen zu zeigen“, erläutert er. „Und diese Offenheit ist auch interessant für unsere Technikpartner, wie zum Beispiel Castrol. Hier können diese Firmen zeigen, was sie können. Und auch darüber sprechen.“ In einem Highspeed-Laboratorium, das mehr als 1.600 km/h schnell ist.

Das Leben nach den 1.000 mph

Andy Green, ein 100-Prozentiger, vom scharf gezogenen Scheitel bis zu den blitzblank geputzten pferdeledernen Budapester Schnürschuhen, gestattet dann doch einen kleinen Blick in seine Seele. Eine Frage nämlich scheint ihn zu quälen oder zumindest zu beschäftigen – die Frage nach dem Leben danach. Was kommt, wenn der 1.000-Meilen-Rekord abgehakt ist? Unumwunden gibt Green zu: „Das Projekt Bloodhound ist wahrscheinlich das letzte seiner Art.“ Ja, was könnte das übernächste Ziel auch sein, wenn die 1.000-Meilen-Marke gefallen ist? 2.000 km/h oder gar 2.000 Meilen pro Stunde? Höchst unwahrscheinlich, geradezu lächerlich. Genau wie die Vorstellung, dass Green bei diesem übernächsten Unternehmen, falls es das denn gäbe, hinter dem Lenkrad säße. Schließlich hätte der heute 53-Jährige dann schon längst das Rentenalter erreicht.

Die Frage nach dem Lebenswerk

Green, der Mann, der zeitlebens das Extreme gesucht hat (und es dabei stets clever verstanden hat, sich den Limits respektvoll von unten zu nähern und so am Leben zu bleiben), weiß, dass seine Lebensreise nach dem Rekord mit dem Bloodhound SSC in eine Art Terra incognita führen könnte, in ein gewöhnliches, eher ödes Reservistendasein, ein Leben ohne den Thrill des Extremen, ohne die ganz große Herausforderung – und auch ohne das ständige Rampenlicht.

Wird man Andy Green nur als mutigen Rekordfahrer, der dem Teufel höhnisch ins Gesicht lacht, in Erinnerung behalten? Oder verbindet man mit ihm und seinem Rekordauto Bloodhound SSC etwas viel Größeres? Genau deswegen ist es ihm wohl so wichtig, das Highspeed-Unternehmen mit einem ideologischen Unterbau zu verbrämen, gewissermaßen den Sockel für ein nationales Denkmal zu betonieren.

Bloodhound SSC: Wissenschaft für die junge Generation

„Eigentlich braucht ja kein Mensch ein Überschallauto“, deklamiert Andy Green in einem so exaltiert-korrekten Oxford-English, dass Prinz Charles neidisch werden könnte. Dann reißt er die Augen theatralisch auf, rudert mit den Armen und ruft aus: „Es geht vielmehr darum, Wissenschaft verständlich zu machen. Technologie zum Anfassen gewissermaßen. Der Bloodhound SSC ist ein Ingenieurs-Abenteuer, das die junge Generation inspiriert.“

Zehntausende von Schülern haben das Hauptquartier des Projekts Bloodhound in Bristol bereits besucht – und Green sowie seine Mitstreiter glücklich gemacht. „Man muss die Kinder für technische Berufe begeistern, am besten schon, wenn sie erst acht oder neun Jahre alt sind“, ruft er und er klatscht sich rhetorisch selbst Beifall: „Eine großartige Chance, die wir da haben!“

Vita Andy Green

Der 53-jährige Brite Andy Green ist Oberstleutnant (Wing Commander) in der Royal Air Force. Dank eines Stipendiums der britischen Luftwaffe studierte er Mathematik. Im Alter von 21 Jahren wurde er zum Piloten für Kampfflieger der Typen Tornado und Phantom ausgebildet. Am 25. Oktober 1997 stellte Green den bis heute gültigen Geschwindigkeitsrekord für Landfahrzeuge auf: Im 110.000 PS starken Thrust SSC erreichte er 1.228 km/h. Green durchbrach dabei die Schallmauer. In zwei Jahren wollen Green und das Team des Projekts Bloodhound SSC einen neuen Rekord fahren. In der südafrikanischen Wüste Hakskeen Pan soll in etwa zwei Jahren die 1.000-Meilen-Marke (1.609 km/h) geknackt werden.

Das Fahrzeug: Bloodhound SSC

Der Bloodhound SSC, ein mächtiger, 13,5 Meter langer Pfeil auf Rädern, soll in zwei Jahren den Speed-Weltrekord für Landfahrzeuge auf 1.000 Meilen pro Stunde (1.609 km/h) schrauben. Für einen Kilometer benötigt der Bloodhound dann nur 2,2 Sekunden. Knapp acht Tonnen wiegt das Auto, mehr als eine Tonne davon entfällt auf den Treibstoff. Als Antrieb für die Kraftstoffpumpe diente ursprünglich ein Cosworth- V8-Triebwerk aus der Formel 1. Er wurde jetzt ersetzt durch einen Jaguar-V8- Motor. Bis zu Tempo 500 wird der Bloodhound nur von einem Rolls-Royce-Jet- Triebwerk befeuert, dann schaltet Fahrer Andy Green das Raketentriebwerk zu. Insgesamt leisten die beiden Motoren 135.000 PS.

Die Beschleunigung von null auf 1.600 km/h wird 55 Sekunden dauern. Dies haben die Mathematiker errechnet. Noch beeindruckender: Um von Tempo 800 auf 1.600 km/h zu kommen, genügen dem Bloodhound SSC gerade mal 17 Sekunden. Bei vollem Speed drehen sich die jeweils 95 Kilogramm schweren Räder aus Aluminium (Reifen gibt es leider nicht) mit 10.200 Umdrehungen pro Minute. Ein heikles Kapitel ist die Aerodynamik: Bei Topspeed entwickelt das Gefährt einen Abtrieb von 20 Tonnen. Besonders wichtig ist die korrekte Bodenfreiheit, um den Bloodhound in der perfekten aerodynamischen Balance zu halten.

Hier geht es um Millimeter – und um die Frage, ob der Bloodhound abhebt oder mit der Nase im Wüstenboden scharrt. „Die Niveauregulierung wird von einem Computer übernommen“, erklärt Green. „So kann ich mich ganz aufs Fahren konzentrieren.“

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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