Audi und Peugeot: Reglementstreit in Le Mans eskaliert

Audi R15

Der Wettstreit in der obersten Le Mans-Kategorie der LMP1-Prototypen zwischen Peugeot und Audi eskalierte vor dem großen 24-Stunden-Rennen an diesem Wochenende: Peugeot legte Protest gegen die Legalität des Audi R15 TDI ein.

Die französischen Tageszeitungen traten das Thema in etwa so breit, als hätte der französische Ministerpräsident eine neue Geliebte. Doch es ging um nichts weiter als um einen schnöden Protest, den ein französisches Team bei einem französischen Langstreckenrennen gegen den französischen Rennveranstalter einlegte.

Doch die Tatsache, dass die französischen Tages- und Sportzeitungen den Protest von Peugeot gegen die Regelauslegung des Ausrichters der 24-Stunden von Le Mans so hoch aufhängten, hatte durchaus Symbolkraft: Peugeot unterstellt nämlich indirekt mit dem Protest, dass sie vom Veranstalter Automobile Club de l’Ouest (ACO) fortwährend benachteiligt würden - und zwar zu Gunsten des deutschen Herstellers Audi, der die Rennen in Le Mans seit nunmehr zehn Jahren nahezu unangefochten dominiert und seit 2000 neun Mal gewann. Die Zeitungen mahnen also quasi die innerfranzösische Solidarität an - und Audi steht zusammen mit dem ACO als Sündenbock in der Le Mans-Affäre am Pranger.

Wie konnte es zu dieser Eskalation kommen?

Motorsport ist kompliziert, und noch komplizierter sind die technischen Regularien, die die Grundlage für den Bau der Rennwagen bilden. Die große Prototypenklasse LMP1 genießt per Reglement und Leistungsfähigkeit das Vorrecht auf den Gesamtsieg in Le Mans. Den Gesamtsieg lassen sich die Hersteller Einiges kosten: der Bau und Einsatz von Sportprototypen kann mehrere zehn Millionen Euro pro Jahr verschlingen.

Audi R15 an der Grenze des Erlaubten


Audi hat für die Saison 2009 einen neuen Rennwagen mit der Chiffre R15 TDI gebaut - und hat dabei vor allem im Bereich der Aerodynamik die Grenzen des Reglements maximal ausgelotet. Peugeot sagt: Audi hat sie überschritten, mit Wissen des Reglementgebers und Veranstalters, des ACO. Der Streit konzentriert sich im Wesentlichen auf die Frontpartie des neuen Audi R15: Dort wird der Frontsplitter durch Flaps ergänzt, die nach Ansicht von Peugeot zu nichts weiter dienen, als Abtrieb zu erzeugen, während Audi sie als normale Karosserieteile deklarierte.

Peugeot fühlt sich an der Nase herumgeführt

Das alles mag für Außenstehende wie Peanuts klingen und das Zeittraining zum 24h-Klassiker am Donnerstagabend legt zudem nahe, dass der Peugeot 908 und der Audi R15 nahezu gleichschnell sind. Warum also die ganze Aufregung? Peugeot fühlt sich nicht zum ersten Mal vom Veranstalter an der Nase herumgeführt. Als die Franzosen den Le Mans-Einstieg verkündeten, hatte der ACO kurz zuvor verfügt, dass in Zukunft alle LMP1-Prototypen geschlossen sein müssen. Daraufhin baute Peugeot ein geschlossenes Auto - nur um wenig später zu lernen, dass diese Regel wieder gekippt wurde. Die Reihe an Beispielen ließe sich beliebig weiter führen.

Jetzt kochte das Fass in Le Mans bei Peugeot über: bereits beim ersten Zusammentreffen des neuen Audi mit dem Peugeot 908 beim 12h-Rennen in Sebring im März 2009 wies Peugeot den ACO darauf hin, dass der Audi nach ihrer Ansicht nicht reglementkonform sei. Der ACO versprach, eine Klärung vor Le Mans herbeizuführen, was nicht geschah. Trotz endloser Konsultationen im Vorfeld des Rennens konnte der ACO die Kuh nicht vom Eis bringen. Als Audi bei der technischen Abnahme zum 24h-Rennen in Le Mans zusätzlich mit Modifikationen erschienen, die Peugeot ebenfalls für nicht reglementkonform hielt, platzte Peugeot-Technikdirektor Bruno Famin der Kragen: "Der ACO hat alle unsere - wie wir meinen - berechtigten Einwände in diesem Fall bisher ignoriert. Deshalb brauchen wir schnellst möglich eine endgültige Klärung des Sachverhaltes. Die einzige Möglichkeit, eine solche Klärung herbeizuführen, ist ein  Protest bei der nächst höheren Instanz, und das ist der französische Motorsportverband und schließlich bei der Weltmotorsportbehörde FIA. Es muss geklärt werden, was erlaubt ist und was nicht."

Le Mans-Ausstieg von Peugeot möglich

Denn wenn der Audi legal sei, so die Logik von Famin, dann müsse Peugeot im nächsten Jahr ein neues Auto bauen, um weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben. Das wäre aber nicht nur teuer, sondern auch blödsinnig, denn ab 2011 gelte ein neues LMP1-Reglement mit neuen Motoren. De facto müsste Peugeot dann binnen zwei Jahren zwei Mal ein neues Auto bauen. Und eine solche Konstellation würde vermutlich eher zum sofortigen Le Mans-Ausstieg von Peugeot führen. Deshalb kämpfen die Franzosen so verbissen um die Auslegung des aktuellen Reglements. Dass sie dabei auch durchaus in den Medien die nationale Karte spielen, kann man ihnen kaum verübeln: schließlich steht ja die Ehre Frankreichs auf dem Spiel.  

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Marcus Schurig

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