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Die Rallylegend San Marino

Die Drifter von damals

Rallylegend San Marino, Audi Sport Quattro S1 Foto: Renata Giorgi 9 Bilder

Wenn einmal im Jahr alte Rallye-Stars mit ihren Sportgeräten in San Marino vorfahren, dann kommen 80.000 Fans. auto motor und sport war live dabei.

27.02.2015 Bernd Ostmann

Der Berg ruft. Und 80.000 Fans kommen. Bei der Rallylegend befindet sich der Zwergenstaat San Marino alljährlich im Ausnahmezustand. Die Rallye hat keinen Status. Es werden keine WM-Punkte vergeben. Aber es ist alles andere als eine Kaffeefahrt. Im Gegenteil: Hier wird voll angegast. Jari-Matti Latvala, der Vizeweltmeister, pilotierte seinen WRC-Polo und zeigte sich beeindruckt: "So eine Rallye gibt es nirgendwo. Hier siehst du einen WRC-Xsara, einen Lancia Stratos und einen feuerspeienden Audi Quattro S1.

Dazu all die großen Fahrer und dann dieses Publikum." Freitagnacht ließ ihn das Getriebe im Stich. "Wenn ich ausfalle, dann will ich normalerweise nur noch weg. Aber hier macht das Zuschauen Spaß. Eine einzigartige Atmosphäre. Toll, wie die Zuschauer mitgehen. Morgen sind wir wieder dabei." Und sein Copilot Miikka Anttila gestand: "Die Prüfungen sind nicht einfach. Die sind auch für uns Profis eine Herausforderung."

Didier Oriol mit dem WRC Xsara Gesamtsieger

Selbst ein erfahrener Ex-Profi wie Markku Alén hat da so seine Probleme. Er saß im Lancia 037 – und gestand nach den ersten Metern: "Das Auto macht mir Angst. In jedem Gang habe ich durchdrehende Räder." Nach den ersten Prüfungen lag der Finne nur auf Rang vier und zog dann für die erste Tagesetappe die Gurte etwas enger. "Für mein Alter bin ich viel zu schnell gefahren", so der neue Spitzenreiter in seiner Oldtimer-Kategorie. Außerdem: "Ich merke, dass wir alle etwas älter werden", scherzte der 63-jährige Finne. "Wir sehen uns nur noch auf Beerdigungen oder einmal im Jahr bei der Rallylegend in San Marino."

Solche Sprüche hörte Didier Oriol nicht gern. Trotz seiner 56 Jahre strotzte er vor Elan und steuerte den WRC Xsara zu einem unangefochtenen Gesamtsieg. Ebenfalls im Xsara: Armin Schwarz, der zusammen mit seinem amerikanischen Copiloten in San Marino antrat. Es war ein Sprung ins kalte Wasser: Der Xsara hat immerhin drei aktive Differenziale, und Schwarz haderte: "Da bin ich auf den ersten Prüfungen erst einmal damit beschäftigt, mich durch die fünf Mappings durchzuklicken." Schwarz hatte sich gerade knapp auf Rang zwei etabliert, als der Xsara plötzlich in Flammen aufging. Eine Manschette an der Antriebswelle war geplatzt, heißes Fett hatte sich entzündet. Das Feuer war schnell gelöscht, aber danach spielten die Sensoren verrückt. "Die Schaltung spinnt. Ich hab’ Angst, dass plötzlich der Rückwärtsgang drin ist", gestand der Ex-WRC-Profi, verteidigte aber dennoch Rang zwei.

Weltmeister als Beifahrer

Auch ich hatte etwas Bammel vor der diesjährigen San Marino. Nicht vor dem VW Golf Gruppe A mit seinen rund 210 PS. Eher vor meinem Copiloten. Ich durfte die Rallye mit Luis Moya fahren. Der Spanier hatte an der Seite von Carlos Sainz zweimal die Rallye-Weltmeisterschaft gewonnen. Und er liebt Herausforderungen.

Seit rund drei Monaten büffelt er Deutsch, und er hatte sich fest vorgenommen, den Aufschrieb, das Gebetbuch, auf Deutsch vorzulesen. Klar, dass das zu Beginn nicht immer perfekt klappte. Vor allem mit den Zusatzinformationen, die zu den Kurven im Schrieb standen, tat er sich schwer. Ein Beispiel: "Links zwei geht über Kreuz." Er meinte natürlich Kreuzung. Und er übte fleißig weiter. "Meine Zimmernachbarn müssen mich für verrückt halten. Ich liege nachts im Bett und lese laut den Aufschrieb."

"Das ist mein leben"

Wir trainierten in einem Golf R. Und nach einigen Prüfungen gestand Luis Moya: "Wenn man mit dem besten Rallye Fahrer der Welt gefahren ist – und dann zu einem Journalisten ins Auto steigen soll, da ist man schon skeptisch. Aber ich fühle mich wohl." Und als wir dann im Rallye-Auto unterwegs waren, da war Luis Moya in seinem Element. Der Aufschrieb kam perfekt getimt. Und er gestand: "Ich liebe es, Rallye zu fahren. Es macht mir einfach großen Spaß, die Noten perfekt zu lesen. Das ist mein Leben."

Luis Moya war berühmt geworden, als das Duo Sainz/Moya im Kampf um die Rallye-WM beim Finale wenige Meter vor dem Ziel in England mit Defekt scheiterte und Moya seinen Helm mit voller Wucht durch die Heckscheibe des Toyota feuerte. Heute ist es ihm eher peinlich. Moya: "Es vergeht keine Woche, ohne dass mich jemand daran erinnert." Der Spanier hat alle Höhen und Tiefen dieses Sports durchlebt. In Italien waren es eher Tiefen.

Anfängliche Schwierigkeiten

Bereits nach dem Shakedown übersteuerte der Golf kritisch, außerdem stand das Lenkrad schief. Die Diagnose: Eine kurze Schotterpassage bei der Aufwärmprüfung hatte der Hinterachse übel mitgespielt. Das linke Hinterrad stand schief im Radhaus. Die Mechaniker schwärmten unverzüglich aus, besorgten von einem Schrottplatz eine passende Achse – leider war auch die krumm. Aber die zweite passte. Kurz vor dem Start zur ersten Nachtetappe war der Golf wieder einsatzbereit.

Nach der ersten Etappe an der letzten Zeitkontrolle kam das nächste Drama. Luis stand draußen und rief plötzlich: "Stell den Motor ab, wir verlieren Öl." Auf dem gleichen Schotterstück wie am Morgen hatte ein Stein den Unterboden unseres Autos eingedrückt und ein kleines Loch in die Ölwanne gestanzt.

Da blieb keine Wahl: Die Mechaniker schwangen erneut die Schraubenschlüssel. Eineinhalb Stunden später, pünktlich zum Start der zweiten Etappe, war der Golf wieder flott. Mitten in der nächsten Prüfung rollten wir bergauf ohne Vortrieb aus. Eine Antriebswelle war gebrochen. Bis zum Start am nächsten Vormittag war auch dieser Defekt behoben. Und dann lief der Golf problemlos.

Feuerspeiender Audi Quattro S1 mit 600 PS

Wir wechselten die Beifahrer: Statt Luis Moya las jetzt Peter Thul bei mir das Gebetbuch. Er fährt normalerweise mit Michael Gerber im Audi Quattro S1. Das 600-PS-Geschoss aus den wilden Gruppe-B-Rallye-Tagen ist für jeden Fan ein echtes Highlight. Und diesen Ritt wollte sich Moya nicht entgehen lassen. "Das ist wie in einer Rakete", so sein Kommentar nach den ersten Testkilometern: "Egal was sie dir über die Leistung und den Vortrieb erzählen, du musst es selbst erlebt haben."

Als er dann für die zweite Samstagsrunde wieder zu mir in den Golf gestiegen war, gestand er etwas enttäuscht: "Ich war so konzentriert, den Aufschrieb schnell genug vorzulesen, dass ich gar nicht auf die Leistungsentfaltung geachtet habe." Auch die nächste Runde in unserem Golf konnte seine Stimmung nicht gerade heben. Zunächst bereitete das Schalten Probleme, dann bekam ich gar keinen Gang mehr rein. Die Diagnose: Die Kupplung hatte den Dienst quittiert.

Oldtimer-Rallye-Fahrzeuge von VW

Am Finaltag, Luis Moya war mittlerweile zur Passat-Händlerpräsentation nach Griechenland weitergereist, wechselte ich in den Golf G60. An meiner Seite saß nun Bernhard Kadow, der Chef von VW Classic. Er bringt nicht nur Rallye-Erfahrung mit, er hat auch ein klares Konzept für die weiteren VW-Einsätze. Die Rallye-Autos, die Events und Meisterschaften gewonnen haben, sollen nur noch ausgestellt werden. Daneben will er drei bis vier Einsatzfahrzeuge aufbauen, "die aber möglichst dicht an den Originalfahrzeugen sind". Für weitere Einsätze bei der Rallylegend in San Marino dürfte also gesorgt sein.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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