Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

DTM-Mercedes

Schlidderkurs

Foto: Wolfgang Wilhelm 18 Bilder

Die Temperatur liegt bei knapp über null Grad. Mehr das Wetter für einen Winterreifen-Test als für eine Rennwagen-Ausfahrt. Nicht gerade optimale Bedingungen, um im 480 PS starken DTM-Renn-Mercedes über den nassen Hockenheim-Ring zu fahren.

18.01.2006

Zu den miesen Temperaturen gesellt sich Nieselregen, der die Rennpiste in ein tückisch rutschiges Parkett verwandelt. "Wir beginnen mit der Freitagsabstimmung“, verrät mein Mechaniker. "Damit die Bremse gleichmäßig warm wird, stellen wir die Bremsbalance auf 50:50.“

Noch ein kleines Stretching für den Achtzylinder, dann bin ich dran. Zündung an, Starterknopf auf dem Schalthebel gedrückt, und der Achtzylinder meldet sich donnernd zum Dienst. Kupplung durchgetreten, Schalthebel kräftig nach hinten gezogen, und die Eins erscheint im Display. Die Kupplung kommt recht früh. Der DTM-Star lässt sich aber ohne jegliche Allüren anfahren.

Erst jetzt wird einem die Sitzposition richtig bewusst. Tief unten, man ist praktisch auf dem Rücksitz eingepasst, und die Sicht nach vorne ist somit lausig. Es bedarf einiger Gewöhnung, die Kurven aus dieser Position anzupeilen. Zurück in die Box. Der DTM-Mercedes bekommt einen kleinen Service. An der Vorderachse wird der Sturz verändert. Weil es so kalt ist, sollen die Vorderräder mehr zum Arbeiten kommen, um sich besser aufzuheizen.

Tempo 250 im Regen

Das sequenzielle Hewland-Sechsganggetriebe wird ohne Kupplung geschaltet. Zumindest nach oben. "Bei Regen sollte man beim Runterschalten besser kurz kuppeln“, verrät mir der Mechaniker – und ich erkenne leichte Sorgenfalten in seinem Gesicht. Durch die lange Links in Richtung Spitzkehre hochbeschleunigt, blitzt genau am Anbremspunkt im sechsten Gang kurz die Schaltlampe im ersten Feld blau auf. An der Box wird später ausgelesen: 252 km/h.

Bei Regen fährt man hier möglichst weit außen, zieht erst sehr spät auf die rutschige Ideallinie rüber. Also kein Problem beim Anbremsen. Außerdem gibt es hier ja eine ordentlich asphaltierte Auslaufzone. Die fehlt in der Sachs-Kurve. Und da zeigt sich, dass der Renn-Mercedes praktisch mit Ansage ins Aus trudelt. Wenn die blauen Lampen links und rechts des Displays aufblitzen, dann naht Ungemach.

Die Räder stehen – und der Mercedes rutscht einfach geradeaus in Richtung Kiesbett. Welche Schande. Also blitzschnell runter vom Bremspedal, den eingeleiteten Dreher abfangen und das Auto mit spitzen Fingern und angehaltenem Atem ganz außen um die Biegung zirkeln. Zwischenzeitlich ist es warm geworden im engen Cockpit. Und der kleine Aha-Effekt am Rande: Abseits der Ideallinie, ganz außen, dort wo kein Gummiabrieb liegt, geht es im Regen erstaunlich gut voran.

Die Hinterräder schreien nach Grip

480 PS bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Da steckt man in einem Teufelskreis. Die Reifen kommen nicht auf Temperatur, und sie bauen keine Haftung auf. Die Strecke wird nicht besser, sondern rutschiger. Je mehr man sich ans Auto gewöhnt, desto öfter stehen die Vorderräder beim Bremsen und desto mehr schreien die Hinterräder beim Beschleunigen nach Grip.

Nach der Spitzkehre heißt es höllisch aufpassen, wenn das Gaspedal heftig nach unten getreten wird. Wheelspin begleitet die eilige Partie bis in den dritten Gang. Der Achtzylinder brüllt zornig auf, im Cockpit blitzt die ganz Lichterkette von Blau über Gelb bis Tiefrot, und am Volant hat man alle Hände voll zu tun, das Auto auf Kurs zu halten.

Dafür entschädigt der Mercedes dort, wo er sich zu Hause fühlt: vor der Mercedes-Tribüne. Leicht über die Vorderräder schiebend geht es in die Links. Jetzt aufs Gas, und der Renner bewegt sich im lässigen Drift zur nächsten Biegung. Keine Bange. Hier gibt es genügend Auslauf, und die Geschwindigkeit erscheint nicht allzu hoch. Besonders schnell fühlt es sich auch nicht an, wenn es durch die Senke in die Doppelrechts vor Start und Ziel geht. Am Reifenstapel sieht man aber immer noch den Einschlagpunkt, wo Heinz-Harald Frentzen im DTM-Opel beim Finallauf so vehement abgeflogen war, dass er mit Gehirnerschütterung ins Krankenhaus musste.

Am Ende parkt der DTM-Mercedes unversehrt in der Box. Er knistert entspannt in den Flanken. Könnte er sprechen, würde er mir jetzt sicher noch einmal kurz zuzwinkern und sagen: Na, dir hab ich es aber heute gezeigt!

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden