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FIA-Rallye-Präsident Jarmo Mahonen

"Wir können nicht jeden glücklich machen"

Jarmo Mahonen - FIA Rallye Präsident Foto: sutton-images.com

FIA-Rallye-Chef Jarmo Mahonen über vermeintliche oder tatsächliche Ungerechtigkeiten bei der Startreihenfolge, die Risiken schnellerer Autos und den Mangel an WRC-tauglichem Nachwuchs.

04.10.2016 Markus Stier Powered by

Der Weltmeister muss zwei Tage lang als Erster die Straße fegen und gewinnt nicht mehr. Dafür hatten wir bei acht Rallyes sechs verschiedene Sieger. Alles richtig gemacht – oder alles falsch?

Mahonen: Die Debatte, die da geführt wird, ist ja ziemlich leidenschaftlich. Ich habe Nachrichten und Vorschläge aus der ganzen Welt bekommen. Die einen wollen die Regeln wieder ändern – die anderen alles so lassen.

Böse Zungen sagen, Jarmo Mahonen würde den Tabellenführer 3 Tage lang fegen lassen.

Mahonen: Wir haben das tatsächlich untersucht, aber das wäre dann doch etwas zu viel des Guten. In der Vergangenheit wurden Regeländerungen häufig auf emotionaler Basis getroffen. Ich bin aber ein Freund pragmatischer Lösungen. Man muss Dinge sorgfältig analysieren. Aber natürlich muss am Ende auch eine Entscheidung her.

Wäre jetzt nach der vorerst letzten Schotter-Rallye in Finnland der richtige Zeitpunkt?

Mahonen: Es gibt keine Eile, wir brauchen spätestens Klarheit, wenn die neue Saison in Monte Carlo beginnt.

Es gab ein Gespräch zwischen Ihnen und Sébastien Ogier. Was kam dabei raus?

Mahonen: Ich verstehe seinen Standpunkt, aber ich denke, er versteht auch unseren. Wir wollen eine möglichst interessante Meisterschaft haben, und trotz allen Diskussionen führt er die Tabelle souverän an. Ich betone immer wieder, dass es nicht um Sébastien Ogier persönlich geht, sondern generell darum, große Dominanz zu verhindern.

An seinen guten Tagen mag er Sie verstehen, aber an den schlechten poltert er wieder los, wie unfair das alles ist …

Mahonen: Natürlich müssen wir die Regeln so fair wie möglich gestalten, aber wir müssen auch an die Meisterschaft denken. Wir wollten die Abstände so knapp wie möglich haben, und ich denke, das ist uns gelungen.

Selbst die Konkurrenz hat Mitleid. War die Regelverschärfung übertrieben?

Mahonen: Ja und nein. Klar ist das nicht gut, wenn der Weltmeister bei jeder Rallye laut jammert. Die Öffentlichkeit mag das seltsam finden. Aber vielleicht ist die Diskussion nach den ersten Asphalt-Rallyes schon wieder vorbei. Selbst Volkswagen versteht unseren Standpunkt. Mir ist klar, dass die natürlich von oben auch unter Druck stehen. Und worüber niemand spricht, ist, dass die anderen Fahrer in der Rallye-WM deutlich mehr Motivation haben, wenn sie leichter um einen Sieg kämpfen können.

VW sagt, es sei unfair, wenn die anderen nur siegen, weil der Weltmeister eingebremst wird.

Mahonen: Seien wir ehrlich: In diesem Sport kann es keine hundertprozentige Fairness geben. Hätten wir die perfekte Lösung gefunden, und es finge an zu regnen, kehrten sich Vor- und Nachteile wieder um. Wir werden am Ende eine Lösung finden. Ob die allen gefällt, ist eine andere Frage.

Welche Ideen liegen denn auf dem Tisch?

Mahonen: Eine Qualifikation finde ich kompliziert, und eine Lotterie für die Startposition halte ich einer Weltmeisterschaft nicht für angemessen. Ich bin kein Freund von allzu künstlichen Lösungen. Wer weiß, vielleicht ändert sich auch gar nichts. Wir können nicht immer auf die Hersteller hören. Die kommen und gehen.

Klingt nach einer ziemlich verfahrenen Lage …

Mahonen: Schon Tommi Mäkinen musste früher immer als Erster auf die Piste, aber er konnte trotzdem gewinnen, denn damals konnte man noch die Reifen nachschneiden. Seine Gummis hatten ein offeneres Profil, und er hat nicht so viel Haftung verloren. Wir könnten also das Reifenschneiden wieder erlauben, auch wenn das den Nachteil hat, dass natürlich alle Teams wieder mehr Geld für Reifentests ausgeben werden.

Würde es die Lage entkrampfen, wenn nicht alle Asphalt-Rallyes in der zweiten Saisonhälfte lägen? Dort hat der Tabellenführer ja dann beste Siegchancen.

Mahonen: Das ist in der Tat ein Thema. Wir haben im Frühjahr zwischen Argentinien und Portugal eine Lücke von sechs Wochen. Die Pause ist ohnehin zu lang, da hätten wir genug Platz, um eine Asphalt-Rallye wie auf Korsika einzubauen.

VW beklagt, dass Gaststarter wie Kris Meeke in Portugal oder Finnland einen großen Vorteil haben, weil sie in der Tabelle weit hinten liegen, was ihnen einen guten Startplatz garantiert.

Mahonen: Das ist tatsächlich ein Problem, das wir so nicht auf dem Schirm hatten und beheben müssen. Nicht eingeschriebene Teams sollten künftig vor den eigentlichen WM-Teilnehmern starten.

Mancher Sportchef beklagt, dass es nicht genug siegfähige Fahrer gibt.

Mahonen: Stimmt. Ich habe schon viele dieser Sichtungsgeschichten miterlebt, aber ich bin ehrlich gesagt eher ein Freund des organischen Wachstums. Wir brauchen ein klar abgegrenztes Stufensystem, um Talente nach oben zu bringen, aber die schönste Pyramide steht nicht sicher, wenn das Fundament fehlt. Wir müssen vor allem die Basis stärken, und so arbeiten wir mehr mit den nationalen Verbänden zusammen, um Graswurzelbewegungen wie das Rallye-Jeunes-Programm in Frankreich auch anderswo zu unterstützen. Aber so was ist am Ende des Tages immer eine Geldfrage. Man muss Partner in der Industrie finden, die Autos stellen und solche Programme finanzieren.

Die Junioren klagen, die Kosten für die WM-Einstiegsklasse seien schon zu hoch.

Mahonen: Die Fähigkeit, Geld zu besorgen, gehört auch zu den Eigenschaften, die Fahrer für ihre Karriere brauchen. Aber es ist richtig, dass so ein R3-Auto für eine Junioren-WM eigentlich zu teuer ist. Es ist auch kein Geheimnis, dass der dort aktuell verwendete Citroën DS3 langsam in die Jahre kommt. Aber das Reglement ist nicht in Stein gemeiselt. Wenn jemand ein interessantes Konzept hätte, zum Beispiel Opel, warum nicht?

Dass es angesichts schnellerer Autos im kommenden Jahr den Ruf nach einer Superlizenz gibt, macht den Aufstieg nicht einfacher, oder?

Mahonen: Wir werden das sehr einfach handhaben. Es geht doch am Ende darum, dass Privatfahrer wie Lorenzo Bertelli oder Martin Prokop die Chance haben, mit diesen Autos anzutreten, und natürlich können sie das. Die wenigen Leute, die für so einen Einsatz in Frage kommen, kennen wir doch alle, und natürlich bekommen sie die Lizenz.

Die 2017er-Autos sind deutlich schneller. Schafft man sich ohne Not ein Sicherheitsproblem?

Mahonen: Klar werden sie schneller sein, wir wollen doch alle spektakulärere Autos. Aber diese World Rally Cars sind auch die sichersten, die es jemals gab, und wir haben in den vergangenen Jahren immer weiter an der Zuschauersicherheit gearbeitet. Ich bin nicht übermäßig besorgt. Wir sammeln ja die Daten der Teams. Sollten wir feststellen, dass es eskaliert, dann können wir jederzeit eingreifen.

Welche Baustellen gibt es noch?

Mahonen: Das nächste Thema, das wir anpacken müssen, ist die WRC2. Bei der Nominierung von sieben Läufen unter 14 Rallyes fährt der eine hier und der andere da. Die Top-Leute laufen sich im Titelkampf unter Umständen kaum über den Weg. Im Moment haben wir 52 Einschreibungen. Sicher fällt die Hälfte weg, wenn wir nur noch sieben Läufe verbindlich für alle Teilnehmer festlegen.

Das wird die sieben Veranstalter, die auf die Zusatzattraktion WRC2 verzichten müssen, nicht glücklich machen, oder?

Mahonen: Wir können nicht alle glücklich machen.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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