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Ford GT von Jürgen Alzen Motorsport

Ami-Flunder mit über 500 PS

Jürgen Alzen - VLN 2015 Foto: Stefan Balauf / Robert Kah 165 Bilder

Autos von der Stange sind nichts für Jürgen Alzen. Deshalb hat er sich als Ring-Spielzeug einen GT3-Youngtimer ausgesucht: den Ford GT. Ein Exemplar, das besonders viel Liebe braucht ...

16.10.2015 Bianca Leppert Powered by

Kennen Sie dieses Phänomen, wenn sich Hunde und ihre Besitzer ähnlich sehen? In diesem speziellen Fall lässt sich diese Kuriosität auf ein Auto und dessen Besitzer übertragen. Okay, optisch findet man wenig Gemeinsamkeiten zwischen dem Ford GT und Jürgen Alzen. Doch dieses Auto und dieser Typ scheinen wie füreinander geschaffen: kantig, flach, exotisch. So markant die Form der Ami-Flunder, so eigenwillig dessen Besitzer, der mit seiner blonden Haarpracht ein wenig an einen ausgeflippten Wissenschaftler erinnert.

Ford GT wie eine exotische Rassekatze

Der Nachname Alzen spricht für sich. Auch Jürgens jüngerer Bruder Uwe trägt das Herz auf der Zunge. Die erste Reaktion von Uwe vor ein paar Jahren auf die neue Errungenschaft seines Bruders: "Musst du selber wissen, was du mit der Trommel machst."

Ausgerechnet bei seinem Debüt im US-Renner beim fünften VLN-Lauf der Saison 2015 fuhr er auf Anhieb mit Dominik Schwager den Gesamtsieg heraus. Jürgen hielt sich im Hintergrund und grinste. Schon nach dem Premierentriumph beim Saisonfinale im vergangenen Jahr wusste er, dass sich die Arbeit gelohnt hat.

Aber sie geht ihm nicht aus. Denn der Ford GT ist wie eine exotische Rassekatze, die entsprechend aufmerksam behandelt werden will. Und genau deshalb passt die Mieze so gut zu dem Mann, der Trends verabscheut. Er will nicht in der GT3-Masse mitbrummen, sondern sein eigenes Ding machen. Dafür ist er bekannt. Wie die Alzen-Gang ist die schwarze Flunder längst ein Kultobjekt auf der Nordschleife und hat sich in die Herzen der Fans katapultiert.

Ein Auto, das Alzen am liebsten unter Artenschutz stellen würde. "Es ist mein Liebling", sagt er. "Ich könnte auch ein anderes GT3-Auto fahren, aber daran gäbe es ja nichts zu tun. Ich hätte keinen Auftrag." Die Schwäche des 52-Jährigen für Tüftlerautos reicht weit in die Vergangenheit. Früher hing das Herz noch am legendären Turbinchen, dem Umbau eines Porsche 996. Heute lebt er für den 518 PS starken Ford.

Liebevoll spricht er von seinem Schmuckstück, das für ihn längst nicht zum alten Eisen gehört. Während den Konkurrenzmodellen mit der Zeit zahlreiche Flügelchen gewachsen sind, schwört er auf das schon über acht Jahre alte Konzept – ein Rentner im stetig wachsenden GT3-Fuhrpark. Bereits 2007 setzte das Schweizer Team Matech Racing den Ford GT in Eigenregie in der FIA-GT3-Europameisterschaft und dem ADAC GT Masters ein – und ließ damit den Mythos um die Langstreckenikone Ford GT40 wieder aufleben.

Porsche, BMW und Mercedes? Kann Alzen nicht mehr sehen.

Alzen weiß um die besondere Faszination dieses Modells, das in den 60er-Jahren beim 24h-Rennen von Le Mans Geschichte schrieb. Der Legendenstatus ist ihm recht egal – ihm liegen die technischen Raffinessen am Herz. "Es ist ein echter Exot. Das macht es so interessant." Porsche, BMW und Mercedes? Kann er nicht mehr sehen. Ohnehin hält er den puristischen Ford GT für das bessere Rennauto. "Es fährt sich geil", sagt er in gewohnter Alzen-Manier. "Er ist sehr niedrig, hat dadurch ein niedriges Rollzentrum und ist sehr reifenschonend."

Weil Jürgen, der mit 29 VLN-Gesamtsiegen die Rangliste vor Olaf Manthey anführt, zurzeit "keinen Bock auf das Tempolimit" auf der Nordschleife hat, überlässt er lieber anderen das Steuer. Dominik Schwager kennt als Stammpilot mit zwei Jahren Erfahrung die Stärken und Schwächen des Ford am besten.

"Vor allem in mittelschnellen Passagen sind wir sehr gut unterwegs", meint er. "Auch der Drehmomentverlauf ist ein Vorteil." Die Elektronik hat jedoch schon etwas Staub angesetzt. Weil sich nur eine Geschwindigkeit programmieren lässt, müssen die Kutscher in den Slow-Zones auf den Tacho schauen. Weitere Baustellen: die Traktionskontrolle und die Bremse, die am Limit angekommen sind. "In Sachen Aerodynamik zählt der Ford GT zu den Youngtimern", sagt Schwager.

Streng genommen dürfte er das Schmuckstück nicht mal aus der Garage bewegen. Denn Ersatzchassis kosten ein Höllengeld, die Teileversorgung ist katastrophal. "Wenn wir größere Schäden haben, können wir das nächste Rennen nicht fahren. Du hast das natürlich im Hinterkopf, aber es hat keinen Einfluss auf die Fahrweise. Sonst kannst du gleich zu Hause bleiben", so Schwager.

Ford GT darf in Köln in den Windkanal

Ersatzteile und Haltbarkeit stellen Alzen vor die größte Herausforderung. Gemeinsam mit Partnern lässt er Fahrwerkskomponenten wie beispielsweise Radträger und Kunststoffteile anhand der Originale nachbauen. Ein zweites Auto, im Alzenschen Fachjargon "Organspender" genannt, hat er in Einzelteilen immer im Truck dabei. "Das ist viel zu schade, um damit zu fahren. Vielleicht stelle ich es mir irgendwann ins Büro", meint der Westerwälder.

Von einem Support-Ingenieur an der Strecke wie bei BMW, Mercedes, Audi und Co. können Alzen und seine Mannschaft nur träumen. Was nicht passt, wird passend gemacht. Ford sieht das Engagement gerne, hat aber nicht die Mittel, um das Team materiell oder finanziell zu unterstützen. Immerhin darf man den Windkanal in Köln nutzen. Bereits zweimal war der Ford GT für einen halben Tag zu Gast.

Ein wichtiger Schritt bei der Weiterentwicklung, denn Alzen tritt mit dem Ford in einer neuen Konfiguration in der SP-X-Klasse statt in der SP9-Kategorie für GT3-Wagen an. "Mit der alten Homologation hatten wir in der GT3 keine Chance mehr", sagt er. "Deshalb haben wir uns mit den Technikern vom ADAC zusammengesetzt und mit der SP-X-Klasse eine gute Lösung gefunden."

Angst vor der eigenen Courage

Zu den Modifikationen gehören eine andere Getriebeübersetzung, Schalt-Paddles und die Überarbeitung des 5,3-Liter-V8-Motors. Die Frontlippe steht neuerdings 100 Millimeter über und generiert so mehr Abtrieb an der Vorderachse. Der Heckflügel ist in der Breite um zehn Zentimeter geschrumpft und sitzt nun weiter hinten. Ebenfalls neu: die Michelin-Vignettenreifen. Nach Yokohama, Dunlop und Hankook kooperiert Alzen Motorsport nun mit den Franzosen.

Sollten die Tempolimits ab der nächsten Saison verschwinden, will Alzen weiterhin mit dem Ford GT auf der Nordschleife durchladen. Trotz des Debüts der neuen GT3-Generation glaubt er an seinen Liebling: "Nur manchmal, da habe sogar ich Angst vor der eigenen Courage."

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