Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows

Helmut Marko

Targa Florio 1972 Treffen mit der Mafia

Helmut Marko Foto: Daniel Reinhard 20 Bilder

Motorsportlegenden erzählen die Geschichte ihres besten Rennens: Red Bull-Berater Helmut Marko erinnert sich an die Targa Florio 1972, seinen Kampf gegen Ferrari, Zuschauer mitten auf der Straße und sein Treffen mit den Mafia-Bossen.

20.01.2012 Michael Schmidt

Ich bin in jenem Jahr Formel 1, Sportwagen- und Tourenwagenrennen gefahren. Das war damals so. Die Rennwochenenden waren bei weitem nicht so intensiv wie heute, sowohl von der Technik als auch von der Pressearbeit. Pro Jahr kamen so an die 50 Rennen zusammen. Je mehr man gefahren ist, umso größer die Verdienstchancen. Ein Vettel erhält heute mehr Erfolgsprämie, als wir im ganzen Jahr Gehalt bekamen.

In der Formel 1 fuhr ich für B.R.M., bei den Sportwagen für Alfa Romeo. Es waren zwar grundverschiedene Autos, die aber den Dreiliter-Motor gemeinsam hatten. Der Alfa V8 hatte weniger PS als unser Konkurrent Ferrari mit dem Zwölfzylinder-Motor. Alfa Corse war ein echtes Werksteam mit einer variierenden Anzahl von Autos. Sehr italienisch im Vergleich zu Porsche, wo ich das Jahr zuvor gefahren war. Zum Gepäck gehörten auch immer Chianti und Spaghetti.

Targa Florio-Training im öffentlichen Verkehr

Die Targa Florio im Jahr 1972 war ein Abenteuer, das schon damals jenseits jeder Vorstellungskraft lag. Eine Runde war 72 Kilometer lang. Das Training fand auf ungesperrten Straßen statt. Zuerst hat man sich mit einem Alfa GTAM herangetastet. Dann sind wir mit den Rennsportwagen im öffentlichen Verkehr gefahren, zusammen mit Lastwagen und Eselskarren.

Mitten auf der Strecke stand ein Polizist, der Strafzettel verteilt hat. Keine Ahnung, welche Funktion diese Maßnahme hatte. Ich nahm das Ticket in Empfang und bin Vollgas wieder losgefahren. In der Boxengarage wurden die Strafzettel gestapelt und wahrscheinlich nach dem Rennen den Behörden wieder zurückgegeben.

Über der Alfa-Box war ein sehr gutes italienisches Restaurant. Wir haben da gesessen und Rundenzeiten gestoppt. Wenn einer schneller war, sind wir zurück ins Auto und haben es noch einmal versucht.

Sicherheit war ein Fremdwort

Die Strecke war Nordschleife hoch drei. Mit welligen und unterschiedlich glatten Streckenbelägen. Es war natürlich schwierig, sich 72 Kilometer zu merken. Bei manchen Kurven wusste man nicht, wie es hinter dem Eck weiterging. Unten am Meer gab es eine fünf Kilometer lange Gerade. Dort war der Alfa langsamer als der Ferrari, und dort haben wir unser Rennen auch verloren.

Sicherheit war ein Fremdwort. In den Dörfern sind im offiziellen Training und am Renntag die Türen zugenagelt worden. Damit keiner über die Straße läuft. Im Rennen gab es immens viele Zuschauer. So an die 500.000. Leitplanken Fehlanzeige. Die Leute standen teilweise auf der Straße und sind erst im letzten Augenblick weggesprungen. Das war wie eine Woge. Ich musste mich erst einmal daran gewöhnen, mit 200 km/h auf die Leute zuzuschießen.

Merzario zieht auf der Geraden vorbei

Mein Co-Pilot war Nanni Galli. Der hatte einen schlechten Tag. Ich habe ihm zwei Mal das Auto in Führung übergeben, und er fiel immer wieder hinter den Ferrari zurück. Beim letzten Boxenstopp ist er auch noch gegen die Mauer gerutscht. Die Information über die Rückstände war auf der langen Strecke nur bruchstückhaft. So nach 20 oder 30 Kilometern hatte sich einer mit einer Tafel postiert, da stand plus oder minus drauf.

Wegen des Einzelstarts fuhr man meistens ziemlich allein, hat höchstens mal einen GT überholt. In der Schlussphase habe ich im kurvigen Teil auf den Ferrari aufgeholt. Ich kam in einen richtigen Rennrausch, bin gefahren, als gäbe es kein Morgen. Nie hätte ich mir vorstellen können, auf der Strecke mit so viel Risiko zu fahren. Bis zur Geraden hatte ich Merzario überholt, doch als es dann geradeaus ging, ist er mir wieder davongezogen.

An einem Tisch mit der Mafia

Am Abend nach dem Rennen gab es die übliche Siegesfeier. Es ging recht fröhlich her, als plötzlich einer an mich herantrat und mich bat mitzukommen. An einem anderen Tisch saßen etliche Herren mit grimmigen Mienen. Sie sagten, das Rennen hätte ihnen gefallen. Ich bekam einen Zettel mit einer Telefonnummer, und mir wurde gesagt, dass ich einen Wunsch frei hätte, sollte ich mal etwas brauchen.

Erst habe ich mir nichts dabei gedacht, doch am nächsten Tag hörte ich, dass es die ranghöchsten Herren der Mafia waren, und bei denen etwas frei zu haben könne für einen Mitteleuropäer von unvorstellbarem Wert sein. Ich bin auf das Angebot nie eingegangen."

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden