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Interview mit Nico Hülkenberg

"Nachts fühlst du dich inkognito"

24h Le Mans 2015 - Nick Tandy - Nico Hülkenberg - Earl Bamber Foto: Porsche 36 Bilder

Nico Hülkenberg ist zum ersten Mal in Le Mans. Beim Vortest am letzten Mai-Wochenende bekam er einen Vorgeschmack auf den Klassiker. Der Porsche-Pilot schildert uns seine ersten Eindrücke und nimmt uns mit auf eine Runde auf dem 13,6 Kilometer langen Kurs.

10.06.2015 Michael Schmidt Powered by
Sind Sie das erste Mal in Le Mans?

Hülkenberg: Früher, als Kind, war ich nur Formel 1 getrieben. Die letzten paar Jahre hatte ich aber immer mehr Aufmerksamkeit dafür entwickelt und mir das Rennen auch im Fernseher angeschaut. Der Vortest war dann wirklich meine allererste Berührung mit Le Mans.

Was war Ihr erster Eindruck, als Sie dieses Monstrum von Rennstrecke das erste Mal gesehen haben?

Hülkenberg: Klar, da steckt unheimlich viel Geschichte drin und die Strecke ist mega-berühmt. Aber am Ende des Tages ist es eine Rennstrecke, die du fahren und lernen musst. Mich hat jetzt nichts absolut aus den Socken gehauen. Die Strecke ist absolut geil, alte Schule halt. Was mich überrascht hat: Du hast viele Ruhephasen, weil es echt viel geradeaus geht. Da wartest du nur auf die nächste Kurve. Meine Highlights sind die Indianapolis-Kurven. Die haben einen schönen Fluss. Und dann natürlich die Porsche-Kurven, weil du da mal richtig schnell unterwegs bist. Und die Mauern stehen nicht weit weg.

Wie haben Sie Ihre erste Runde gedreht?

Hülkenberg: Am Samstag sind wir mit dem Rad rumgefahren. Und dann am Sonntag gleich im LMP1.

Fahren wir mal eine Runde mit Ihnen.

Hülkenberg: Es geht los mit dem Rechtsknick vor dem Dunlop-Bogen. Du bremst die Schikane an, da ist es ziemlich wellig, das Auto wird unruhig. Die Randsteine in den Schikanen sind schön flach, weil der Teil auch eine Motorrad-Strecke ist. Die kannst du richtig schön rasieren. Mit dem Allrad im LMP1 ist es immer wichtig, den Kurvenausgang genau zu fokussieren, dass du optimale Traktion hast. Dann geht es runter durch die Esses, die schön flüssig und schnell sind. Da hoffst du natürlich immer, dass du nicht in den Verkehr läufst. Das kostet dich dort echt Rundenzeit. Dann kommt noch Kurve 5, die dich auf die erste Gerade bringt.

Und dann stellt sich die große Langeweile ein?

Hülkenberg: Klar, du schaltest den Autopilot ein und kannst eine Minute relaxen. Einen Espresso nehmen aus der Mini-Bar an der Seite. Aber Spaß beiseite. Zwischen den Geraden gibt es ja noch die zwei Schikanen. Sie sind sich sehr ähnlich, nur spiegelverkehrt. Eine geht nach rechts, die andere nach links ab. Beide haben einen schnellen Eingang und sind auch sonst kein so enges Gewürge. Minimum-Speed liegt so um die 100 km/h. Am Ende der Geraden haben wir mit Mulsanne wieder eine langsame Kurve. Hier ist es wieder ganz wichtig, den optimalen Ausgang zu finden. Mit so viel Power in den LMP1-Autos musst du das nutzen. Immer die Power nach vorne bringen, nicht nach links oder rechts verschwenden. Die Leistung verpufft nicht wie im Formel 1, der keinen Allrad hat. Ab dann geht es wieder Vollgas vorwärts.

Bis zu Ihrer Lieblingsstelle?

Hülkenberg: Ja, die zwei Indianapolis-Kurven sind echt der Hammer. Vor der ersten kommst du mit 330 km/h an und schmeißt das Auto da rein. Die Kurve ist leicht überhöht, du kannst dich schön reinlehnen. Das geht echt brutal ab. Aber sobald du am Scheitelpunkt bist, musst du schon den Anker werfen für Indy 2. Wenn du da zu spät auf der Bremse bist, wirst du übel abfliegen. Auch die langsamere Kurve ist gut überhöht. Das merkst du, wenn die Kompression kommt und der Grip auf einmal da ist, dann spuckt es dich richtig raus aus der Kurve. Mit Arnage folgt dann wieder eine ganz langsame Kurve mit extrem wenig Grip. Du denkst eigentlich, dass du später bremsen kannst, aber da schießt du schnell mal geradeaus. Im Anschluss gibt es wieder eine längere Gerade Richtung Porsche-Kurven.

Und die sind eine echte Herausforderung?

Hülkenberg: Ja. Die erste Rechts ist phänomenal schnell, absolut voll. Die zweite Doppellinks braucht einen kleinen Lupfer. Du hast immer noch so 250 Sachen drauf, und es ist extrem eng da. Auslauf gibt es praktisch nicht. Du betest nur, dass dort kein GT vor dir einlenkt. Sonst bleibst du die ganze Passage hinter dem stecken.

Macht es Sorgen, wenn die Mauern so nah an der Strecke stehen?

Hülkenberg: Sorgen nicht, aber du hast Respekt. Du denkst dir schon: Hier muss ich vielleicht ein bisschen aufpassen. Dann geht die Runde auch schon zu Ende. Die letzten zwei Schikanen sind relativ einfach.

Ist die Strecke leicht zu lernen?

Hülkenberg: Eigentlich ja.

Wie viel sind Sie beim Vortest gefahren?

Hülkenberg: Am Morgen die 10 Runden, um mich zu qualifizieren. Am Nachmittag so um die 25 Runden. Da war es dann auch nass. Was es ein bisschen unangenehmer macht, weil das Grip-Fenster kleiner wird. Da schwindet der Puffer beim Überrunden der GT-Autos. Die rutschen noch mehr als wir rum. Wenn du nicht weißt, was der vor dir macht, wird es ziemlich heikel. Auf trockener Strecke kommst du einfacher an denen vorbei.

Fädelt man sich in Le Mans leichter durch den Verkehr als in Spa?

Hülkenberg: Das ist sehr ähnlich. Es kommt halt immer aufs Timing an. An manchen Stellen willst du am liebsten keine Autos vor dir haben. Am besten ist es, wenn du gerade noch vor dem Einlenken an den langsamen Autos vorbeiwischst. Aber du kannst es dir nicht aussuchen. Du überrundest ja alle paar Sekunden. Deshalb kannst du auch vergessen, dass dich die Box über Funk über den Verkehr informiert. Das wäre viel zu viel Information. In einem LMP1 hast du so schon alle Hände voll zu tun im Cockpit.

Die neue Erfahrung für Sie wird das Fahren in der Nacht mit Verkehr sein?

Hülkenberg: Das Nachtfahren war bei den Tests eigentlich immer meine Lieblingsangelegenheit. Es ist irgendwie eine coole Atmosphäre. Du fühlst dich ein bisschen inkognito, du bist eins mit dir, dem Auto und der Strecke. Und es ist ein bisschen anspruchsvoller. Weil du die Brems- und Einlenkpunkte nicht so klar siehst wie am Tag. Es ist da ja alles dunkel und nicht so erleuchtet wie bei Nachtrennen in der Formel 1. Nur deine Scheinwerfer leuchten die Strecke aus.

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