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Jacky Ickx und das Porsche-Wunder

Mein bestes Rennen Le Mans 1977

Jacky Ickx 2011 GP Belgien Foto: Daniel Reinhard 31 Bilder

Was war das beste Rennen aller Zeiten? Jeder hat eine subjektive Sicht. In Teil sieben der Serie kommt Jacky Ickx zu Wort. Der sechsfache Le Mans-Sieger erinnert sich an seine Triumphfahrt 1977, als er aussichtslos zurücklag und dennoch gewann.

30.01.2012 Michael Schmidt

"Es ist nie einfach, das beste Rennen einer Karriere herauszusuchen. Ich habe Le Mans 1977 gewählt, weil es das unglaublichste Rennen nicht nur für mich, sondern für das ganze Team war. Warum? Es hat gezeigt, dass ein Rennen nie verloren ist."

Porsche-Sieg bei verlorenem Rennen

Ich will kurz die Ausgangsposition skizzieren. Porsche hatte Le Mans 1977 zwei Werksautos am Start. Nach drei Stunden mussten mein Teamkollege Henri Pescarolo und ich mit Motorschaden aufgeben. Auch das andere Auto hatte technische Probleme. Es lag sieben oder acht Runden zurück. Deshalb nenne ich es ein verlorenes Rennen.

Ich war für das zweite Auto als Reservefahrer eingeteilt und wurde nach dem Ausfall der Nummer eins in das Team von Jürgen Barth und Hurley Haywood integriert. Wenn du so weit hinten liegst, hast du nichts mehr zu verlieren. Es gibt keine Strategien, nur totale Attacke. Du versuchst einfach, noch ein paar Plätze gutzumachen, ohne die Hoffnung, dass du dieses Rennen je gewinnen kannst.

Dann passierten mehrere Wunder auf einmal. Wir konnten immer am Limit fahren. Wir haben immer mehr Positionen gutgemacht, haben überholt, überrundet, sind immer heil durch-gekommen, manchmal auf Kosten von ein oder zwei Sekunden, wenn ein Hinterbänkler im Weg stand, was schwer zu akzeptieren war, weil wir uns einen Zeitverlust nicht leisten konnten. Platz 40, 25, 15 und so weiter, und je weiter wir uns im Gesamtklassement nach vorne arbeiteten, umso mehr wurden wir vom Mut der Verzweiflung mitgerissen.

Jacky Ickx sitzt 7,5 Stunden am Steuer

Ich war vielleicht so etwas wie der Katalysator in dieser Operation, indem ich der Truppe irgendwann die Hoffnung gegeben habe: Ja, wir können noch auf das Podest fahren. Das Podest, nicht gewinnen, wohlgemerkt. Es war ein schwieriges Rennen. Mit Regen, mit Nebel, mit unterschiedlichen Streckenzuständen. Während der Nacht habe ich zwei Dreifach-Turns absolviert mit insgesamt 7,5 Stunden am Steuer. Dazwischen hatte ich nur eineinhalb Stunden Pause.

Das hat auch meine Kollegen angestachelt. Barth und Haywood sind so wie ich das Rennen ihres Lebens gefahren. Die Ingenieure und Mechaniker erwachten plötzlich wieder zum Leben. Von todtraurig betrübt zur totalen Ekstase. Jeder hat sich selbst übertroffen. Nur ein Beispiel: Klaus Bischoff hat das Getriebe in Rekordzeit gewechselt. Wir sind in dieser Nacht zu einer Einheit zusammengewachsen.

Um elf Uhr morgens waren wir Dritter, dann Zweiter, und plötzlich lagen wir an der Spitze. Am Ende haben wir die riesige Armada von Renault in die Knie gezwungen. Können Sie sich diese Emotionen vorstellen? Auf dem Siegerpodest fand ich es unfair, dass nur wir Fahrer den Ruhm abbekommen haben. Jeder hatte ihn nach den 24 Stunden Le Mans verdient - von dem Mechaniker, der die Reifen auf die Felgen aufzieht, bis zu den Kolbenbauern von Mahle.

Motorproblem in der letzte Stunde

In der letzten Stunde mussten wir noch einmal zittern. Wir bekamen ein Motorproblem. Ein Zylinder hatte sich abgemeldet. Wir sind nägelkauend eine Stunde in der Box gestanden und haben darauf gewartet, dass Barth zum Schluss eine Runde fährt, damit wir aus eigener Kraft über die Ziellinie rollen. Ich konnte nicht mehr. Meine Batterie war leer.

Jürgen hatte eine Stoppuhr auf dem Lenkrad montiert. Er wusste, welche Zeit er fahren musste, um knapp nach 16 Uhr über die Ziellinie zu fahren. Trotzdem war er zu früh dran und musste noch eine Runde drehen. Er war unglaublich tapfer. Was für eine Verantwortung nach so einem Rennen. Jetzt, wo wir an der Spitze lagen, wollten wir sie auch nicht mehr hergeben.

Keiner wusste, ob der Motor es diese eine Runde noch schaffen würde. Vergessen Sie nicht, dass wir bei unserer Aufholjagd das Material bis an seine Grenze belastet hatten. Wir haben dem Motor, dem Getriebe, den Bremsen nicht eine Sekunde lang eine Ruhepause gegönnt. Es gab nur eine Devise, und die hieß Vollgas.

Wertschätzung der Erfolge kommt im Alter

Von meinen sechs Le Mans-Siegen war das der beste und der wertvollste. Ich hätte auch meinen Sieg 1969 im Ford GT40 wählen können, der knappste Zieleinlauf bei den 24 Stunden von Le Mans aller Zeiten. Aber wenn du jung bist, kennst du keine Ängste, keine schlechten Erfahrungen. Du nimmst es als selbstverständlich hin. Die Wertschätzung gewisser Ereignisse kommt erst mit den Jahren.

Ich möchte diesen Sieg 1977 ein bisschen mit dem Erfolg von Audi 2011 vergleichen. Nur eines von drei Autos hat überlebt. Und es gewann gegen alle Widrigkeiten und gegen drei Peugeot. In einem heroischen Kampf auf einem Speed-Level, der mit nichts vorher vergleichbar war. Es ging wie bei einem Grand Prix um Sekunden. So etwas passiert nur ein Mal alle 20 Jahre."

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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