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Jean Todt vs. Ari Vatanen

Wer wird neuer FIA-Präsident?

Mosley & Todt Foto: dpa 15 Bilder

Zwei alte Kumpels, die bei Peugeot erfolgreiche Rallye-Zeiten erlebten, bewerben sich um das Amt des FIA-Präsidenten. Ende Oktober entscheidet sich, ob Jean Todt oder Ari Vatanen Nachfolger von Max Mosley wird.

22.10.2009

Der Place de la Concorde in Paris ist ein Ort mit blutrünstiger Geschichte. 1793 stellten die Rädelsführer der Französischen Revolution dort eine Guillotine auf. Innerhalb von zweieinhalb Jahren wurden 1.119 Menschen geköpft, darunter König Ludwig XVI. und die österreichische Erzherzogin Marie Antoinette.

FIA-Generalversammlung wählt Ende Oktober den neuen FIA-Präsidenten

Gut zwei Jahrhunderte später, am 23. Oktober 2009, fällt im prachtvollen Gebäude des Weltverbands FIA am Place de la Concorde 8 eine Wahlentscheidung, die zumindest eine kleine Revolution im internationalen Motorsport bedeuten könnte. Die Mitglieder der FIA-Generalversammlung stimmen darüber ab, wer Max Mosley, 69, nachfolgen wird. Nach 18-jähriger Amtszeit stellt sich der britische Funktionär nicht mehr zur Wahl. Zwei Kandidaten wollen ihn beerben: der Franzose Jean Todt und der Finne Ari Vatanen.

Der ehemalige Peugeot- und Ferrari-Sportchef Todt, 63, ist Mosleys Favorit. Ein Umstand, über den sich Vatanen bei Mosley bitter beschwerte. "Aber Ari, ich muss gegenüber den Mitgliedern der Generalversammlung doch eine Empfehlung abgeben", rechtfertigte sich Mosley beim Essen. "Ich habe mich für Jean entschieden, weil er im Gegensatz zu dir schon mehrmals große Organisationen geleitet hat."

Ari Vatanen gehörte zehn Jahre lang dem Europäischen Parlament an

Vatanen, 57, der Rallye-Weltmeister von 1981, der bis vor zwei Jahren Werksfahrer im Dakar-Team von VW war, kann hingegen Erfahrung im politischen Alltag in die Waagschale werfen: Zehn Jahre lang, bis zum Sommer 2009, gehörte er dem Europäischen Parlament an, als Mitglied der konservativen Fraktion. Offenbar inspiriert von Barack Obama führt Vatanen einen heiteren Wahlkampf, ohne dabei hallodrihaft zu wirken. Auf seiner Website weist er auf seinen Youtube-Wettbewerb für das schönste Wahlkampf-Video hin. Hauptpreis: eine Karte für den Grand Prix von Monaco 2010 sowie eine Einladung zum gemeinsamen Kaffeetrinken im Hôtel de Paris.

Vatanen will Harmonie und Kameradschaft in den Motorsport zurückbringen

"Together we can", lautet Vatanens Slogan. "Ich stehe für Transparenz und Berechenbarkeit, und ich will Begriffe wie Harmonie und Kameradschaft im Motorsport wiederbeleben." Solche Kernbotschaften mögen etwas naiv und angestaubt klingen, sie sind aber ehrlich gemeint - das weiß jeder, der den geradlinigen Finnen kennt. Bei den meisten Herstellern im Formel 1-Fahrerlager genießt Vatanen Sympathien. Auch deswegen, weil sein Kontrahent Todt als Ferrari-Teamchef die Konkurrenz von McLaren-Mercedes, Renault und Toyota bei der FIA angeschwärzt hatte, was zu zwei peinlichen Spionage-Affären und im Falle McLaren zu 100 Millionen Dollar Strafe führte.

Jean Todts Präsidentschafts-Kampagne wirkt staatstragend und ernst. Oft segelt er im Windschatten seiner Lebensgefährtin Michelle Yeoh, einer malaysisch-chinesischen Filmschauspielerin, die sich in ihrer ehrenvollen Aufgabe als FIA-Botschafterin auch für mehr Sicherheit im Straßenverkehr einsetzt und rund um den Globus an entsprechenden Konferenzen teilnimmt. Dann lächelt auch Todt huldvoll in die Kameras.

Jean Todt konzentriert sich auf allgemeine Fragen der individuellen Mobilität

Der Wahlkämpfer Todt konzentriert sich auf allgemeine Fragen der individuellen Mobilität: "Rund um den Globus werden sich neue Generationen an der Bewegungsfreiheit erfreuen können, die das Automobil bietet", sagt er etwas hölzern. "Es liegt in der Verantwortung der FIA, dieses Recht auf sichere, nachhaltige und preiswerte Mobilität zu verteidigen." Mitreißende Slogans klingen anders. Todt muss aber nicht die Aktiven oder den kleinen Mann auf der Straße überzeugen, sondern den meist grau- bis weißhaarigen Funktionärs-Kader. Und da kommen solche Thesen wohl gut an. 

Eine Hypothek für Todt könnte es sein, dass er Carlos Gracia Fuertes als einen der Vizepräsidenten nominierte. Der Spanier fiel unlängst auf, als er das Urteil gegen Flavio Briatore hart kritisierte. "Es gab keine Beweise gegen ihn", sagte Gracia. Als ob das Geständnis von Briatores Ex-Arbeitsgeber Renault nicht mehr als ausreichend wäre.

Beide Amtsanwärter waren früher eng befreundet

Todt und Vatanen, die Konkurrenten von heute, waren früher ein Herz und eine Seele. Beide kamen 1981 erstmals groß raus: Vatanen als Fahrer-Weltmeister, Todt als Superhirn, das Talbot-Sunbeam zur Marken-WM führte. Todt war nicht nur der Kopf des Teams, sondern fungierte auch als Beifahrer des damaligen Nummer-zwei-Fahrers Guy Fréquelin, der seinerseits später zum Sportchef von Citroën aufstieg. Aus den Kontrahenten wurden bald Verbündete - im Rallye-Team von Peugeot. Die Franzosen hatten einen Quattro-Killer entwickelt, den kompakten Mittelmotor-Renner 205 Turbo 16. Todt und Vatanen feierten große Siege - bis zum fatalen 30. Juli 1985: Bei der Argentinien-Rallye überschlug sich der Finne bei 200 km/h längsseits. Die Sitzschale brach entzwei. Vatanen sprang dem Tod nur knapp von der Schippe: "Es war wie der Weltuntergang."

Loyal hielt Todt dem Rekonvaleszenten die Treue. Als Peugeot Ende 1986 der Rallye-WM den Rücken kehrte und das Projekt Dakar-Sieg in Angriff nahm, war Vatanen wieder an Bord. Er bedankte sich mit vier Siegen. In seiner 1988 erschienenen Autobiografie "Every second counts" schildert Vatanen seinen damaligen Chef als Respektsperson. "Aber Jean ist kein Diktator", schrieb er. "Im Gegenteil. Er ist ganz locker, und er weiß, dass man anderen zuhören sollte."

Vatanen wäre aber nicht Vatanen, wenn er nicht auch seinen eigenen Anteil an Todts fabelhafter Entwicklung gebührend herausstreichen würde: "Ich tat mein Bestes, um Jean zu zeigen, wie wichtig der menschliche Faktor ist." Bei Gehaltsverhandlungen sei Todt ein hartleibiger Gegenspieler gewesen, erinnert sich Vatanen. Seine eigenen, nicht gerade bescheidenen Forderungen verteidigte er schon vor 20 Jahren im Stile eines Berufspolitikers: "Man ist nur dann gierig, wenn man das ganze Geld für sich verwendet und dabei die Unterprivilegierten vergisst."

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