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Kommentar zu neuen Nordschleifenregeln

Wahl zwischen Pest und Cholera

VLN 2015 - Langstreckemeisterschaft Nürburgring - Nordschleife - 14. März 2015 Foto: Robert Kah 165 Bilder

Der nationale Motorsportverband DMSB hat drastische Maßnahmen ergriffen, damit GT-Fahrzeuge trotz des schrecklichen Nissan-Unfalls am Streckenabschnitt Flugplatz in dieser Saison weiterhin auf der Nordschleife antreten können. Viele Fans halten das Maßnahmen-Paket für völlig übertrieben oder sogar für grundfalsch – aber der DMSB hatte keine andere Wahl, meint Marcus Schurig.

09.04.2015 Marcus Schurig Powered by

Die Begriffe Racing und Tempolimit markieren maximale Gegensätze: Im Motorsport fährt man so schnell, wie es irgendwie geht – das ist der Sinn. Ein Tempolimit zwingt zum Langsamfahren – das ist der Sinn. Wenn also beide Sachen auf der Rennstrecke vermengt werden, dann ist das maximal unlogisch. Das weiß auch der DMSB, das wissen die Hersteller, das wissen die Teams und die Fahrer. Sie alle saßen am Runden Tisch, den der DMSB nach dem Horror-Crash auf der Nordschleife für den Dienstag dieser Woche (7. April 2015) einberufen hatte. Sie sind alle Racer, sie verabscheuen Tempolimits auf der Rennstrecke. Warum haben sie es dann trotzdem beschlossen? Weil sie keine andere Wahl hatten.

Änderungen an GT3-Autos kurzfristig nicht machbar

Oder anders gesagt: Sie hatten die Wahl – zwischen Pest und Cholera. Bei nüchterner Betrachtung gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man sperrt die Nordschleife für die laufende Saison für alle GT3-Autos und dann logischer Weise auch für alle GT-ähnlichen Autos. Oder man lässt sie weiter zu, limitiert aber die Risiken so weit, dass eine Wiederholung der Geschehnisse vom 28. März unmöglich gemacht wird.

Warum gab es nur diese zwei Möglichkeiten? Weil man kurzfristig – also für die laufende Saison – weder die Strecke noch die GT-Autos modifizieren kann. Bauliche Maßnahmen an der Nordschleife würden ebenso Zeit erfordern, wie Änderungen an der Aerodynamik der GT3-Autos. Beides ist kurzfristig nicht machbar, das ist Fakt.

Man muss bei der Bewertung der DMSB-Entscheidung zwei Sachen unbedingt trennen: die Sofortmaßnahmen, die jetzt getroffen wurden, und mittelfristige Maßnahmen, die ab 2016 greifen müssen, um Fehlentwicklungen zu korrigieren. Das sind die beiden Handlungsstränge. Was hat der DMSB als Konsequenz aus dem Unfall als Sofortmaßnahmen beschlossen?

DMSB mit drei Maßnahmen

1. Überprüfung aller Zuschauerbereiche und gegebenenfalls Sperrung derselben, wenn sie an gefährlichen Streckenabschnitten liegen. Ich hoffe, darüber will man nicht ernsthaft diskutieren.

2. Eine Leistungsreduktion um 5 Prozent bei allen Fahrzeugen aus den Topklassen in der VLN und dem 24h-Rennen. Da in diesen Klassen Restriktorplatten zum Einsatz kommen, ist das relativ schnell gemacht. Die Maßnahme bekämpft nicht die wahrscheinlichen Gründe für den Unfall – wie die ausgeuferte Aerodynamik der GT3-Autos –, aber sie setzt ein Zeichen.

3. Tempolimits für Fahrzeuge aus den Topklassen in jenen Streckenabschnitten, wo Gefahr droht. Der Runde Tisch hat drei Gefahrenbereiche definiert (Flugplatz, Schwedenkreuz und Döttinger Höhe), wo die Kombination aus hohen Geschwindigkeiten und Bodenwellen oder Kuppen zusammentreffen. Die Piloten werden für eine gewisse Wegstrecke vor diesen kritischen Punkten eine festgelegte Topspeed von 200 beziehungsweise 250 km/h (Döttinger Höhe) einhalten müssen.

Sofortmaßnahmen erfüllen wahrscheinlich ihren Zweck

Ich habe darauf hingewiesen, dass der Begriff Tempolimit viele Motorsportinteressierte und Fans abschrecken wird, und ich habe volles Verständnis dafür. Man hätte auch permanente Gelbphasen vor diesen kritischen Streckenpunkten einrichten können, aber dann hätte sich das Feld jedes Mal massiv zusammengeschoben, die Gefahr von Auffahrunfällen wäre gestiegen. Mit dieser Maßnahme sinken jedenfalls die Geschwindigkeiten in den als kritisch bewerteten Abschnitten, damit sinkt die Gefahr drastisch, dass sich ein Unfall wie jener vom 8. März noch einmal wiederholt. Die Sofortmaßnahmen erfüllen also wahrscheinlich ihren Zweck, auch wenn sie wenig populär sein dürften.

Warum trifft der DMSB so unpopuläre Entscheidungen? Zwei Gründe: Erstens musste der Dachverband unter Beweis stellen, dass er schnell handelt und durchgreift. Andernfalls hätte die Gefahr bestanden, dass andere handeln und durchgreifen. Die Politik zum Beispiel. Dann hätte das Thema den Motorsportraum verlassen, und wer kann schon wissen, was dann entschieden worden wäre? Vielleicht das Ende des Motorsports auf der Nordschleife?

Hätte der DMSB nicht reagiert und hätte sich ein ähnlicher Unfall beim 24h-Rennen wiederholt, was wäre wohl passiert? Die Nicht-Fachmedien hätten sich auf das Thema gestürzt, und die Motorsportverantwortlichen der Blindheit und Idiotie bezichtigt. Vermutlich sogar zu recht.

Alle wollen Super-Gau verhindern

Ein Super-Gau beim 24h-Rennen würde aber ganz sicher das Ende des Motorsports auf der Nordschleife bedeuten. Das wollten der DMSB und ALLE (!), die am Runden Tisch saßen, unbedingt verhindern. Zweitens stehen hinter jeder Entscheidung natürlich auch Interessen, oft auch kommerzielle. Die Hersteller wollen weiter GT-Autos an Nürburgring-Teams verkaufen, die Teams wollen weiter dort oben fahren, weil sie damit ihr Geld verdienen.

Der Nürburgring will weiter die Nordschleife vermieten, die Fahrer dort oben Geld verdienen, der ADAC weiterhin das 24h-Rennen abhalten. Das hat nichts mit bösen Absichten zu tun, das sind reale Einflussfaktoren. Immerhin führen sie dazu, dass ALLE Beteiligten an einer Lösung arbeiten, die den Motorsport auf der Nordschleife auch in Zukunft weiterhin möglich macht.

Drei Arbeitsgruppen für 2016

Die Sofortmaßnahmen waren sogar vielleicht noch der "einfache" Teil, denn der DMSB und der Runde Tisch haben auch im Visier, das etwas Grundlegendes für 2016 passieren muss. Da Schnellschüsse hier nicht taugen, haben sie drei Arbeitsgruppen eingesetzt, für die Bereiche Technik, Rennstrecke und Verhalten der Piloten. Hier soll der Nissan-Unfall aufgearbeitet und Lösungsansätze für 2016 erarbeitet werden. Das erfordert aber auch das Mitziehen anderer Beteiligter, wie der FIA, zum Beispiel, um Reglementänderungen im technischen Bereich durch- und umzusetzen. Das Bohren dicker Bretter ist also unvermeidlich. Aber auch hier gilt: Es gibt keine andere Wahl.

Jene Beteiligten zu schelten, die diese Entscheidungen getroffen haben, ist relativ einfach. Ich habe nicht wahrgenommen, dass die Kritiker alternative Handlungsoptionen entwickelt hätten, die besser gewesen wären als das, was jetzt beschlossen worden ist. Es gibt zwar Gegenvorschläge, aber die ignorieren wichtige Teilaspekte des Entscheidungsprozesses, zum Beispiel das Eingreifen der Politik. Und ganz ehrlich: Wollen wir den Politikern die Entscheidung darüber überlassen, ob es in Zukunft weiterhin Motorsport auf der Nordschleife geben kann? Das ist vielleicht die einzige Frage, die ich klar und eindeutig beantworten kann.

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