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Lehren aus VLN-Tragödie

Wie wird die Nordschleife sicherer?

VLN - 9. Lauf - Langstreckenmeisterschaft - Nürburgring - Nordschleife - 11.10.2014 Foto: Stefan Baldauf / Robert Kah 4 Bilder

Der Unfall des Nissan-GT3-Piloten Jann Mardenborough beim ersten VLN-Lauf des Jahres hat die Nordschleifen-Gemeinde in tiefe Trauer versetzt. Was kann getan werden, um solche Unfälle zu verhindern? VLN-Experte Marcus Schurig analysiert kurz- und langfristige Maßnahmen.

04.04.2015 Marcus Schurig Powered by

Der 28. März 2015 war ein schlechter Tag für den Nordschleifensport. Als der Nissan GT3 von Jann Mardenborough bei der Anfahrt zur Quiddelbacher Höhe auf der Kuppe abhob, Unterluft zog, sich wie ein Papierdrache vertikal in die Luft stellte und nach einem harten Einschlag in die Reifenstapel mit unglaublicher Wucht und Rotationsgeschwindigkeit in den Zuschauerbereich am Flugplatz einschlug, endete die heile Welt des Nordschleifen-Rennsports schlagartig. Ein Zuschauer kam ums Leben, zwei weitere wurden verletzt. Unser Mitgefühl gehört den Angehörigen und der Familie des getöteten Zuschauers.

Das sind die Lehren aus dieser Tragödie, aus dem ersten tödlichen Zuschauerunfall in der Geschichte der VLN? Die erste Erkenntnis: Bei der Zuschauersicherheit kann und darf es in Zukunft an der Nordschleife keine Kompromisse geben. Wenn Piloten bei Rennunfällen im Motorsport verletzt werden, muss man das leider akzeptieren. Die Sicherheit für die Piloten wird permanent verbessert, aber wer in ein Rennauto steigt, muss sich darüber im Klaren sein, dass Verletzungen oder schwere Unfälle nicht auszuschließen sind. Die Entscheidung, dieses Risiko einzugehen, muss jeder für sich selber treffen.

Besonderer Zuschauerschutz in 3 Gefahrenbereichen

Bei der Zuschauersicherheit liegt der Fall völlig anders: hier sind Streckenbetreiber und Veranstalter in der Pflicht, den Zuschauer optimal zu schützen. Bezogen auf den konkreten Unfall: Es gibt auf der Nordschleife drei Highspeed-Bereiche, an denen bei schnellen Autos eine Tendenz für das sogenannte Lift-Off-Phänomen nicht völlig auszuschließen ist: an der Unfallstelle am Flugplatz, auf der Kuppe der Anfahrt zum Schwedenkreuz und am großen Sprunghügel hinter dem Pflanzgarten. Hier müssen Streckenbetreiber und Rennveranstalter jetzt überlegen, wie sie die Zuschauerräume so anlegen, dass der Zugang zu kritischen oder gefährlichen Bereichen nicht mehr möglich ist.

Die zweite Erkenntnis: Entgegen aller Bekundungen von Herstellern, Teams und Ingenieuren können GT3-Autos auf den mächtigen Kuppen und Wellen der Nordschleife abheben. Das ist jetzt mal bewiesener Fakt. Bei der Reaktion auf diesen Unfall müssen zwei Handlungsstränge unterschieden werden: Sofortmaßnahmen für die laufende Saison (VLN und 24h-Rennen) und mittelfristige Regelungen für die nächste Nordschleifen-Saison im technischen Bereich, um solche Unfälle in Zukunft zu unterbinden.

Bei den Sofortmaßnahmen muss zwischen Strecke und Autos unterschieden werden. Eines ist klar: weder kann der Streckenverlauf der Nordschleife kurzfristig geändert werden, noch die GT3-Rennautos. Die Strecke sollte meines Erachtens auch nicht verändert werden, sie ist schützenswertes Kulturgut. Man kann Maßnahmen ergreifen, um Zuschauer von kritischen Streckenpunkten fernzuhalten, aber einen Streckenumbau hielte ich für die falsche Reaktion. Auch die GT3-Autos können für die laufende Rennsaison nicht mehr modifiziert werden, und Schnellschüsse bei der Aerodynamik würden hier weder weiterhelfen, noch wären sie seriös umsetzbar.

Permanente Gelbphase als kurfristige Lösung

Es bleiben also bei den Sofortmaßnahmen nur zwei Möglichkeiten: entweder man setzt den GT-Sport auf der Nordschleife bis zur finalen Klärung der Unfallursache komplett aus, oder man entschärft die Highspeed-Bereiche, an denen ein kritischer Lift-Off auftreten kann, eventuell durch Gelbphasen, die die Anfahrtsgeschwindigkeiten in den drei erwähnten Highspeed-Bereichen reduzieren.

Man könnte zum Beispiel eine permanente Gelbphase über 200 oder 300 Meter hinter dem Streckenabschnitt Hocheichen einrichten, die die Geschwindigkeiten auf dem Weg zum Flugplatz und Schwedenkreuz wirkungsvoll begrenzen. Es sei zugegeben, dass das keine optimale Lösung im Sinne des Sports und der Fans ist, aber eine solche Maßnahme könnte eine Brücke bauen bis zu dem Zeitpunkt, an dem man definitive Antworten auf die neuen Fragen hat.

Und was kann man langfristig mit Blick auf die nächste Saison tun? Zuerst einmal muss die Unfallursache vollständig aufgeklärt werden, um exakt zu definieren, was den schrecklichen Unfall wirklich ausgelöst hat. Vermutlich gibt es aber keine monokausalen Erklärungen. Die Aerodynamik der GT3-Autos mag sicher eine Rolle spielen, die spezielle Aerodynamik des Nissan-GT3 womöglich auch. Dazu die Unerfahrenheit des Piloten, das kühle Wetter oder auch der böige Wind am Unfalltag.

Fakt ist: die Aerodynamik der GT3-Autos ist durch das Reglement nicht konkret begrenzt. Die Performance-Steigerungen der letzten Jahre in der GT3-Klasse gehen ganz wesentlich auf Aero-Maßnahmen zurück, das ist unbestreitbar. In Spa oder Hockenheim kommen dabei bessere Rundenzeiten heraus - auf der Nordschleife haben diese Aero-Entwicklungen unter Umständen zu dem Unfall maßgeblich beigetragen.

Wenn das so ist, gibt es mit Bezug auf die Zukunft des GT3-Sports auf der Nordschleife drei Möglichkeiten: Entweder man zäunt die Aero der GT3-Autos prinzipiell so ein, dass sie auch wieder für den Nürburgring passt. Zweitens könnte man die GT3-Hersteller verpflichten, spezielle Aero-Kits für die Nordschleife zu homologieren, um in der VLN und beim 24h-Rennen zu fahren. Das bedeutet aber einen zusätzlichen technischen Baustand neben der regulären GT3-Spezifikation, ist somit also eine teure und aufwändige Lösung.

Nordschleifen-Rennen ohne GT-Autos?

Oder man kommt drittens zum Ergebnis, dass die GT3-Autos so bleiben sollen, wie sie sind, weil sie überall funktionieren, nur eben nicht auf der Nordschleife. Dann muss man am Nürburgring technisch eine große Zäsur einleiten, die GT3-Autos (oder GT-Autos allgemein) ausschließen und das Fahrzeugfeld wieder von unten neu aufbauen und sortieren.

Nicht alle hier aufgezeigten Lösungsansätze - weder bei den Sofortmaßnahmen noch bei den mittelfristigen Regelungen - sind gleichermaßen attraktiv und zufriedenstellend. Aber die Tragödie vom 28. März ist eine Verpflichtung zum Handeln. Wir brauchen Lösungen, selbst wenn wir dabei im ersten Schritt Kompromisse eingehen müssen. Das Ziel muss klar sein: Eine solche Tragödie darf sich nicht noch einmal wiederholen, denn das könnte unter Umständen dazu führen, dass der gesamte Motorsport von der Nordschleife verbannt wird.

Wie soll man Ihrer Meinung nach die Gefahrenstellen entschärfen? Welche Sicherheitsmaßnahmen halten Sie für sinnvoll? Schreiben Sie uns!

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