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Mille Miglia 2014 im BMW 507

Der 1000-Meilen-Wahnsinn

Mille Miglia 2014, BMW 507 Foto: BMW 18 Bilder

Klar, mal eben rund 1600 Kilometer durch Italien knattern, dazu noch in einem BMW 507, das kann ja nicht so schwer sein. Und diese Oldtimer-Ausfahrten zählen sowieso eher zu den betulichen Veranstaltungen - so denkt nur jemand, der noch nie an der Mille Miglia teilgenommen hat.

20.05.2014 Jens Dralle

Was für ein Blödsinn. Seit über elf Stunden hocken wir jetzt in der Büchse, es schüttet. Um keine Zeit zu verlieren, entscheiden wir uns, das Verdeck nicht zu schließen. Abgesehen davon, wissen wir überhaupt nicht, ob diese Prozedur aufgrund ihrer etwaigen Kompliziertheit noch mehr Zeit und Nerven kosten würde, als wir momentan vertragen könnten.

Alles unter Polizeischutz

Immerhin haben wir eines, schließlich zählt der BMW 507 aus der ersten Serie, also Baujahr 1957, zu den modernsten Fahrzeugen, die gerade hier herumtoben. Das bedeutet: Er hat nicht nur ein Verdeck, sondern auch ein synchronisiertes Getriebe. Grund genug, von den Fahrern aller O.M., Fiat, Bugatti, Bentley und Alfa Romeo aus den 20er und 30er Jahren bestenfalls beiläufig registriert, nicht jedoch beachtet zu werden.

Jetzt jedenfalls, irgendwo zwischen Loreto und L’Aquila reicht es. Die Scheinwerfer funzeln in die Dunkelheit, die Scheibenwischerchen sind mit den Wassermassen überfordert, doch das Tempo bleibt unvermindert hoch. Wie in der Zeit, als die Mille noch an einem Tag abgerissen wurde - also zwischen 1927 und 1957 -, ballert der Tross aus 435 Fahrzeugen (so viele sind zumindest vor zwei Tagen in Brescia gestartet) über Landstraßen und durch Ortschaften, Bäume schwanken, Fassaden drohen zu bröckeln.

Aber alles geschieht mit Polizeischutz, eine große Abordnung der Uniformierten auf Motorrädern und in Autos begleitet die Rallye-Karawane, öffnet dritte Spuren, wo eigentlich gar keine sind, erklärt rote Ampeln für nicht existent, verschiebt Tempolimits nach oben. Und die Anwohner? Werfen mit faulen Tomaten, beten zum Herrgott, oder drohen, sofort die Parmesan- und Pasta-Produktion einzustellen? Von wegen.

Zugegeben, jetzt, gegen 22 Uhr, als Regen und Dunkelheit Italien verschlucken, lässt die Begeisterung mangels Fans bei den Ortsdurchfahrten doch stark nach, aber über die gesamten vier Tage hinweg feiern die Italiener das Teilnehmerfeld mit einem Enthusiasmus, der einem den Glauben in die automobile Menschheit zurückgibt. Überall Volksfeststimmung, echte Begeisterung für die prächtigen Wagen, niemand zettelt Diskusionen über das Automobil im Allgemeinen und diese Veranstaltung im Besonderen an.

1957er BMW gehört zu den modernsten Wagen der Mille Miglia

Zwischen Hildegard Wortmann, oberste Produktstrategin bei BMW, und mir, stehen Diskussionen kurz bevor, die Motivation ist auf dem Tiefpunkt. Andererseits lodert da der Ehrgeiz, die komplette Strecke mit allen Wegpunkten abzufahren, wenn wir schon in einem derart verweichlichten Automobil unterwegs sind. Immerhin wuchten hier genug Fahrer irgendwelche Vorkriegs-Eisenschränke durch das Land, jeder Gangwechsel eine Herausforderung, jede Kurve ein Kraftakt.

Das gilt ebenso für die aufs Wesentliche, also leistungsstarker Motor, vier Räder, Lenkrad, Getriebe, Pedale, reduzierten Motorsport-Flieger von Lotus, Maserati und Ferrari jüngeren Datums. Gelegentlich treffen wir auf den Lotus Eleven Climax von Paolo und Maurizio, der jedesmal scheppert wie eine Werkzeugkiste, die zu Boden fällt, wenn er nur eine Zigarettenkippe überfährt – na, herzlichen Glückwunsch.

Hin und wieder strandet einer am Wegesrand, mal brennt eine Zylinderkopfdichtung durch, mal verbiegen hohe Drehzahlen eine Stößelstange, mal ist einfach nur der Benzinfilter verstopft, so wie bei unserem Roadster heute Nachmittag. Der Defekt ist schnell behoben, gibt immerhin Gelegenheit für einen schnellen Caffè. Der fehlt jetzt, definitiv. Also was jetzt? Verdeck auf oder zu?

Hinter dem Polizei-Motorrad sind wir sicher

Da vorn, eine Tankstelle, also ab unters Dach und einen Versuch starten. Die Mütze ist schneller drauf als gedacht, na bitte. Blöd nur, dass ich jetzt nicht mehr hinters riesige Lenkrad passe. Oder eben nur, wenn wir ein Loch ins Dach schneiden. Oder ich mir die Kopfhaut wund schubbere. Also Fahrerwechsel, Hildegard übernimmt. Ein bisschen wortkarg ist sie geworden in den letzten Stunden, doch sie tritt furchtlos aufs Gas. Kurze Zeit später klinken wir uns hinter ein Polizei-Motorrad ein, das uns und ein paar anderen Fahrzeugen eine Schneise durch den Verkehr schlägt.

Zwei Uhr nachts, Rom naht, der nächste Morgen ebenfalls, viel zu schnell, wenigstens lässt der Regen nach. Die Stadrundfahrt sparen wir uns, geben schnell unsere Zeitkarten ab, rund 40 Minuten zu spät. Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass es ohnehin keine geführte Fahrt durch die ewige Stadt gegeben hätte, die örtliche Polizei streikt.

Und wie Kevin aus Großbritannien feststellen muss, auch das Personal in dem Hotel, das er gebucht hatte. Er verbringt die Nacht in seinem Maserati 200 SI. Und sein Beifahrer fällt erkrankt aus. Hildegard und ich erklären unsere hauptsächlich aus Schlafmangel und nassen Klamotten bestehenden Probleme für nicht existent.

80 Wertungsprüfungen und 450 Autos

Am nächsten Tag bleibt das Dach offen, kein Regen in Sicht, die Stimmung steigt, so wie zu Beginn in Brescia. Allein die Fahrt durch die Altstadt zur technischen Abnahme ist ein Fest, zuvor blieb Zeit für ein Eis, so wie man sich eben eine Oldtimer-Veranstaltung vorstellt. Menschen, die einem zujubeln, nur weil ihnen Dein Auto gefällt. Oder weil sie wissen, was einem bevorsteht, und denken: "Meine Güte, so viel Dummheit kann man nur beklatschen", wer weiß das schon.

Über die gesamte Distanz treffen sich die Teilnehmer immer mal wieder bei einer der 80 Wertungsprüfungen oder zig Durchfahrts- und Zeitkontrollen, fragen sich, wie 450 Autos in die kleine Republik San Marino passen sollen (geht erstaunlich gut) oder wann sie endlich was zu essen bekommen (viel zu selten für Italien), freuen sich aber immer über die gute Stimmung.

Unser 507 freut sich auch, sein 3,2-Liter-V8 ist ein Wunder an Durchzugskraft, braucht bis 120 km/h eigentlich nur den dritten Gang. Er klingt geradezu majestätisch, rabaukt nicht blechbüchsig, trompetet nicht hektisch wie die britischen und italienischen Rennwagen um ihn herum. Immer wieder pflügt er mit seiner spitzen Nase durch die putzigen Abarth-Fiat mit Zagato-Karosserie, die vor ihm herumhopsen, schiebt die herrschaftliche Citroën DS beiseite, überholt schon mal den nervösen O.S.C.A 372.

Kurvige Strecken arten in Arbeit aus

Die italienischen Fans bewundern die Eleganz des 507, murmeln anerkennend "tedesca", dabei könnte es doch einer von ihnen sein. Kurvige Etappen arten dennoch in Arbeit aus, der Passo del Futa beispielsweise, kurz vor Bologna, doch irgendwann findet sich der passende Rythmus. Ebenso rythmisch tauchen Fehler im Roadbook auf, Ortsdurchfahrten sind auf einmal dort, wo sie nicht sein sollten. Schnell keimt der Verdacht, dass sich der eine oder andere Bürgermeister kurzfristig in die Streckenführung eingeklinkt hat.

Auf den Dorfplätzen wird gefeiert, unschuldige Kinder in Hüpfburgen verbannt, damit die Eltern entspannt beim Frühschoppen Autos gucken können. Zeit, um das Treiben auf sich wirken zu lassen, bleibt kaum, die Vorgaben sind sportlich. Und dann, ja dann naht Brescia, das Ziel. Vorgestern, in der regennassen Nacht, irgendwo zwischen L’Aquila und Rom, konnte es nicht schnell genug kommen. Jetzt ist es da, der letzte Stempel wird in die Karte gedrückt. Eine blödsinnige Veranstaltung? Längst nicht mehr. Aber eine schräge auf jeden Fall. Und eine sehr italienische.

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