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Mühlbergers Dakar Blog (7)

Tod in den Anden

Rallye Dakar 2013 Foto: Mühlberger 21 Bilder

auto motor und sport-Reporter Claus Mühlberger ist mit dabei, wenn es bei der Rallye Dakar 2013 einmal quer durch Südamerika geht. In seinem Blog liefert er regelmäßig persönliche Eindrücke und Bilder vom Wüsten-Marathon. Teil 7: Tod in den Anden

14.01.2013 Claus Mühlberger

Am Freitag (11.1.2013) wurde allen im Tross wieder einmal drastisch vor Augen geführt, wie gefährlich die Dakar sein kann. Der Tod kann hinter jeder Ecke lauern. Und zwar nicht nur auf den Wertungsprüfungen sondern auch im normalen Verkehr. Zwei Tage nach dem Unfall einer britischen Service-Crew auf einer peruanischen Schnellstraße, der zwei Menschenleben forderte, erwischte es den französischen Motorradfahrer Thomas Bourgin auf der Anfahrt zum fast 4.900 Meter hohen Paso de Jama in den chilenischen Anden.

Tod auf der Verbindungsetappe

Wenige Kilometer vor der Grenze zu Argentinien stieß der 25-Jährige frontal mit einem entgegenkommenden Pickup der chilenischen Carabineros zusammen. Bourgin war auf der Stelle tot. Die Polizisten blieben unverletzt.

Der Unfall passierte auf einer gut ausgebauten, asphaltierten Straße, an einer recht übersichtlichen Stelle und bei guter Sicht in einer Höhe von 4.000 Metern. Der gesamte Tross muss diesen Weg über die Anden nehmen. Im Schritttempo wurden alle an dem total zerstörten Motorrad vorbei geleitet. Und alle sahen die nur notdürftig von einer Alu-Rettungsfolie abgedeckte Leiche, die rund 20 Meter weiter in einer massiven Blutlache lag.

Die chilenische Ruta 27 dient als Verbindungsetappe, daher gilt ein striktes Tempolimit: 110 km/h darf man fahren, das sind 10 km/h weniger als die Chilenen erlauben. Die meisten Teilnehmer bleiben deutlich darunter: Viele  Servicelaster keuchen mühsam bergauf, weil ihnen in der sauerstoffarmen Höhenluft die Kraft ausgeht. Die Teilnehmer trödeln, weil der Veranstalter die Durchschnittsgeschwindigkeit für die so genannten Road-Sections stets so niedrig ansetzt ist, dass nicht der geringste Grund zur Eile besteht.

Polizeiauto auf der falsche Straßenseite?

Über die Ursache von Bourgins fatalem Unfall kann man nur spekulieren: Möglich, dass der Franzose Opfer eines Sekundenschlafs wurde. Eine andere Theorie: Vielleicht waren es die Carabineros, die auf die falsche Seite der Straße gerieten. An der Unfallstelle sah man Steinchen auf der Straße, 100 Meter vor dem Unfallort. Das könnte dafür sprechen, dass das Polizeiauto zunächst eine Felswand schrammte, deswegen auf die entgegenkommende Fahrbahn schleuderte und dann Bourgins KTM rammte.

Die Carabineros versprachen eine Untersuchung. Das Ergebnis bleibt abzuwarten. Es steht aber zu vermuten, dass bei dieser Investigation wenig Handfestes herauskommen wird. Auch der Veranstalter ASO dürfte nur geringes Interesse daran haben, die guten Beziehungen zum Gastgeberland in irgendeiner Weise zu gefährden. Schließlich kassiert ASO (Amaury Sport Organisation, der Ableger des Verlags, in dem auch die große Sport-Tageszeitung L’Équipe erscheint), von den Gastgeberländern Peru, Chile und Argentinien ein nettes Sümmchen. Insgesamt angeblich rund 10 Millionen Euro.

Früher, bis 2007, als die Dakar-Rallye in Afrika ausgetragen wurde, war daran nicht zu denken. Wie soll man Länder wie Niger oder Mali abkassieren, die zu den ärmsten der Welt gehören? Insofern war es ein Glücksfall für die Veranstalter, dass man wegen der Terrorgefahr in der Sahelzone ab 2009 nach Südamerika wechseln musste.

Foto-Zensur am Unfallort

Journalisten, die am Unfallort vorbeikamen, wurden massiv davon abgehalten zu fotografieren. Und zwar von ASO-Leuten, die sich aufführten wie Stasi-Offiziere. Die Caribineros blieben passiv. Der italienische Journalist Paolo Lorenzi, der im auto motor und sport-Mini Countryman mitreist, wurde von einem extrem gereizten ASO-Mitarbeiter genötigt, sofort ein Foto von seinem iPhone zu löschen. Dabei ging es nicht etwa um reißerische Großaufnahmen von der Leiche, sondern um eine Weitwinkelaufnahme des Unfallorts. Also ein Foto, das möglicherweise bei der Aufklärung des Geschehens hätte nützlich sein können. Erstaunlich, dass ausgerechnet ASO-Leute, also im weiteren Sinne Mitarbeiter eines Presseunternehmens, die Pressefreiheit im Stile von Nordkorea interpretieren.

Am Abend zeigte sich, wie wenig Respekt der Veranstalter ASO den Todesopfern der Rallye entgegenbringt. Renndirektor Etienne Lavigne, der bei einigen Profiteams wegen seiner barschen Attitüde ohnehin nicht unumstritten ist, ließ sich erst gar nicht blicken beim abendlichen Briefing für die Fahrer und Beifahrer im Biwak. Stattdessen erwähnten seine Stellvertreter kurz den Unfall, sprachen der Familie des Verunglückten in einem dürren Satz ihr Beileid aus und gingen dann hurtig über zur Tagesordnung. Besonders wichtig erschien es den ASO-Leuten, die Teilnehmer zu ermahnen, nicht zu viel Lunchpakete mitzunehmen. "Das können und wollen wir nicht mehr akzeptieren", drohte der ASO-Mann auf der kleinen Bühne.

Purer Zynismus angesichts der Umstände an diesem schwarzen Freitag. Aber so funktioniert die Dakar der Neuzeit eben. ASO begreift die Rallye als Gelddruckmaschine. Und vom Geist des Dakar-Gründers Thierry Sabine ist so gut wie nichts übrig geblieben. Der charismatische Franzose verlor sein Leben 1985 bei einem Hubschrauberabsturz, als in einem Sandsturm versuchte, verirrten Teilnehmern zu Hilfe zu kommen.

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