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Nissan GT-R LM Nismo für Le Mans

Nacktbilder vom Nissan-Batmobil

Porsche 919 Hybrid - LMP1 - WEC Test Paul Ricard - Le Castellet - 2014 Foto: xpb 31 Bilder

Mit dem Nissan GT-R LM Nismo wollen die Japaner in Le Mans wieder angreifen. Nacktbilder des Autos zeigen das radikale Technik-Konzept des LMP1-Prototypen im Batmobil-Design. Das radikale Auto kommt mit einem Frontmotor, Frontantrieb, V6-Turbo und Schwungrad-KERS.

06.02.2015 Marcus Schurig Powered by

Der Nissan GT-R LM Nismo soll sich technisch vom Wettbewerb unterscheiden und Le Mans-Siege einfahren - so das Versprechen von Nissan bei der Bekanntgabe des Projekts. Die ersten Bilder des Autos haben gezeigt, dass Nissan zumindest beim ersten Teil der großen Ankündigung Wort hält. Der neue Prototyp ist alles andere als normal.

02/2015 Nissan GT-R LM NISMO
Nissan GT-R LM Nismo für Le Mans 1:23 Min.

Erste Nacktbilder zeigen nun, was wirklich unter der Haube steckt. Der Nissan GT-R LM ist ein Frontmittelmotor-Auto - mit ellenlanger Haube, zurückversetzter Cockpit-Kanzel und kurzem Heckabschluss. Rein optisch ist das Batmobil-Design des neuen Nissan eher kurios denn innovativ.

Im aktuellen LMP1- Reglement finden sich jedenfalls kaum gute Gründe für ein Frontmotorauto, weil im Heckbereich tendenziell mehr Abtrieb erzeugt werden kann als vorne. Da die Abtriebsverteilung in der Regel der Gewichtsverteilung folgt, ist eine klassische Anordnung mit Mittelmotor viel sinnvoller: Die schweren Elemente Fahrer, Energiespeicher, Tank und Motor werden dabei möglichst zentral und tief zwischen den Radachsen verteilt.

Zwar wurde das LMP1-Reglement 2014 dahin gehend liberalisiert, dass nun auch an der Vorderachse ein echter Frontflügel verwendet werden darf, doch es bleibt der Fakt, dass über Heckdiffusor und Heckflügel mehr Abtrieb erzeugt werden kann als über Frontflügel und Frontdiffusor.

Bei einem Frontmotorauto verschiebt sich der Schwerpunkt jedoch automatisch nach vorne, weshalb auch der Abtrieb nach vorne getrimmt werden müsste - genau das geht aber nicht. Die Einbaulage des Motors behindert die Nutzung des maximalen Abtriebs vorne sogar: Die Wirkung von Diffusor und Flügel sind eingeschränkt, weil der Motor nun da sitzt, wo der Luftstrom am Ausgang entweichen sollte.

Gleichzeitig dürfte es mit dem Frontmotor schwierig werden, den korrekten Abstand zwischen Frontflügel und den darüberliegenden Bodywork-Teilen samt Crash-Struktur einzuhalten, denn dieser Abstand entscheidet über die Effektivität des Flügels. Und drittens bleibt weniger Platz für die seitliche Chassis-Durchströmung, um die virtuelle Stirnfläche zu reduzieren, zumal im Nissan alle Motoranbauteile und die Kühler seitlich neben dem Motor untergebracht sind.

Frontmotor-Konzept nur aus Marketing-Gründen?

Der Frontmotor macht aber auch jenseits der zentralen Abtriebsfragen neue Probleme. Die Endrohre treten seitlich vor dem Cockpit an der Oberseite des Chassis aus. Können die Abgase damit noch für aerodynamische Zwecke missbraucht werden? Auch für die Piloten ergeben sich Nachteile: Wo sitzen die Pedalerie und die Füße der Fahrer? Wie groß ist der Einfluss der Motorabwärme auf die Cockpit-Temperaturen? Wie gut ist die Sicht aus der nach hinten versetzten Kanzel? Wie stark wird die Anströmung des Heckflügels gestört?

Fassen wir zusammen: Ohne die Maßgabe, Dinge anders zu machen, wäre vermutlich niemand ernsthaft auf die Idee gekommen, ein LMP1-Frontmittelmotor-Auto auf Kiel zu legen - zu viele Nachteile, oder jedenfalls zu viele offensichtliche Fragezeichen. Alle aktuellen LMP1-Autos sind Mittelmotorautos - und die Werksteams werden gute Gründe für ihre Entscheidung gehabt haben.

Der Vorderradantrieb bringt weitere Probleme: Um das fällige Untersteuern am Kurvenausgang zu eliminieren, wird an den Hinterrädern die Hybridpower eingespeist - also vom Konzept her genau andersherum als bei den LMP1 von Porsche, Toyota und Audi. Die werden beim Boosten vom Hecktriebler zum Allradler, der Nissan wird vom Fronttriebler zum Allradler.

Das entscheidende Problem: Das Auto wird sich vom Eigenlenkverhalten her wie ein Auto mit Frontantrieb fahren. In Le Mans könnte das wegen der vielen langen Geraden theoretisch sogar noch halbwegs funktionieren, aber auf Strecken wie Silverstone und Austin hält das vermutlich kein Vorderreifen lange aus.

Nissan GT-R LM Nismo mit 1.400 PS Systemleistung

Besonders dann nicht, wenn die kombinierte Systemleistung aus Motor und Hybridpower - bitte festhalten! - 1.400 PS erreichen soll, wie Insider versprechen. Solche Monsterzahlen sind allerdings immer etwas geschummelt. Die Maximalleistung aus den verschiedenen Power-Quellen liegt zeitgleich nur für Sekundenbruchteile an.

Der 3,0 Liter V6 Biturbo-Verbrennungsmotor stammt von Cosworth. Weil das LMP1-Regelwerk statt Restriktoren strenge Energieobergrenzen festlegt, kommen alle Hersteller mit Benzinmotoren ungefähr bei der gleichen Spitzenleistung heraus, die irgendwo bei 600 PS liegt. Nissan fährt angeblich in der 8-MJ-Hybrid-Klasse - und nutzt dabei auch die Bremsenergie. Rein theoretisch wären damit wirklich deutlich über 1.000 PS darstellbar - denn das schafft Toyota ja heute schon mit einem 6-MJ-Hybridsystem.

Als Energiespeicher verwendet Nissan das sogenannte Flybrid-KERS-System, das bereits 2012 in einem privaten Lola-LMP zum Einsatz kam. Der Schwungmassenspeicher samt integriertem CVT-Getriebe arbeitet im Gegensatz zum Audi-R18-Schwung rad rein mechanisch, ist extrem kompakt und sehr leicht, auch weil die Drehzahlen deutlich höher liegen als bei einem Standardschwungrad (60.000 statt 40.000/min), was eine kompaktere Bauweise mit deutlich reduzierten Kreiselmomenten ermöglicht.

Le Mans-Projekt von Nissan schon nicht mehr im Zeitplan?

Die Frage lautet: Kann das Konzept funktionieren und ist es wettbewerbsfähig? Das muss bis zum Beweis des Gegenteils erst einmal bezweifelt werden. Bis Anfang Januar hat der Nissan-LMP1 in Summe gerade mal 20 Runden oder knapp 100 Kilometer absolviert, und das meist ohne Hybridsystem. Zum Vergleich: Porsche stand vor einem Jahr bei über 10.000 Testkilometern.

Probleme bereitet die Infrastruktur, die auf drei Kontinente aufgeteilt ist. Dazu toben Machtkämpfe zwischen der Japan-Fraktion und der europäischen Steuerungszentrale. Auch finanziell ist das Programm nicht auf Rosen gebettet, was massive Kompromisse bei der Infrastruktur zur Folge hat. Nissan stellt nur wenige Bauteile selbst her und ist auf eine entsprechend lange Zuliefererkette angewiesen.

Wenn man dann noch bedenkt, dass das ZEOD-Programm für Le Mans 2014 aus den exakt gleichen Gründen zu einem totalen Fiasko geriet, sollte man die Erwartungen am besten erst einmal zurückschrauben. Leider wecken die vollmundigen PR-Aussagen aber weiterhin Erwartungen, die Nissan kaum erfüllen können wird.

In unserer Galerie zeigen wir Ihnen die ersten Fotos des neuen Nissan GT-R LM Nismo - inklusive der Technikfotos ohne Verkleidung.

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