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RallyCross in Hockenheim

Besuch der Schmuddelkinder

RallyCross - Hockenheim - 2015 Foto: Hockenheimring 46 Bilder

Am ersten DTM-Wochenende der Saison gastierte auch die RallyCross-Weltmeisterschaft in Hockenheim, und sorgte im Motodrom wie erwartet für ordentlich Dreck und Spektakel. Wir haben die Fotos.

05.05.2015 Markus Stier

"Spiel nicht mit den Schmuddelkindern", sang einst der deutscher Liedermacher Franz Josef Degenhardt, und die Furcht vor schlechtem Umgang ihrer Kleinen treibt Eltern heute noch ebenso sehr um wie vor einem halben Jahrhundert. Die Erziehungsberechtigten der DTM allerdings treibt die Angst vor schlechtem Umsatz noch deutlich mehr an, und so ließ man sich zum Saisonstart in Hockenheim einiges einfallen, was im Marketing-Sprech als Kundenbindungsmaßnahme gilt. Neben der alten Supermarkt-Idee: Nimm zwei Rennen und bezahl nur für eines, peppte der Veranstalter auch das übrige Programm auf und lud die RallyCross-WM ein.

Ekström bei der DTM und beim RallyCross involviert

Seit 2014 steht die höchste Spielklasse des Schotter-Gladiatorentums im Rang einer Weltmeisterschaft und lockte DTM-Dauerbrenner Mattias Ekström an. Der Schwede ist seit vielen Jahren ein Querfeldeinfreund, bestritt mit Erfolg schon WM-Rallyes und bewies mit seinem überlegenen Sieg im Audi A5 im Regen des DTM-Sonntagsrennens, dass eine Zusatzausbildung auf losem Geläuf auch im Rennauto hilft.

Ekström betreibt im Nebenjob ein RallyCross-Team und bekam dafür eigens die Erlaubnis von Arbeitgeber Audi, den neuen S1-Quattro wie einst seinen berühmten Gruppe-B-Namensvetter zum 600-PS-Monster umzumodeln. Zudem machte er den DTM-Oberen die kurz RX genannte Meisterschaft schmackhaft, dass prompt eine Einladung nach Hockenheim folgte.

Ekströms Plan, im Badischen beide Meisterschaften zu bestreiten, scheiterte am engen Zeitrahmen, aber auch ohne den nordischen Publikumsliebling boten die Rallycrosser bei ihrem Gastauftritt eine bemerkenswerte Show und wirbelten mächtig Staub auf. Der war in den freien Trainings auf der aus dem Asphalt des Motodroms mit eigens präparierten Schotterteilen im Infield kombinierten Piste so dicht wie bei einer Safari-Rallye.

RallyCross auf losem Schotter in Hockenheim

Zum Glück für den Veranstalter half ein fettes Tiefdruckgebiet beim Abbinden der Piste, allerdings hatte ein Bauunternehmer zu grobkörnigen Sand für die lose Passage innerhalb der Sachskurve geliefert, und der ließ sich nicht zu einer festen Masse verbacken. Schon nach den freien Trainings musste der Kurs geändert werden. Die mit ihren Zweiliter-Turbomotoren und 800 Newtonmeter Drehmoment brachialsten Autos des Wochenendes rissen den Boden mühelos auf und zogen tiefe Furchen.

"Rallycross auf Rennstrecken funktioniert eigentlich sehr gut, aber da muss der Veranstalter noch nachbessern", sagte Timmy Hansen, der wie viele seiner Kollegen aus einer großen Rallycross-Dynastie stammt. Papa Kenneth war 14-maliger Europameister und ist jetzt im Peugeot-Semiwerksteam sein Chef.

Der Junior kämpfte wie einige seiner Kollegen mit der Abstimmung. Gerade der asphaltierte Teil des Motodroms sorgte bei den Crossern für Kopfschmerzen, denn so feinkörnige Festbeläge sind sie kaum gewohnt. Im Regen fühlte sich die Piste an wie Schmierseife. "Wir haben 600 PS, aber eigentlich würden 120 reichen", sagte der österreichische Rallye-Haudegen Manfred Stohl.

Dem Publikum war es gerade recht, weil sich im Freitagstraining die Akteure gleich reihenweise in der Sachskurve verbremsten und das Kiesbett ordentlich umpflügten. Die DTM-Fans sahen staunend, dass nicht nur kein Traktor und kein Safety-Car ausrücken müssen, sondern dass sich die gekieste Außenbahn sogar ohne Positionsverlust bestreiten ließ.

Am Samstag trocknete der Behelfskurs zwar ab, aber die Crosser verlegten kurzerhand den neuralgischen Punkt vor die Südkurve. Die Einlage des Tages lieferte Ex-Europameister Timur Timerzyanov. Sein Team hatte ihm eingehämmert, die Spitzkehre besonders eng anzufahren, um keinem Kollegen auch nur einen Hauch von Chance zu bieten, innen reinzustechen. Aber der Russe übertrieb ein bisschen und touchierte den Reifenstapel.

Der Ford Fiesta kletterte mühelos die grünen Gummis hinauf und rollte sich über die linke Seite ab. Zum Glück plumpste das Auto wieder auf die Räder. Noch in der Luft suchte Timerzyanov nach dem ersten Gang, und setzte sich mit Flammenstößen aus dem Auspuff wieder in Bewegung. Er wurde Letzter des vierten Vorlaufes und verpasste damit den Einzug ins Halbfinale, lag aber auf der Beliebtheitsskala des Publikums weit oben.

Applaus für Crashpiloten

Der Kartenverkauf gestaltete sich besser als im Vorjahr und viele Fans blieben trotz zugig, feuchtem Wetter sitzen, um nach den Rundstreckenrennen noch die Rallycrosser zu sehen - wenn es sie nicht gerade von den Plastikstühlen riss, als zum beispiel Tord Linnerud schon nach dem Start auf dem Dragstrip des Motodroms von den Kollegen umgedreht und rücklings in den Reifenstapel geworfen wurde. Auch ohne Heckklappe kämpfte sich der Norweger noch auf einen vierten Platz.

Helden sind selbst die, die nichts reißen. Liam Doran hat Getriebeprobleme und bleibt im ersten Halbfinale wenige Meter vor dem Zielstrich liegen. Die restlichen fünf Teilnehmer sind längst auf dem Rückweg ins Fahrerlager, die Fans warten auf den Abschleppwagen, Da schießt der Citroën DS3 plötzlich mit scharrenden Rädern über die Linie. Tosender Applaus.

Die Rennen dauern nur vier bis sechs Runden auf Kursen, die kaum über einen Kilometer lang sind. Wie in Hockenheim fällt die Entscheidung oft schon in der ersten Kurve, weshalb die Getriebeabstimmung das bestgehütete Geheimnis ist und ein sensibler Kupplungsfuß der Schlüssel. Timmy Hansen fand bis zum Samstag keine Abstimmung, hievte sich mit Ach und Krach ins Halbfinale, schoss aber mit zwei Raketen-Starts bis auf den dritten Rang im Finale. "Wahnsinn. Gestern Abend habe ich vor Verzweiflung noch geheult."

Rallycrosser sind ein besonderer Menschenschlag. Wegen des übertriebenen Vorwärtsdranges schon in Kurve eins kommt es häufig zu Feindkontakten. Reifen platzen, Aufhängungen brechen, Spoiler und Schürzen fliegen davon - alles kein Grund aufzugeben. Und wenn ein Lauf mal schiefgeht, rennt man nicht wie die Rundstreckenkollegen heulend zur Rennleitung und fordert Strafen, in diesem Sport heißt es abputzen und weitermachen.

Wie Johan Kristofferson, den im zweiten Halbfinale Landsmann Robin Larsson am Ausgang der Kurve eins wegboxte. Larsson schaffte es im Audi S1 so als Zweiter locker ins Finale, weil Hansen im Peugeot auch noch durchschlüpfte, fand sich Kristofferson als Vierter im Aus wieder. Aber den spektakulären Zweikämpfer Larsson ereilte der Fluch der bösen Tat im Finale, in dem er in der letzten Runde die pro Rennen einmal zu durchfahrende Joker-Passage in Angriff nahm. Deren Name ist irreführend, denn die bedeutet einen Umweg. Larsson kommt von links mit Schmackes auf die vorletzte Kurve zugeschossen, während Hansen auf dem regulären Kurs von Rechts die Ecke anbremst. Natürlich rummst es wieder, und dieses Mal zieht Larsson vor der letzten Kurve des Wochenendes den Kürzeren und steckt im Kiesbett.

Petter Solberg sichert sich Nashorn-Trophäe

Die kürzeste Zeit von der Startlinie zur ersten Kurve wird im Rallycross mit der silbernen Nashorntrophäe belohnt, und die sicherte sich wieder einmal Petter Solberg. Der frühere Rallyeweltmeister und amtierende Rallycross-Champion fand zwischen Freitag und Samstag die goldene Fahrwerksabstimmung und gewann einen Vorlauf sogar trotz Reifenschaden.

Der Titelverteidiger zog im Citroën DS3 regelmäßig vom Start auf und davon und gewann Halbfinale und Finale mühelos von vorn. Was nur wenige wissen: Solberg ist auch Meister in der Disziplin Fahren, ohne im Auto zu sitzen. Nach dem Sieg rollte er in der offenen Tür stehend und winkend an der Südtribüne vorbei und ließ sich feiern. "Das war eine tolle Atmosphäre hier", schwärmte der Sieger.

Und trotz der Holprigkeiten beim Streckenbau soll sich das Spektakel wiederholen. Die ITR und Rallycross-Vermarkter IMG sollen bereits einen Dreijahresvertrag abgeschlossen haben. Wer bis zum Saisonauftakt 2016 nicht warten kann, reist am 19. Juni nach Buxtehude bei Hamburg. Deutschland hat als einzige Nation im Kalender zwei Rennen zu bieten, und auf dem Estering erwartet Fahrer wie Fans ein echter Hexenkessel.

Die Bilder des Spektakels im Motodrom haben wir in unserer Galerie.

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