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Saisonbilanz der Rallycross-WM

Demolition Derby im Jammertal

RallyCross - Hockenheim - 2015 Foto: FIA RX

Die Rallycross-WM beendete ihr zweites Jahr mit tollen Rennen, aber auch lautem Murren. Fazit der Saison 2015: Eigentlich läuft es gar nicht schlecht, aber der erste Lack ist ab.

16.12.2015 Markus Stier Powered by

Der Gruß des Geschäftsmanns ist die Klage, das ist hinreichend bekannt. Und weil im Motorsport viel Geld verbraucht wird, ist ja auch jedes Rennteam ein Geschäft, und so fällt die Begrüßung unter dem bleigrauen Himmel von Norditalien düster aus: Kosteneskalation, Schummelei, Ungleichheit und Unfairness. Zu wenig Fernsehzeit, zu viel und zugleich zu wenig Hersteller-Engagement.

Motorsport-Ethnologen, die mit den Gepflogenheiten des kleinen Stammes der Rallycrosser nicht vertraut sind, haben nach dieser Begrüßung Mühe, adäquat zu antworten. Einfach zu behaupten, man freue sich auch, könnten die Eingeborenen vielleicht als Affront betrachten. Also doch besser mit gleicher Münze zahlen? Etwa wie: mieser Wetterbericht, trostlose Industriebrache, leere Tribünen und ewig diese beschissene Nörgelei.

Keine Kohle, keine Zukunft

Am besten, man fragt einfach eines der Stammesmitglieder. P. G. Andersson kommt dahergelaufen, ein notorisch lächelnder Schwede, man kennt sich aus der Rallye-WM. Na, P. G., wie geht's denn so? "Beschissen. Antriebswelle abgerissen, Finale verpasst." Das sind tolle Nachrichten. Und, blickst du ebenso positiv in die Zukunft? "Das Team hat keine Kohle mehr, um mich zu bezahlen, also höre ich hier auf und fahre kleine Rallyes in Schweden."

Uups. Das passt jetzt irgendwie schlecht ins Weltbild des Naturforschers. Berichtete die einschlägige Fachliteratur von "Nature" bis "National Geographic" nicht noch vor Kurzem über ein in abgeschiedenen Tälern lebendes, mit sich selbst zufriedenes Völkchen, das als leuchtendes Exempel für die Zukunft dient?

Zulauf kommt von zivilisationsmüden Pilgern aus aller Welt. Jenson Button und David Coulthard waren zu Besuch in Lydden Hill, im italienischen Franciacorta schauten Ex-Formel-1-Mann Vitaly Petrov und Ex-Rallye-Profi Chris Atkinson vorbei.

Modeschimpfwort: Werksteam

Die jahrzehntelang sich selbst überlassene Rallycross-EM ist nun seit fast zwei Jahren eine Weltmeisterschaft, und wie immer, wenn die Zivilisation in abgelegene Reservate eindringt, entstehen Begehrlichkeiten, Neid und Missgunst. Die richtet sich vor allem gegen Timmy Hansen. Der dünne Schwede mit dem Milchgesicht erweckt den Eindruck des unschuldigsten Menschen der Welt. Im Cockpit seines Peugeot kann der 23-Jährige aber ganz anders. Jüngst hat er Robin Larsson rausgeboxt, in Italien dengelte er am Heck des früheren Teamkollegen Timur Timerzyanov herum. Petter Solberg wirft dem Schlaks aus Lidköping vor, ständig die Streckenbegrenzung zu überfahren, um sich Vorteile zu verschaffen.

Der Name Hansen ist eine Macht in diesem Sport, Papa Kenneth ist nicht zuletzt wegen seiner 14 Europameisterschafts-Titel der berühmteste Krieger und unangefochtene Clan-Chef. Nebenbei ist er auch ein Technik- und Taktik-Fuchs. Er hat sich 2014 mit Peugeot verbündet, und das neue Modeschimpfwort in dieser kleinen Welt lautet: Werksteam.

Vorwürfe gegen Hansen und Peugeot

Wie immer in rückständigen, naiven Gesellschaften spielen Religion und Aberglaube eine große Rolle. Über die Hansen-Sippe raunt man sich düstere Legenden zu. Die habe nicht nur einen Pakt mit der Unterwelt geschlossen, sondern quasi auch die Heimat verraten, sei nach Paris übergesiedelt und nehme dort an finsteren Ritualen teil. Zudem benutze die nordisch-gallische Allianz schwarze Magie.

Man muss das für den in diesem Dialekt nicht so versierten Besucher übersetzen: Die gewinnen, weil sie ein Werksteam sind, die Autos in Frankreich gebaut und Tag und Nacht weiterentwickelt und pausenlos getestet werden. Zudem habe Peugeot eine geheime Elektronik, die beim enorm wichtigen Start Drehzahl und Drehmoment begrenzt.

Kein Wunder also, dass die Hansen-Truppe schon beim vorletzten Lauf in Italien die Teamwertung einsackte - und Timmy nach durchwachsener erster Saisonhälfte plötzlich mit drei Siegen in vier Rennen am Auspuff von Meister Petter Solberg schnupperte, der schlussendlich in Argentinien aber doch den Titel holte.

Dem Vorwurf der schwarzen Magie muss natürlich dennoch nachgegangen werden. In der Tat hat Bosch eine Elektronik entwickelt, die den magischen Namen Torque Control trägt und laut Hersteller lediglich das Herausfahren von Kennfeldern für Zündung und Einspritzmenge erleichtert. In den Augen der Rallycrosser verbirgt sich darin eine versteckte Traktionskontrolle.

Timmy Hansen verzieht das Gesicht. "Wir waren schon im Vorjahr ein Werksteam, aber die Autos werden immer noch von denselben paar Leutchen rund um meinen Vater entwickelt."

Verfolgungswahn in den USA

Es ist hinlänglich bekannt, dass Naturvölkern der Kontakt mit Fremden in den seltensten Fällen guttut. Diese bringen Krankheiten, gegen die die Heimgesuchten ohne Abwehrkräfte sind. So hat jemand die besonders in Amerika grassierende Seuche Paranoia in die WM eingeschleppt. In der großspurig Global Rallycross Series getauften Parkplatz-Rennserie in den USA hat Subaru mit Hochgeschwindigkeitskameras Starts analysiert und bei den dort siegreichen VW Beetle auffällig stuckernde Vorderräder ausgemacht.

VW-Sportchef Jost Capito ist gelernter Ingenieur und rauft sich die Haare. Er schwört, das Gesehene sei das typische Bild eines arbeitenden Sperrdifferenzials, und stellt die Gegenfrage, wie sich denn eine Traktionskontrolle realisieren lasse, wenn es keine Raddrehzahl-Sensoren gebe.

Krise bei Olsberg beendet

Den Sieg in Italien holte überraschend Andreas Bakkerud im Ford und beendete damit die Krise des Olsberg-Teams. Man hatte sich in der Saison mit dem Fahrwerk verzettelt, und so sind die Probleme eher hausgemacht. Gleiches gilt für das Team Marklund. P. G. Andersson und Topi Heikkinen, im Vorjahr noch ein Titelaspirant, litten mit ihren Eigenbau-Polo unter wenig zuverlässigen Neuentwicklungen und einem Mangel an Testfahrten.

Da tut sich das Team von VW Schweden leichter. Erstens kommt Geld vom Importeur, zweitens hat man mit Johan Kristoffersson ein neues Juwel an Bord, das den Auftakt in Portugal gewann.

Mattias Ekström hält die Audi-Flagge hoch, allerdings hängt die ein bisschen schlaff. Im Vorjahr staunte der Sunnyboy nach dem Debütsieg in Schweden noch, wie leicht das alles geht. Aber sein Team bekam die alte Bundesliga-Weisheit zu spüren, dass die zweite Saison nach dem Aufstieg immer die schwerste ist. Wie im Vorjahr gewann man 2016 nur in Schweden, in Argentinien scheiterte Ekström nur ganz knapp.

Der Zirkus ist dankbar, dass Ekström wichtige zivilisatorische Errungenschaften gebracht hat wie Sofaecken und Flachbildfernseher. Auf derlei Komfort wollen die Alteingesessenen nicht mehr verzichten. Die Zelte werden größer, das von Olsberg hat sogar zwei Stockwerke. Die Kosten haben sich mit dem WM-Prädikat in zwei Jahren von einer Million Euro pro Auto auf zwei verdoppelt.

Mehr Fernsehpräsenz

Eines haben die rückständigen Rallycrosser in ihrem Tal der Ahnungslosen aus der modernen Geschäftswelt schnell gelernt: Ein Loch in der Kasse erfordert keineswegs knapperes Wirtschaften, sondern lauteres Klagen beim Vermarkter. Der müsse für mehr Fernsehen sorgen und Preisgelder ausschütten. Die TV-Zahlen sind bei den ersten neun Rennen im Vergleich zum Vorjahr von 19 auf 25 Millionen Zuschauer gestiegen, für eine angebliche Boom-Sportart aber ein eher homöopathischer Wert. In vielen wichtigen Märkten wie Japan oder Deutschland sind die Rennen nur im Internet zu sehen.

Paul Bellamy ist der neue Abgesandte von Promoter IMG. Er kennt sich mit ethnischen Minderheiten aus, Bellamy ist Engländer und hat zuvor Speedway gemanagt. Der neue Medizinmann kann den leicht zu verschreckenden Crossern immerhin die Angst nehmen, dass mit dem neuen Lauf in Litauen die Zahl der Rennen auf 14 steigt. Tatsächlich sinkt sie auf 12, davon gleich zwei in Deutschland.

Neben dem DTM-Auftakt in Hockenheim findet sich auch der Estering wieder im Plan, das Rennen bei Buxtehude wandert zurück in den Herbst. Der Sprung nach Asien ist vorerst gescheitert. Auf die ehemalige Formel-1-Piste in der Türkei verirrte sich kaum ein Zuschauer, und auch Italien fliegt raus. Im Niemandsland vor den Toren von Mailand, Brescia und Bergamo saßen nur ein paar Versprengte auf den Tribünen, dabei ist doch Gigi Galli, Italiens Nationalheiliger, zurück.

Gigi Galli mit Comeback

Der Held an der Handbremse schaut zurzeit aus tiefen Augenhöhlen in die Welt, sieben Monate hat er sich mit einigen Getreuen in einer Höhle vergraben, in der Einsiedelei eine neue Mannschaft geformt und ein Eisen geschmiedet, das wie jedes Rallycross-Gerät ein reiner Prototyp ist, aber auf den Namen Kia Rio hört. "Der Kia ist länger als die meisten anderen Autos und damit kurvenstabiler. Wie hoffen auf einen Vorteil", sagt der Rallye-Crack.

Der von HKS entwickelte Motor kostet 150.000 Euro. Das neue Team will mit Geld von Castrol nächstes Jahr die komplette Saison fahren. Der koreanische Hersteller wusste nichts vom Rallycross-Einstieg, Galli empfing in Italien Abgesandte des italienischen Importeurs.

Eine weitere Marke, behauptet der Vermarkter stolz. Um Gottes willen, noch ein Werksteam, unken die Ängstlichen. Bellamy leugnet standhaft, eine echte Marken-WM ins Leben rufen zu wollen, aber Verschwörungstheorien sind schwer aus der Welt zu schaffen. Unlängst fragte VW bei der FIA an, wo man denn mit dem jungen Championat eigentlich hinwolle.

Die Hannoveraner haben - angeblich nur zum Spaß - einen Rallycross-Polo entwickelt, der bei Tests aus dem Stand schneller war als der Ekström-Audi. Petter Solberg denkt nach vergeblichen Anbandelungsversuchen mit Citroën über den Verkauf seiner Autos nach und klingelte schon in Hannover durch. Er vertritt einen eher darwinistischen Ansatz: "Klar wird eine Meisterschaft teurer, wenn sie professioneller wird. Wir brauchen einfach mehr Hersteller."

Naturschutz oder Goldrausch?

Die kleine Gemeinde ist hin- und hergerissen zwischen Naturschutz und Goldrausch. Die Ältesten wollen ihre Kultur erhalten und ihren Rang wahren, aber sie wissen auch, dass es ohne Konzerne kein schnelles Wachstum gibt. Aber möglicherweise ist das ja auch gar nicht erstrebenswert. Vielleicht sollte man dieses kleine Völkchen sich selbst überlassen und langsam wachsen lassen.

Das Konzept ist in der Wissenschaft noch neu und nennt sich Nachhaltigkeit. Klar wird kein Friede herrschen, bei Asterix kloppen sich der Schmied und der Fischhändler ja auch ständig. Aber ist das gallische Dorf in Aremorica damit etwa schlecht gefahren?

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