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Rallye Legend San Marino

Der Jurassic Park im Rallye-Kalender

San Marino, Altstadt, Nacht Foto: Arturo Rivas 17 Bilder

Ein Mal pro Jahr bekommen die stärksten Rallye-Autos aller Zeiten wieder Auslauf - die Gruppe B-Monster sind die große Attraktion beim Rallye-Fest in den Bergen von San Marino. auto motor und sport war live dabei.

20.11.2012 Bernd Ostmann

Das Schauspiel passiert auf engstem Raum, quasi auf einem einzigen Berg. Die Kulisse bilden 80.000 aufgewühlte Fans, die Akteure sind die stärksten Rallye-Autos aller Zeiten – der Jurassic Park im Rallye-Kalender. 1986 wurde die Gruppe B nach mehreren tödlichen Unfällen verboten. Bei der Rallye San Marino kann man die Helden wieder in voller Wildheit erleben – den Audi Sport Quattro S1 und den Lancia Delta S4, flügelbepackt und bis zu 550 PS stark. Dazu die besten Dompteure der Szene: Markku Alén, Juha Kakkunen, Sandro Munari, Björn Waldegard, Per Eklund. Aus Deutschland kamen die Quattro-Piloten Michael Gerber und Harald Demuth, dazu die Nachwuchshoffnung Sepp Wiegand in einem VW Golf G60.

Neben den PS-strotzenden Dinos aus der Vergangenheit wirkt ein Newcomer der Rallye-Szene geradezu wie ein Winzling: Der VW Polo WRC leistet nur 300 PS, ist aber weit schneller als die versammelte Alt-Elite. 2013 geht VW damit in der WM an den Start. Ex-Weltmeister Carlos Sainz durfte den ersten Prototyp als Vorausfahrzeug steuern – quasi das Debüt vor dem Debüt bei der Monte.

Jacky Ickx steuerte Paris-Dakar-Porsche 953

"Hier im Wettbewerb kannst du richtig was lernen", erklärte Sainz, der sich allerdings etwas genervt zeigte, dass er nicht die letzte Entwicklungsstufe ausführen durfte. Eine aus Spanien angereiste Journalisten-Gruppe war trotzdem gerührt und trug den Ex-Champion auf einer Woge der Sympathie durchs gesamte Wochenende.

Da konnte als Fan-Magnet nur noch Jacky Ickx mithalten. Der Grandseigneur der Rennszene steuerte einen Paris-Dakar-Porsche 953 aus dem Jahr 1984. Bei den Nachtprüfungen war er jedoch gehandikapt, weil sein Elfer keine Zusatzscheinwerfer hatte. Trotzdem zollte der sechsfache Le Mans-Sieger der Rallye-Zunft Respekt: "Das sind wahre Könner auf den schmalen Sträßchen, über Schotter, bei Nacht und dann noch im Regen."

"Das ist wie Holiday on Ice"

Der sorgte in San Marino für große Aha-Momente. "Ich hab mich richtig erschrocken", gestand Markku Alén, "Ich hatte nur durchdrehende Räder, egal in welchem Gang." Und ergänzte mit einem Augenzwinkern: "Für die Nacht habe ich Spikes bestellt." Die Nässe hatte schon bei den morgendlichen Testfahrten für Unfälle und lange Wartezeiten gesorgt. Wolf-Dieter Ihle rutschte mit seinem Sport Quattro S1 in einen Notausgang – und überrollte einen Fotografen. Der hatte Glück im Unglück: Er war in eine Kuhle gefallen und erlitt lediglich einen Beinbruch. Als Ihle den Italiener am nächsten Tag im Krankenhaus besuchte, fragte der besorgt: "Dem Auto ist doch hoffentlich nichts passiert?"

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Mit der Nacht und den sinkenden Temperaturen wurde die Piste zunehmend glitschiger. Sainz-Beifahrer Luis Moya: "Ich bin auf dem Weg zur Zeitkontrolle fast hingefallen. Das ist wie Holiday on Ice."

War die Fuhre erst mal in Fahrt, ließ sie sich kaum bremsen

Selbst unser 210 PS starker Golf kämpfte mit Traktionsproblemen, an ein Ausdrehen der Gänge war nicht zu denken. Egal in welchem Drehzahlbereich – die Räder hatten null Grip. War die Fuhre erst mal in Fahrt, ließ sie sich kaum bremsen – und das mit den weichsten Pirelli-Regenreifen. Im Ziel meinte Co-Pilot Peter Thul trocken: "Das hat schon gepasst, wir haben Per Eklund zwölf Sekunden abgenommen."

Zusätzlich hatte der Veranstalter immer wieder enge Schikanen installiert, um die Rallye zu entschärfen. Die großen, runden Strohballen wurden im Regen jedoch zu steinharten Bollwerken, die in der Lage waren, jedes Auto zu demolieren. Ausgerechnet dem Spitzenreiter Markku Alén wurden sie fast zum Verhängnis. Der Finne hatte im Training versäumt, eine der Schikanen aufzuschreiben. Im Wettbewerb schoss er mit seinem Lancia Rally 037 um eine ultraschnelle Vollgas-Rechts – und stand plötzlich vor Strohballen und Absperrbändern. Ausweichen oder bremsen – keine Chance. Der 037 knallte mit vollem Tempo zwischen zwei Strohballen, wie durch ein Wunder passte er exakt durch. "Noch nicht mal die Spiegel haben wir abgerissen", gab Alén zu Protokoll. "Die schnellste Schikane meines Lebens." Beifahrer Ilkka Kivimaki blickte erschreckt von seinem "Gebetbuch" auf und fragte: "Wie viele Zuschauer haben wir getroffen?"

Sonntagmorgen war es nur noch feucht – Zeit für leicht geschnittene Slicks und eine zusätzliche Portion Motivation. Doch der erste Dämpfer kam schon nach wenigen hundert Metern. Zunächst ging es zügig in einen kleinen Ort, gewürzt mit einer Schikane, die in einen Rechts-Abzweig mündete. So stand es im Aufschrieb, so hatte es auch Peter Thul vorgelesen. Aber Pilot und Golf strömten geradeaus weiter. Rückwärtsgang rein, Wut im Bauch. Und schon kam der nächste Fehler: Ein enges Sträßchen führte in eine breite Hauptstraße. Also von außen mit viel Schwung um die Ecke – und mitten hinein in den nächsten Aha-Moment: Die Hauptstraße ist zweigeteilt. Der Golf rutschte elegant Richtung Gegenfahrbahn, direkt vor ein Sperrband und ein Spalier von Zuschauern. Den Weg auf die richtige Fahrspur versperrte eine solide Fahrbahn-Trennung. Also erneut in den Rückwärtsgang. Im Hinterkopf reifte der Gedanke: Wenn man auf Angriff fährt, dann sollte man die Schlüsselstellen vielleicht etwas intensiver trainieren.

Eine Hinterhältigkeit jagt die andere

Dass ich mit dieser Erkenntnis nicht allein blieb, lag an einer kleinen Hinterhältigkeit, die der Veranstalter am Ende der Prüfung eingebaut hatte: Von der Hauptstraße ging es rechts auf einen Schotterparkplatz, rund um einen Strohballen zurück in Gegenrichtung, über eine Abbiegespur auf die Gegenfahrbahn und dann Richtung Ziel. Das klingt nicht nur kompliziert, sondern ist es auch.

Alén hatte den Lancia so vehement vom Schotter zurück auf den Asphalt getrieben, dass der 037 über den soliden Mittelstreifen gleich auf die Gegenfahrbahn hechtete. Kivimaki, noch in den Aufschrieb vertieft: "Es gab einen üblen Rumpler und dann gleich einen zweiten, als Markku wieder auf die richtige Fahrbahn zurücksprang." Glücklicherweise waren die Randsteine des Mittelstreifens nicht allzu hoch, sonst hätte dieser Ausrutscher Alén den sicheren Sieg gekostet.

Ihre Chancen verspielt hatten da längst Juha Kankkunen und Michael Gerber, bei dessen Audi Sport Quattro S1 schon im Shakedown-Test eine Ventilfeder am Triebwerk gebrochen war. Kankkunen gewann immerhin zwei Prüfungen, bis auch sein Motor nicht mehr mitspielte. Alen ätzte: "Der sieht ja nicht mal mehr den Drehzahlmesser." Kankkunen konterte: "Dafür gibt es den Drehzahlbegrenzer." Neben den Finnen zeigte sich auch Sepp Wiegand im Golf G60 gut aufgelegt. Am Ende reichte es für den Youngster zu Rang fünf in dem recht anspruchsvollen Umfeld.

Jetzt werden sie wieder weggepackt, die Gruppe B-Monster, und der Berg hat seine Ruhe. Aber alle fiebern schon dem nächsten Jahr entgegen, wenn sie rund um San Marino erneut den Jurassic Park der Rallye-Szene geben.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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