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Rallye San Marino

Rallye-Legenden bringen die Erde zum Beben

Rallye San Marino Eindrücke vom Rennen Foto: Hans-Dieter Seufert 68 Bilder

In San Marino leben alte Rallye-Tage wieder auf, wenn Walter Röhrl und Co. in ihren wilden Gruppe B-Autos heftig Gas geben. Ausnahmezustand in San Marino. Einmal pro Jahr wird die Rallye-Zeitrechnung um rund 25 Jahre zurückgedreht. Die alten Helden aus dem Lancia-Museum bekommen Ausgang und jagen mit Vollgas über die winkeligen Pisten des italienischen Stadt-Staats.

09.11.2010 Bernd Ostmann

Alles ist unterwegs, vom legendären Stratos über den PS-strotzenden S4 bis zum Integrale. Schade, dass Fiat-Chef Sergio Marchionne diesen Aufmarsch an italienischem Tafelsilber nicht verfolgt, vielleicht würde ihm dabei klar werden, welche Kraft immer noch in der legendären Marke steckt.

Automobile Stars in San Marino

Quasi als feine Garnitur im Lancia-Feld sind die drei Audi zu sehen. Ein langer
Quattro von Roger Lötzner, dazu zwei S1 mit Michael Gerber und Superstar
Walter Röhrl als Piloten. Apropos Stars: Nirgendwo ist die Weltmeister-Dichte höher als in San Marino. Wenn Lancia-Sammler Paolo Valli, der Veranstalter der Rallye, ruft, dann kommen sie alle: die italienischen Lancia-Stars Sandro Munari und Miki Biasion, die Toyota-Fraktion mit Juha Kankkunen und Didier Auriol, François Delecour mit dem Peugeot 206 WRC.

Und selbst das Vorausfahrzeug war mit Ex-Formel 1-Pilot und Le Mans-Seriensieger Jacky Ickx hochkarätig besetzt. Das Starterfeld reicht also vom Audi S1, der es bei einem Ladedruck von 1,8 bar auf satte 605 PS bringt, bis zum eher unscheinbaren VW Golf mit gerade mal 180 PS, dafür mit großer Historie: Kenneth Eriksson hat 1987 damit die einzige WM-Rallye für Volkswagen gewonnen. Für mich ist es eine kleine Zeitreise. Als der Rallye-Golf noch in den Kinderschuhen steckte, fuhr ich zusammen mit dem Schweden Kalle Grundel eine Test-Rallye. Das war exakt vor 25 Jahren.

Achtung vor der automobilen Historie

Die Devise heißt deshalb: Vorsicht, man sollte das historische Stück nicht zerstören, man sollte sich aber auch nicht blamieren. Also volles Licht am Start der ersten Nachtprüfung: Jeder Scheinwerfer hat einen eigenen Schalter. Im Golf sind es drei, im Röhrl-Quattro ist es eine Batterie von Schaltern, die gleich zwei Reihen auf der Mittelkonsole einnimmt. Nicht umsonst war der lange Regensburger auch der Nebelexperte seiner Zeit. Erster Gang, Drehzahl hoch und los.

Es geht über eine kurze Gerade, wir kommen bis in den Dritten. "Links zwei in Links zwei" tönt es über die Lautsprecher im Helm. Ich stauche den Golf kurz zusammen, lenke ein, bin wieder am Gas - und erschrecke heftig. Volle Blendung in einem einzigen Bitzlichtgewitter. Es bleibt aber keine Zeit für eine Schrecksekunde. Aus dem Lautsprecher tönt es: "60, Achtung Rechts
zwei". Ich bleibe am Gas. Erst vor einem Kunststoffzaun und der Menschen-
Barriere am Kurvenaußenrand habe ich wieder Sicht.

Die Rallye erstickt vor Zuschauern

Die Menge jubelt. "Die Rallye erstickt irgendwann an den Zuschauern", wird Walter Röhrl später sinnieren. "Wenn ich mir die alten Videos ansehe, dann denke ich: Welcher Wahnsinn, wie wir früher durch die Zuschauer gebrettert sind." Der Ex-Audi-Star hatte vor dem Start aber auch noch andere Sorgen: "Eigentlich muss man mit diesen Autos aufpassen, da darf nichts passieren. Andererseits kommen die vielen Menschen hierher, um mich schnell fahren zu sehen." Wie gesagt, das waren die Sorgen vor dem Start.

Zwei Stunden später zeigte sich ein Röhrl in bester Rallye-Laune: "Wenn du den Helm aufsetzt, dann ist es wie früher. Dann regst du dich eigentlich nur auf, dass der Apparat nicht schnell genug den Ladedruck aufbaut." Und die Zuschauer? "Manchmal siehst du vor lauter Fans die Straße nicht. Das ist wie früher." Dabei hatten die Organisatoren einiges getan, um die Zuschauermassen in den Griff zu bekommen.

San Marino ist nicht die Welt von Jacky Ickx

Ein Rundkurs wurde beispielsweise über Nacht hermetisch abgeriegelt, damit man am Rallyetag die Fangemeinde gezielt auf sichere Plätze leiten konnte. Vorauspilot Jacky Ickx, nicht gerade als Unerschrockener der PS-Zunft bekannt, war das alles ziemlich suspekt: "Ich bin einmal in Belgien die Boucle de Spa-Rallye gefahren, da war ich total verloren. Und auch hier: Nachts, bei diesem Tempo, mit Slicks auch noch über Schotter, das ist nicht meine Welt."

Ex-Rennstar Klaus Niedzwiedz, für n-tv mit einer Kamera am Streckenrand aktiv, fuhr der Schreck mächtig in die Glieder, als Miki Biasion im Lancia Delta S4 anbretterte. "Der drehte sich vor meinen Füßen." Was der Ex-Racer nicht wusste: Biasion hatte den Lancia extra schmal bereifen lassen und entzückte die Fans überall, wo etwas Platz war, mit anmutigen Lancia-Kreiseln. Eine ganz besondere Showeinlage hatten sich Organisator Paolo Valli und Biasion für den zweiten Rallyetag einfallen lassen.

Lancia Prototyp mit 700 PS in San Marino

Um die Zuschauermassen auf einem Rundkurs für die bevorstehende richtige Rallye einzustimmen, hatte das Duo im Lancia-Museum den Prototyp namens ECV ausgefasst, der eigentlich nach der Gruppe B die neue Gruppe S einleiten sollte. Das Monster mit über 700 PS war nie zuvor gelaufen.

Die Fans gerieten völlig aus dem Häuschen, als Biasion mit vollem Ladedruck über die Piste glühte. Nach einigen tödlichen Unfällen hatte die Sportbehörde die Gruppe B und damit auch die geplante Gruppe S Ende 1986 von den Rallye-Pisten verbannt. Die Renaissance der wildesten Rallye-Autos aller Zeiten in San Marino wird von der FIA nicht gern gesehen. Deshalb durften die Gruppe B-Monster erstmals auch nicht in der offiziellen Rallye, sondern nur als Vorausfahrzeuge starten. Was der Veranstaltung nicht schadete.

Getriebewechsel gehören im Rallye-Lager quasi zur Routine

Erstens fuhren die Herren Weltmeister weltmeisterlich. Zweitens gab es zwar keine "offiziellen" Zeiten, trotzdem war jeder über die Zeiten der Konkurrenz bestens im Bilde. Und am Ende gab es für die Audi-Piloten Walter Röhrl und Michael Gerber sogar Trophäen. Während Röhrl in einem Ex-Blomqvist-Quattro des Stuttgarters Wolf-Dieter Ihle startete, pilotierte Gerber - der Ex-Star der deutschen Rallye-Meisterschaft - einen S1, der einst für die Akropolis-Rallye gebaut wurde. Nach dem Audi-Rückzug aus der Rallye-WM aber kam er nicht mehr zum Einsatz.

Eigentlich war dieser S1 mit seinem Doppelkupplungs-Getriebe und einem ausgeklügelten Umluftsystem, das den Turbo immer bei Drehzahl-Laune hielt, die Spitze der Quattro-Entwicklung. Weil es aber nur noch zwei der PDK-Getriebe gibt, startete Gerber mit einer normalen Sechsgang-Schaltbox. Getriebe-Zoff gab es auch beim Golf. Plötzlich fehlte der zweite Gang. Aber Getriebewechsel gehören im Rallye-Lager quasi zur Routine. Am nächsten Tag rollte der einstige WM-Lauf-Sieger klaglos weiter.

Röhrl war absoluter Publikumsmagnet

Ganz andere Probleme plagten Juha Kankkunen. Bei der Freitagnacht-Etappe war der Finne noch ganz vorn dabei. Dann schlug eine nicht auskurierte Virus-Infektion wieder zu. In der Nacht musste der Ex-Weltmeister noch ins Krankenhaus und an den Tropf. Die kleine Schwäche des Ex-Siegers nutzte François Delecour, der im Peugeot 206 WRC aus dem Jahr 1999 die diesjährige Rallye Legend gewann. "Ich bin das erste Mal hier. Eine tolle Atmosphäre, kein Vergleich zur WM. Hier fühlt man sich wohl. Es ist toll mit all diesen Fans."

Seine liebe Not mit den Fan-Massen hatte Kollege Röhrl. Egal, wo der Regensburger auftrat, er wurde von seinen Anhängern umringt. Sie kamen sogar mit kleinen Präsenten, und Röhrl scherzte: "Eigentlich hätte ich mit einem Lastwagen anreisen sollen." Der zweifache Rallye-Weltmeister ist immer noch der absolute Publikumsmagnet. Seine Rallye-Karriere ist aber nicht ganz spurlos an ihm vorübergegangen. Der Rücken spielt nicht mehr so richtig mit. Das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring musste er schon absagen.

"Mittlerweile habe ich wenigstens nachts keine Schmerzen mehr." Dafür hat sich der Schmerz jetzt in den Fuß verlagert. Und während Röhrl eifrig Autogramme schrieb, ätzte ein Konkurrent: "Jetzt tut ihm wahrscheinlich auch noch das Handgelenk weh."

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