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Romain Dumas im Porträt

Porsche-Werkspilot und Multitalent

Romain Dumas, Porträt, Impression, Rennfahrer Foto: Hans-Dieter Seufert 17 Bilder

Sein Geld verdient der Franzose Romain Dumas als Werksfahrer im 1.000-PS-Porsche-919. Auf eigene Faust startet er daneben in der Rallye-WM, bei historischen Rallyes, am Pikes Peak und bei der Rallye Dakar. Besuch bei Monsieur 100.000 PS.

10.02.2016 Claus Mühlberger Powered by

Mit Karacho rauscht der Porsche Cayenne auf den Hotelparkplatz am Ortsrand von Alès in Südfrankreich. Ein ziemlich kleiner, drahtiger Mann federt aus dem schwarzen SUV und eilt mit großen Schritten zum Eingang. Dass der schwere Wagen reichlich schief steht und ungefähr eineinhalb Parkplätze belegt, kümmert den Fahrer nicht. Französisches Laissez-faire eben.

Gestatten: Romain Dumas. Tausendsassa und Nimmersatt des Rennsports. Dumas ist einer, der einfach nie genug bekommen kann von der Rennerei. Was vielleicht daran liegt, dass er als er junger Mann nicht viel zum Fahren kam – Geldmangel. Jetzt als Enddreißiger arbeitet er diesen Nachholbedarf ab – mit einem schier unglaublichen Mammutprogramm: Seinen Lebensunterhalt verdient er als Werksfahrer bei Porsche in der Endurance-WM. "Das hat absolute Priorität", sagt er pflichtschuldig.

Dann aber kommt das Kürprogramm. Es ist gewaltig: Dumas startet mit seinem eigenen Porsche 911 in der Rallye-WM, er fährt historische Rallyes, natürlich auch im Elfer. Beim Bergrennen Pikes Peak kanonierte er sich in einem 610 Kilo leichten Sportwägelchen von Norma, ausstaffiert mit 540-PS-Turbomotor, zum Gipfel in 4.300 Metern Höhe. Bei der Königin der Wüsten-Rallyes, der "Dakar", lotet er seine psychischen und physischen Grenzen aus. Zwischendrin akquiriert er Sponsoren.

Romain Dumas' Lebenselixier ist die Rastlosigkeit

16-Stunden-Tage sind normal für Dumas. "Oft komme ich erst abends um zehn nach Hause – und dann ist es Zeit fürs Bett." Rastlosigkeit als Lebenselixier. Dumas ist wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt. Und warum der ganze Stress? Sein Treibstoff ist die geradezu kindlich-naive Begeisterung für den Sport. Gepaart mit einer guten Portion Ehrgeiz und der Gewissheit: "Ein Mann braucht doch eine Beschäftigung! Was machen die Werksfahrer denn so den ganzen Tag? Okay, sie treiben Sport. Und dann? Ha! Das ist mir zu wenig."

Dumas gehört zu jenen Zeitgenossen, für die der Tag gerne auch 25 Stunden haben könnte. Denn er fährt seine Rennautos nicht nur, er bereitet sie auch selbst vor. Dabei helfen ihm ein paar Kumpels. "Wir sind gut ein Dutzend Leute, davon drei Vollzeitangestellte. Alles Jungs, die ich noch aus der Schule kenne. Wir präparieren meine Autos, aber wir haben auch Kunden." Dann schaltet Dumas noch mal einen Gang höher: "Ich prophezeie: Wer einen guten Porsche 911 R für die Rallye-WM haben will, der kommt an uns nicht vorbei." Dumas und seine Kumpels erinnern etwas an Asterix und die anderen aus dem kleinen gallischen Dorf, die den Römern so oft zeigten, wo der Hammer hängt.

Die Entscheidungswege im RD-Team (die Initiale stehen natürlich für Romain Dumas) sind kurz, die Begeisterung für die Sache schier grenzenlos – und die Methoden seltsam: "Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2013 saß ich mit den Jungs beieinander, und plötzlich sagte einer: Für unseren dritten Anlauf am Pikes Peak nehmen wir einen kleinen Prototypen von Norma – und wir geben ihm einen 911er-Motor." Gesagt, getan: "Wir haben sofort aus einem 911 Turbo den Motor ausgebaut. Nur um dann zu sehen: Hoppla, der Motor ist ja beinahe größer als das ganze Auto. Das passt unmöglich zusammen."

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Porträt Romain Dumas
auto motor und sport 22/2015
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"Wir bauen den Motor selbst"

Für die Dumas-Equipe war dies aber kein Grund zum Verzagen: "Da müssen wir halt schnell einen Motor selber bauen", warf einer in die Runde, "pas de problème." Als Basis diente ein Honda- Vierzylinder. "Die Jungs haben einen großen Turbo drangefummelt. Ich dachte: Das funktioniert nie. Das Budget war lächerlich, nur 40.000 Euro."

Doch siehe da, der Honda-Zweiliter war eine Bombe: "540 PS. Tolle Fahrbarkeit. Und im dritten Anlauf habe ich endlich das Gesamtklassement gewonnen. Das Schönste daran war aber, dass einer meiner Kunden mit einem 911 auch noch die GT-Klasse gewann." Dann wird Dumas plötzlich ernst: "Der Pikes Peak ist gefährlich. Fast keine Leitplanken, und du fährst bis zu 245 km/h. Da solltest du schon wissen, was du tust."

Manchmal wirkt Dumas etwas gehetzt und fahrig. So, dass man beinahe glauben könnte, man wäre beim Casting für das Remake einer Louis-de-Funès- Komödie. Dumas mag es nicht, mit dem Großmeister der Zappeligkeit verglichen zu werden. "Da kann Romain schon ein bisschen sauer werden", sagt Timo Bernhard, sein langjähriger Teamkollege bei Porsche und Audi.

Doch genau wie der vermeintlich so lustige Mime de Funès im wahren Leben ein eher griesgrämiger Zeitgenosse war, so täuscht auch bei Dumas der erste Eindruck. Der Südfranzose versteht es, zielstrebig und erfolgreich zu arbeiten. Die Statistik beweist es. Die Liste seiner Unfälle ist denkbar kurz, die seiner Erfolge umso länger. Die Highlights: der Sieg in Le Mans 2010 mit Audi, der Triumph am Pikes Peak oder neulich der Klassensieg bei der Rallye Deutschland im 911 GT3. Viermal gewann er das 24h-Rennen am Nürburgring im Manthey-911.

Romain Dumas und die zahlreichen Rallye-Engagements

Die Leidenschaft für den Rallye-Sport erbte Dumas von seinem Papa, einer regionalen Driftgröße der 80er-Jahre. Als der Sohn ihm nacheifern wollte, ging das erst mal in die Hose, sprich in den Graben. "Ich fuhr mit meinem Anwalt", sagt er. "Im Auto hat's nicht gepasst. Wir blieben aber Freunde." Dumas schaute sich nach einem neuen Co um, und er fand Denis Giraudet. "Er ist 59, und er hat 35 Jahre Rallye-Erfahrung."

Der ausgebuffte Profi dirigierte Dumas beim deutschen WM-Lauf zum Klassensieg. Für Dumas ein ganz besonderer Triumph, denn sein härtester Gegner in der GT-Kategorie heißt François Delecour, Rallye-Vizeweltmeister von 1993 und als schwieriger Charakter verschrien. "Mit François rede ich kein Wort mehr", sagt Dumas, "der spinnt ein bisschen." Dumas macht den Scheibenwischer: "François? Balla-balla!"

Weniger mit den Gegnern als vielmehr mit sich selbst und der Technik seines Gefährts, eines Buggy von MD mit Ami-V8, musste sich Dumas im Januar 2015 bei seiner ersten Dakar-Rallye auseinandersetzen. Dabei lief es prächtig. "Platz 19 am ersten Tag. Da haben alle gestaunt. Ich am meisten." Doch dann begann der Ärger: "Am zweiten Tag musste ich beide Antriebswellen und die Lenkung wechseln. Bei 46 Grad im Schatten. Wir hatten kein Wasser mehr. Mir war schwindelig. Ich dachte, ich muss sterben. Oder zumindest aufgeben."

Doch Dumas und Co François Borsotto, ein Dakar-Veteran, bissen sich zäh durch. Im Hochland Boliviens kam die nächste schwere Prüfung: "Bei einer Wasserdurchfahrt soff der Motor ab. Einheimische haben uns abgeschleppt. Unglaublich, wie nett und hilfsbereit diese Leute waren. Sie haben nichts und sie gaben uns alles, Tee und was zum Essen. Es war arschkalt, null Grad, in 3.300 Metern Höhe, und wir haben in den feuchten Overalls fürchterlich gefroren."

"Das Härteste, was ich in meinem Leben je erlebt habe"

"Was zum Teufel mache ich hier?", fragte er sich. Aber er gab nicht auf. Über Satellitentelefon holte er sich Rat bei einem Experten in Frankreich. Nachts um zwei startete der V8 wieder. Doch die Mühe war vergebens: Drei Tage später streckte der Buggy endgültig die Waffen. Ausfall. "Ob ich die Dakar nochmals fahre?", sinniert er.

"Ich denke schon. Aber nur mit einem Werksauto oder in einem von mir selbst vorbereiteten Auto. Das, was in diesem Jahr passiert ist, war das Härteste, was ich in meinem Leben je erlebt habe. So etwas brauche ich nicht mehr." Dabei ist es Dumas gewohnt, sich zu quälen. Bis vor drei Jahren lief er regelmäßig Marathon. "Meine Bestzeit war 3,14 Stunden", verrät er. "Nicht schlecht für einen Amateur. Doch jetzt laufe ich keine Rennen mehr." Warum? "Keine Zeit."

"Irgendwie ging es immer weiter, obwohl ich meist nur 20 Prozent des Budgets hatte." Trotz notorischen Geldmangels biss sich der Franzose Romain Dumas, Jahrgang 1977, hartnäckig durch die Nachwuchsformeln. Seit 2004 ist er Porsche-Werksfahrer. Viermal siegte er im 911 des Manthey-Teams beim 24h- Rennen am Nürburgring. 2010 gewann er mit Timo Bernhard und Mike Rockenfeller im Audi R15 TDI die 24 Stunden von Le Mans. Dumas' Lebensgefährtin Elysia ist Sozialarbeiterin. Das Paar hat einen fast zweijährigen Jungen, Gabin.

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