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Stadium Super Trucks

Anschnallen zum Sprung-Festival

Stadium Super Trucks, Impression, Motorsport Foto: John Rettie, Scott Strupe, dpa 15 Bilder

Rodeo auf Rädern: Die Stadium Super Trucks von Offroad-Rennlegende Robby Gordon liefern eine der verrücktesten Motorsport-Shows des Planeten. Bitte fest anschnallen zum Sprung-Festival der furchtlosen US-Gladiatoren mit ihren 600-PS-Pickups.

11.03.2016 Claus Mühlberger

Formel-1-Impresario Bernie Ecclestone wird oft als Zirkusdirektor bezeichnet. Das mag ja stimmen. Doch wer bei den oftmals langatmigen Luftnummern der angeblichen Königsklasse schon mal auf dem Kanapee sanft entschlummert ist, hält den greisen Briten mit der Pilzfrisur allenfalls für den Chef eines Flohzirkus. Ein Blick über den Tellerrand respektive über den Zaun des festungsartig gesicherten Grand-Prix-Fahrerlagers würde dem GP-Volk neue Horizonte eröffnen.

60 Meter weite Sprünge

Seit drei Jahren setzen die Stadium Super Trucks (SST) neue Maßstäbe in puncto Entertainment, Action und Show. In eigens aufgebauten Stadien, aber auch auf richtigen Rennstrecken hüpft ein Dutzend Pickups um die Wette. Keine Luftnummer – eher ein Weltklasse-Zirkus. "Die Autos haben 600 PS, 90 Zentimeter hohe Räder und mehr als einen halben Meter Federweg. Sie springen bis zu vier Meter hoch und 60 Meter weit", sagt Robby Gordon, ohne eine Miene zu verziehen. So, als wäre dies das Einfachste auf der Welt.

Gordon, 47, ist der Erfinder, Cheftechniker, Organisator und Zirkusdirektor der SST. Nebenbei sitzt der Amerikaner auch selbst im Cockpit der sprunggewaltigen Rennwagen, und wenn es sein muss, hilft er auch noch beim Aufbau der Strecke mit und postiert mit einem Gabelstapler irgendwelche Betonbarrieren. Höchstpersönlich überprüft er, ob die rund vier Meter hohe Sprungrampe aus aufgeschütteter Erde den Ansprüchen genügt. Eine Viertelstunde bevor die ersten Zuschauer eingelassen werden, kurvt Gordon noch mit schwerem Gerät über die Piste. Improvisation ist Trumpf bei der SST.

Gladiatoren auf der Schanze

"Willst Du nachher mal selber fahren?", fragt Gordon den auto motor und sport-Mann kurz vor der Show auf dem großen Parkplatz hinter dem Rio-Hotel in Las Vegas. Verzagte Antwort: "Ja, ähh, gerne. Aber ich weiß nicht so recht, so ein Auto bin ich noch nie gefahren." Diesen Einwand lässt Gordon nicht gelten: "Kein Problem!", wiehert er. "Du hast den besten Lehrer, den es gibt – mich! Komm nachher einfach wieder vorbei."

Aber bevor ein SST-Laie im Pickup dilettieren darf, ist erst mal Showtime. 4.000 oder 5.000 Fans sind in Las Vegas gekommen. Die meisten sind wohl zum ersten Mal live bei der großen SST-Show. Denn so viele Ahhs und Ohhs und Yeahs und offene Münder sieht man selten bei einem Sport-Event. Die Leute trauen ihren Augen kaum, wenn die Gladiatoren der Neuzeit über die Schanzen hechten. Teils zu zweit nebeneinander, manchmal auch zu dritt. Meist im Millimeterabstand, sodass der Hinterherspringende schier auf der Ladefläche des Vordermanns zu landen scheint.

Eine gute Sicht nach vorne ist den SST-Fahrern offenbar nicht besonders wichtig. Nach einem Feindkontakt löste sich die Motorhaube am Truck von Scotty Steele und stand fortan senkrecht nach oben, sodass der Fahrer nichts mehr sehen konnte. Dies hinderte ihn aber keineswegs daran, weiter tüchtig Gas zu geben. "Kein Problem", knurrt Gordon im Stile des ewig übellaunigen Fußballlehrers Huub Stevens. "Die Jungs wissen, wo es hingeht. Die Strecke ist ja nicht besonders lang."

Checks wie beim Eishockey

Wenn die SST-Renner Bodenkontakt haben, sind sie kaum weniger furchterregend. Das günstige Leistungsgewicht sorgt für ansprechende Längsdynamik: 600 PS müssen sich mit bloß 1.360 Kilo Leergewicht abmühen.

Absolut irre ist die Seitenneigung in den Kurven: Da wanken die Pickups so wie die Citroën 2CV in alten Louis-de-Funès-Witzfilmen. 45 Grad Schräglage – da ist die Rolle seitwärts nicht weit. "Aber der Grip ist dann am besten", wirft Gordon ein. Weil der Ausfederweg an der Vorderachse etwas knapp bemessen ist, hängt das kurveninnere Vorderrad frei in der Luft. Fast schaut es so aus, als würde der SST mit dem Rad ins Publikum winken wollen, so wie es Flipper mit seiner Frontflosse in der Delfinshow von Seaworld macht.

18-Jähriger schlägt Offroad-Koryphäe

"Unsere Autos mögen Asphalt nicht so sehr", verrät Sheldon Creed. Der 18-Jährige brachte das Kunststück fertig, die Offroad-Koryphäe Gordon im Endspurt der Meisterschaft niederzuringen. Creeds Rezept für den Titelgewinn: "Wenn du schnell sein will, musst du dich zurückhalten. Wer allzu wild driftet, ist langsam." Und die Schlagseite in den Kurven? "Ja, das schaut von außen ziemlich beunruhigend aus. Von innen ist es aber halb so schlimm."

Die Rennen sind nicht besonders lang: Zehn Minuten, dann ist kurz Pause. Zeit für Fans zum Nachtanken an der Bierbar. Die SST-Reiter debattieren inzwischen im Fahrerlager über den letzten Heat. Und zwar freundschaftlich. Wie beim Eishockey gehören Bodychecks bei den SST dazu – kein Grund zur Aufregung. Die SST ist ein Spielplatz für Burschen, die den Stier bei den Hörnern packen. Rodeo auf vier Rädern, bloß komfortabler. Im Gegensatz zu bockenden Bullen haben die SST-Renner nämlich ordentlich Federweg. Und runterpurzeln kann man dank der Vertäuung durch Sechspunktgurte auch nicht. Ein zünftiger Überschlag dagegen gehört zur Tagesordnung. Aber selbst nach derbsten Dreifachsalti können die wilden Reiter meist weitermachen. Die Technik der SST-Autos ist anscheinend unverwüstlich. "Seit drei Jahren gibt es unsere Serie", sagt Gordon. "In dieser Zeit hatten wir noch keinen einzigen Verletzten."

Mit gnadenlosem Optimismus

In gewisser Weise erfüllt Gordon die meisten Klischees über Amerikaner: Er ist laut. Er ist fast immer bester Laune. Er ist immer gnadenlos optimistisch. Er hat immer pragmatische Lösungen parat. Und launige Sprüche sowieso. Gordon spricht schon mal in Sadomaso-Jargon über seine Autos: "Du kannst diese Autos peitschen und quälen. Du kannst sie richtig ausquetschen. Die Jungs können sich in die Kisten fahren, und nichts geht kaputt."

In seiner langen Rennfahrerkarriere siegte Robby Gordon mit fast allem, was vier Räder hat: mit Indy-Cars und mit NASCAR-Stockcars, vor allem aber mit den mächtigen, fast 1.000 PS starken Trophy Trucks bei den Wüstenrennen auf der Baja California. Seine bislang vergebliche Jagd nach dem Sieg bei der Dakar-Rallye begreift er fast als nationalen Auftrag. Angesichts des dicht gepackten Rennkalenders ist es umso erstaunlicher, dass Gordon die Energie, das Budget und die Zeit fand, diese Serie aus dem Boden zu stampfen. Besonders wichtig ist ihm die Chancengleichheit. "Bei mir soll der Fahrer der entscheidende Faktor sein. Das gibt es nicht oft im Motorsport."

Zu kaufen gibt es die SST nicht. Alle Autos gehören Robby Gordon. Er vermietet sie zum Fixpreis. "Die aus zehn Rennen bestehende Saison kostet 225.000 Dollar", sagt er. "Da sind aber die meisten Unfallschäden schon dabei, also Bleche und Aufkleber. Wenn wirklich mal was Größeres passiert ist – kein Problem. Dann tauschen wir schnell ein paar Teile aus. Und weiter geht's."

Wackelpudding auf Rädern

Selbstversuch im 600 PS starken Pickup: Ein Stadium Super Truck ist eine seltsame Mischung aus wildem Mustang und störrischem Esel.

Was ist das Wichtigste bei einem SST?", frage ich. Wir stehen auf dem gigantischen leeren Parkplatz des Rio-Hotels in Las Vegas und Robby Gordon holt tief Luft: "Das Auto mag sehr gerne driften. Aber wenn du versuchst, den SST wie ein normales Rennauto zu fahren, entwickelt er furchtbares Untersteuern. Du musst das Auto schon beim Bremsen in die richtige Richtung zwingen."

Zweiter Gang geht bis 170 km/h

Aha. Ab ins Cockpit. Wie bei einem NASCAR-Rennwagen gibt es keine Türen. Man schlüpft durchs Seitenfenster. Auch auf eine Frontscheibe muss man verzichten. Gut so. Frischluft von vorne trocknet den Angstschweiß schneller. Obwohl die SST-Renner ziemlich kompakt sind, sitzt man sehr kommod hinter dem großen Lenkrad. Mittels zweier grobschlächtiger Eisenstangen in der Mittelkonsole werden die Handbremse und das Dreigang-Automatikgetriebe befehligt. "Der Zweite reicht bis 105 Meilen, also 170 km/h. Den dritten brauchst du hier nicht", sagt Gordon.

Der rumpelige V8-Sound erinnert an NASCAR-Schlachtrösser. Die Beschleunigung aber enttäuscht ein wenig. 600 PS und nicht mal 1.400 Kilo – dafür geht es eher gemächlich zur Sache. Doch was ist das? Ein kurzes Zucken am Lenkrad – und der SST macht Zicken. Er neigt sich bedrohlich zur Seite. Okay, Lektion eins ist gelernt: Schon auf kleinste Lenkradbewegungen reagiert der SST hypernervös. Geradeauslauf? Ein Fremdwort für den kleinen Pickup. Blöderweise zeigt er nur dann eine zähe Neigung zum Geradeausfahren, wenn man eine Kurve meistern will. Dann rodelt er, wie von Gordon prophezeit, in Richtung Abseits.

Gut, dass der Parkplatz riesig ist. Schlecht, dass Lichtmasten herumstehen. Nächste Kurve, nächster Versuch: etwas weniger Speed, dafür kurz an der Handbremse gezupft – das ist anscheinend der artgerechte Umgang mit dem SST. Das Auto macht tatsächlich Anstalten, dem geplanten Radius zu folgen. Allerdings mit beängstigender Schräglage. Das Vorderrad hängt in der Luft, 20, 30 Zentimeter über dem Boden. John, der Fotograf, ist begeistert. Kurz danach strahlt auch Gordon. Aber hauptsächlich, weil er das Auto in einem Stück zurückbekommt.

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