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Verbindungsetappen bei Rallyes

Wenig Vollgas, viel Langeweile

Wales Rallye GB Foto: McKlein

Alles redet von Zeiten, Fehlern und Pannen auf den Prüfungen, auf denen sich Rallyes entscheiden. Aber die Fahrer verbringen den mit Abstand größten Teil der Rallye-Wochenenden auf Verbindungsetappen – ein ständiger Kampf gegen die Langeweile.

13.05.2016 Markus Stier Powered by

Der Weltmeister ist leicht genervt: "Ich weiß ja, dass das Teil des Jobs ist, aber manchmal frage ich mich, was das soll? Wir sind jetzt 120 Kilometer von Thorsby runtergefahren, weil man den Service-Park unbedingt hier unten in Karlstad haben wollte." Die Helden von früher halten sich heute noch für solche, weil sie an einem Rallye-Wochen-ende nicht selten 40 bis 60 Wertungsprüfungen absolvierten, und nicht wenige halten die aktuelle Generation für verwöhnte Bübchen, die höchstens 20-mal den Helm aufziehen – und ansonsten früh schlafen gehen. Dabei würden die Piloten mit Handkuss öfter Vollgas geben, aber schon seit 20 Jahren haben Hersteller und der Sportverband FIA aus Kostengründen die maximalen Distanzen auf nunmehr knapp 400 WP-Kilometer gekürzt, und aus Vermarktungsgründen zentrale Service-Plätze errichtet, die sich möglichst in großen Städten befinden sollen. Der neue Service der Schweden-Rallye gastierte im kleinen Industriehafen am Ufer des Väner-Sees. Der Weltmeister mault im Angesicht eines Containerkrans: "Das soll nun urbanes Flair sein? Außerdem ist hier auch nicht mehr los als früher auf dem Flugplatz in Hagfors." Der Provinzflugplatz hatte immerhin den Vorteil, dass er eine Autostunde näher an den Rallye-Strecken in Värmland liegt.

Kurzes Vergnügen

Weil angesichts eines schweren Tauwetters viele Prüfungen ausfielen, war das Missverhältnis zwischen Action und den sogenannten Roadsections besonders krass. Mit nur zwölf Prüfungen über 226,48 Kilometer wird der zweite WM-Lauf 2016 als kürzeste WM-Rallye aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Was in Vergessenheit geraten wird, ist die Tatsache, dass die Teams für zwölf Prüfungen dennoch fast 1.500 Kilometer abgespult haben – der Wettbewerbsanteil der Strecken lag gerade mal bei rund 17 Prozent. Wenn die Werksteams nach zwei Überseeläufen in Mexiko und Argentinien nach Europa zurückkehren, werden sie im Rallye-Auto nach einem guten Viertel der Saison schon knapp 5.500 Kilometer heruntergeritten haben. Falls die weiteren Veranstaltungen planmäßig über die Bühne gehen, haben sie sich dann auf 65 Prüfungen über insgesamt 1346 Kilometer miteinander gemessen, das entspricht einem Anteil von 24,7 Prozent. Auf jeden Kilometer Vollgas kommen also im Schnitt drei Kilometer Langeweile.

Die Verbindungsetappen auf Sardinien waren 2015 so lang, dass die Teams gegen den Schlaf kämpften. Den größten Unmut erregte vor dem Umzug in den Norden von Wales der britische WM-Lauf mit dem Etappenziel in Cardiff und Prüfungen, die bis zu drei Autostunden entfernt lagen. "Am schlimmsten ist, wenn sie dich nicht schlafen lassen. In Wales kamst du immer spät ins Bett und musstest oft morgens um vier wieder raus, weil irgendwo um sechs Uhr Service war", so Ford-Fahrer Mads Östberg. Da ist Ford-Kollege Elfyn Evans fast dankbar über einsetzenden Schneefall in der Dunkelheit. "Dann musst du dich wenigstens voll konzentrieren."

Erheblich zur Ermüdung tragen gerade in den skandinavischen Ländern und Großbritannien die rigiden Tempolimits bei. Die Etappe mit schwererem Gasfuß zügiger hinter sich zu bringen, ist keine Option. "Du musst ständig auf das Tempolimit achten. An den Rallye-Wochenenden blitzt die Polizei gern", klagt Sébastien Ogier aus aktuellem Anlass: In Schweden wurde der Franzose mit 8 km/h Überschuss ertappt. Bei allzu argen Übertretungen droht den Aktiven nicht nur eine saftige Geldbuße, die Sportkommissare können auch Sportstrafen verhängen – bis hin zu einer zeitweiligen Sperre.

Viel Zeit zum Rauchen

Natürlich gibt es zwischendurch auch zu tun: Reifen wechseln, Frust runterschlucken, sich auf die nächste Prüfung vorbereiten, Wasser lassen. Rekord-Weltmeister Sébastien Loeb und Beifahrer Daniel Elena planten früher diverse Raucherpausen ein. "Zwischen den Prüfungen reden wir über eventuelle Fahrwerksänderungen, die Reifenwahl oder wir telefonieren mit den Ingenieuren", erzählt Thierry Neuville. Auf den langen Wegen zurück zum Service dagegen "wird bei uns im Auto auch viel Blödsinn geredet". Jari-Matti Latvala ist als Quasselstrippe bekannt, im VW Polo mit der Startnummer zwei allerdings ist der Finne nicht so gesprächig. Wortführer ist unterwegs der sonst eher zurückhaltende Miikka Anttila. Und der mit 43 Jahren deutlich reifere Copilot gibt auch die Themen vor: "Ich schaue, was so in den Nachrichten läuft. Dann reden wir über aktuelle Dinge, von Ölpreisen bis zu Eishockey-Ergebnissen. Aber zugegeben: Auch bei uns wird im Auto viel Unsinn gequatscht."

Kris Meeke schaut mit angestrengt gerunzelter Stirn kurz in die Luft, als rechne er für den nächsten Satz mit Ärger von oben. Dann schwenkt er mit zum Grinsen verzogenem Mund das Kinn in Richtung von Beifahrer Paul Nagle. "Wir reden darüber, welche Stellungen beim Sex ich am liebsten habe, und welche Paul mit seiner Frau so ausprobiert." Und jetzt mal im Ernst? "Wir hören Musik." Moderne Gegensprechanlagen lassen sich mit dem Smartphone verbinden, und so dudelt bei Meeke und Nagle älterer Britpop von Oasis aus den Kopfhörern. Ott Tänak und Raigo Mölder hören, was gerade im Radio läuft. Ein leichtes Generationenproblem haben Haydon Paddon und John Kennard. Der Hyundai-Nachwuchsstar ist 28, sein Beifahrer John Kennard ist der Alterspräsident der aktuellen Gilde der Werksfahrer. Während Paddon eher moderne Musik hört, mag Kennard Oldschool-Rock im Stile von Meat Loaf. Immerhin konnte man sich auf einen gemeinsamen Nenner einigen: "Hayden mag Snow Patrol, damit kann ich leben. Das Problem ist nur: Er hat gerade mal 16 Lieder auf seiner Playlist", lästert der 57-Jährige.

Keine Arien für Sainz

Luis Moya ist mit 55 nur unwesentlich jünger. Er war zweimal Weltmeister mit Carlos Sainz und unterhält heute Gäste bei VW mit Fachwissen und Anekdoten. Moya wurde nicht wegen seiner 24 WM-Siege legendär, sondern weil er seinen Aufschrieb wie ein Maschinengewehr runterrasselte. Und das Schnellsprechen ist immer noch sein Hobby. Neben dem Rallye-Geschäft kommentiert der Galizier die Spiele seines Lieblingsclubs FC Barcelona. Eine Legende besagt, er habe auf den Verbindungsetappen Opernarien für Sainz gesungen.

Moya muss lachen: "Die Geschichte ist erfunden. Tatsächlich war es bei uns nicht selten extrem still im Auto. Carlos und ich kannten uns schon so lange." Mads Östberg fährt noch nicht allzu lange mit Ola Floene, der im letzten Jahr noch neben Andreas Mikkelsen saß, doch neue Besen kehren nur kurze Zeit gut: "Die Wahrheit ist, dass es im Laufe des Wochenendes immer ruhiger wird, weil uns der Gesprächsstoff ausgeht", sagt Östberg. Und was ist mit Mikkelsen, der mit Anders Jaeger auch einen frischen Copiloten eingestellt hat? "Ach, vergiss es", sagt der norwegische Sonnyboy, "wir haben mal ein Jahr lang eine Bude geteilt. Wir wissen alles voneinander."

Mikkelsen löst das Langeweileproblem am cleversten. Er lässt sich zuweilen ins Ziel chauffieren, um eine Extramütze Schlaf zu bekommen. In Schweden musste Anders Jaeger erstmals ran. Von diesem Service träumt auch M-Sport-Nachwuchsmann Eric Camilli: "Aber ich traue mich nicht so recht. Ich bin doch noch ganz neu im Team." Kein bisschen müde ist dagegen Denis Giraudet. Keiner der Aktiven hat so viele Verbindungsetappen auf dem Buckel wie der in Ehren ergraute Franzose mit dem Winnetou- Gesicht. 60 Jahre ist er alt, seit 40 Jahren lotst er Fahrer durch die Gegend, 80 verschiedene waren es bisher. Wenn sich der Franzose zurückerinnert, dann gern an den Belgier Marc Duez: "Marc ist ein kluger Kopf und hat unheimlich viele verschiedene Interessen. Es war immer ein Vergnügen, sich mit ihm zu unterhalten." Die ausgefallenste Beschäftigung, mit der er auf dem Weg zum Etappenziel je zu tun hatte, ergab sich aber mit François Chatriot. Giraudet verrät: "Wir haben Texte geübt." Der dreimalige französische Meister Chatriot war im Nebenberuf Schauspieler.

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