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Tracktest VW Polo R WRC

Null auf 100 in 90 Metern

VW Polo WRC - Tracktest Foto: Bodo Kräling 17 Bilder

Als weltweit einzige Zeitschrift durfte auto motor und sport im VW Polo WRC Platz nehmen. Exklusive Probefahrt im 315 PS starken Kraftwürfel, der 2013 die Rallye-Welt aufgemischt hat.

12.01.2014 Claus Mühlberger

Ehra-Lessien dient als Testgelände für das Weltmeisterauto in der Rallye-WM, den Polo WRC. Für den Wolfsburger Allrad-Kleinwagen ist an diesem Tag die Handlingstrecke reserviert. Doch die knapp 400 Meter lange Gerade auf dem sonst so winkligen Kurs genügt, um die raketenähnliche Beschleunigung des kompakten Rallyeautos voll auszukosten.

Raketenstart im VW Polo WRC

Wer hurtig vom Start wegkommen will, muss dem Polo WRC allerdings zunächst mal mitteilen, dass es jetzt gleich um die Wurst geht. VW-Testfahrer Dieter Depping, der Deutsche Rallyemeister von 1994, 1996 und 1997, erklärt vom Beifahrersitz aus, welche Schritte nötig sind.

  1. Motormapping mit dem Drehknopf am Lenkrad auf Stufe 3, 4 oder 5 einstellen. So wird das ALS (Anti-Lag-System) aktiviert. Der 1600er-Turbo setzt Gaspedal-Befehle dann absolut verzögerungsfrei in Vortrieb um, weil der Turbolader im ALS-Betrieb stets den vollen Ladedruck bereitstellt. Der digitale Drehzahlmesser zeigt nach wie vor 2.000 Umdrehungen. Aber der Sound bekommt nun ein dumpf-grollendes Timbre.
  2. Kupplung treten und den ersten Gang einlegen. Das Getriebe quittiert dies mit einem unternehmungslustigen Scheppern.
  3. Den Drehkopf "Rev-Limiter" auf der linken Lenkradspeiche so lange drehen, bis die Ziffer 6.000 im Display erscheint.
  4. Handbremse ziehen.
  5. Vollgas! Der Motor heult auf und schnattert mit 6.000 Umdrehungen am Begrenzer.
  6. Kupplung schnalzen lassen. Und nicht vergessen: Handbremse loslassen!

Das Dragster-Spektakel kann beginnen: Der 1.600er-Turbomotor brüllt aus Leibeskräften. Trotz des hart abgestimmten Asphalt-Fahrwerks geht das Heck ein bisschen in die Knie. Für ein paar Augenblicke drehen alle vier Räder auf der feuchten Piste durch. Dann stürmt der Polo WRC davon wie ein raketengetriebener Usain Bolt.

Die Gänge des extrem eng gestuften Sechsgang-Getriebes müssen praktisch im Zehntelsekundentakt nachgeladen werden. Die Gangsprünge betragen nur 600 bis 800 Umdrehungen. Kein Problem, denn hochgeschaltet wird unter Volllast, und zwar ohne Kupplung.

Die Gänge flutschen präzise. Der Schalthebel verlangt aber nach entschlossenem Zupacken. Wer dies nicht beachtet, riskiert Zahnausfall. Der spätestmögliche Schaltzeitpunkt ist leicht zu erkennen. Bei rund 8.000 Umdrehungen verfärbt sich das oben auf der Lenksäule platzierte Display blutrot.

315 PS bei 1.200 Kilo Leergewicht

"3,9 Sekunden braucht der Polo von null auf hundert", sagt Motorenchef Donatus Wichelhaus. "Dafür benötigt er gerade mal 90 Meter." Aber auch jenseits der Landstraßen-Limits geht es im Polo WRC höchst druckvoll voran. Schneller jedenfalls, als man es angesichts der Daten - 315 PS bei 1.200 Kilo Leergewicht - vermuten würde. Rund vier Kilo pro PS - das ist vergleichbar mit einem Porsche 911S.
 
Aber in puncto Längsdynamik bleiben kaum Wünsche offen. Wobei man natürlich anmerken muss, dass der Polo-Motor locker doppelt so viel leisten könnte, würde ihm nicht ein Air-Restrictor mit 33 Millimetern Durchmesser einen Großteil der Atemluft rauben. Zusätzliche Drosselung für den Direkteinspritzer: Das Reglement begrenzt den Ladedruck auf 2,5 bar.
 
Auf der Geraden kommt auch der sechste Gang zum Einsatz. Nicht ganz ausgedreht, denn der Polo-Debütant hinter dem Wildleder-Volant leidet angesichts einer kleinen Kurve sowie der schmierigen Piste plötzlich unter einem hasenfüßig zuckenden Gasfuß. So liegen am Bremspunkt also nur rund 160 km/h an. Scharfes Bremsen vor der 90-Grad-Linkskurve.
 
Oha, beinahe zu spät. Die Vorderräder blockieren kurz. Also: Pedaldruck etwas reduzieren. Gleichzeitig flink runterschalten in den zweiten Gang. Weil das ohne Kupplung funktioniert, kann man mit dem linken Fuß bremsen. Sehr praktisch. Okay, das Tempo passt. Na ja, nicht ganz. Ein bisschen zu schnell. Der Polo schiebt leicht über die Vorderräder.

Ogier mit besonderer Fahrtechnik

VW-Testfahrer Dieter Depping auf dem Beifahrersitz lässt sich nicht anmerken, dass er diese Art, eine Kurve zu nehmen, bestenfalls für mittelprächtig hält. Er sagt nichts. Der dreimalige Deutsche Rallyemeister ist eben ein wahrer Gentleman der PS-Branche. Später erklärt er den Fahrstil von Weltmeister Ogier: "Seb zupft kurz vor dem Kurveneingang ganz leicht an der Handbremse, nur ganz kurz. Damit bringt er das Heck in die gewünschte Richtung. Und er kann ganz früh wieder aufs Gas gehen."

Der Gast im Polo WRC tröstet sich mit der Erkenntnis, dass selbst ein Jahrhunderttalent wie Ogier zu seiner Anfangszeit wohl etwas mehr als eine halbe Stunde benötigte, um solche Tricks zu erlernen - und sie auch auf den allerschmalsten Pisten fehlerfrei zu reproduzieren. Zumal die aktuelle Generation der World Rally Cars auf Befehl der Regelmacher der FIA mit simpler, geradezu archaischer Technik auskommen muss, was den Allradantrieb angeht. So sind an Vorder- und Hinterachse nur noch mechanische Differenziale zulässig, und ein Mitteldifferenzial ist sogar kategorisch verboten.
 
Aus dem starren Durchtrieb resultiert speziell in engen Kurven naturgemäß krasses Untersteuern, sofern der Fahrer nicht entschlossen dagegenhält. Vor wenigen Jahren noch waren die 4WD-Systeme der World Rally Cars elektrohydraulisch gesteuert. Damals konnte man praktisch auf Knopfdruck jedes gewünschte Fahrverhalten realisieren. So betrachtet, ist das rasche Fahren in einem WRC jetzt deutlich anspruchsvoller geworden.

VW Polo WRC optisch ein Kraftwürfel

Bei der Optik jedoch punktet die neue Generation der World Rally Cars. Egal ob Fiesta, DS3 oder eben Polo: Das WRC-Gewand macht aus den braven Basismodellen richtige Wuchtbrummen. Mächtige Verbreiterungen, gierige Kühlluftschlunde und stramm ausgefüllte Radhäuser - keine Frage, der kompakte Polo-Kraftwürfel macht optisch ordentlich was her.
 
Wegen seines unstillbaren Siegeshungers und wegen der Unbarmherzigkeit, mit der er seine Gegner niederkämpfte, verdiente sich der Radrennfahrer Eddy Merckx einst den Spitznamen "Der Kannibale". Dieser Ehrentitel würde auch bestens zu Sébastien Ogier und seinem weltmeisterlichen Arbeitsgerät, dem Polo WRC, passen. Zehn Siege bei 13 WM-Einsätzen (neun davon durch Ogier) und beide WM-Titel geholt hat. Mehr kann man wohl kaum erreichen - schon gar nicht in einer Debütsaison. Für die so erfolgsverwöhnte Citroën-Truppe, zuletzt fünfmal in Folge Marken-Weltmeister, blieben bloß die Krümel, die beim großen VW-Festmahl vom Tisch fielen.
 
Volkswagen-Motorsport legte 2013 in der WM einen wahren Raketenstart hin. Und wenn nicht alles täuscht, war es gleichzeitig die Initialzündung für eine neue Ära in der WM: die Vorherrschaft von VW in der Rallye-Welt. Sie könnte sehr lange andauern.

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