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Eifel Classic 2009

Eifel-Süchtig

Eifel Classic 2009 - Impressionen der Etappe "Luxemburg" Foto: Hardy Mutschler 54 Bilder

Die wunderbar verschlungenen und zumeist einsamen Straßen der Eifel können süchtig machen. Nur logisch also, dass die dritte Motor Klassik-Rallye rund um den Nürburgring und über Colmar-Berg ins Ziel nach Luxemburg führte.

14.10.2009 Hans-Jörg Götzl Powered by

Walter Röhrl ist ein Phänomen, nach wie vor. Wo immer der zweifache Rallye-Weltmeister bei dieser ersten Eifel Classic mit Christian Geistdörfer im Audi Sport Quattro Rallye auftaucht, strömen die Fans herbei, um mit dem 62-Jährigen zu plaudern und sich ein Autogramm zu holen.

Walter Röhrl signiert und pfeift auf die Wertung
 
Manche begnügen sich dabei mit einer Mütze, andere schleppen den halben Hausrat an - wie der Luxemburger Daniel Kirch, der mit sieben Röhrl-Büchern und zahllosen Fotos in seinem 1987 Urquattro zur Rennstrecke Colmar-Berg kommt, um sich alles signieren zu lassen. "Gestern habe ich Röhrl auch schon getroffen", gesteht der 41-Jährige grinsend, "aber ich habe mich nicht getraut, alles auf einmal unterschreiben zu lassen." Der Mann hat noch viel vor: Daheim warten drei Vitrinen voller Erinnerungsstücke auf Röhrls schwarzen Edding-Stift.
 
Zum Glück ist die Sammelleidenschaft der meisten Eifel Classic-Teilnehmer nicht ganz so stark ausgeprägt. Dennoch bleibt kaum eine der gut 300 verteilten Rallyekappen ohne die markante Signatur des Regensburgers. Glück auch für die 150 Teams, dass der Großmeister des Grenzbereichs bei einer Gleichmäßigkeitsrallye meist keine Ambitionen auf vordere Plätze hat: "Nein, das ist eher nichts für mich, ich genieße lieber das Fahren, die Landschaft und die schönen Autos."
 
Ein ganz heißer Anwärter auf den Gesamtsieg ist dagegen der dreifache Mille Miglia-Sieger Luciano Viaro, der von der blinden Copilotin Alessandra Inverardi geleitet wird. Die beiden Italiener fahren unter der Flagge von MITE (Miteinander, Insieme, Together, Ensemble), einer Organisation, die Sehbehinderten die Teilnahme am Motorsport ermöglichen will. Das Roadbook wurde zu diesem Zweck in Blindenschrift ausgeführt.
 
Für beinahe noch mehr Beachtung als die blinde Beifahrerin sorgt das Fahrzeug, in dem die beiden zum Start der Rallye ins alte Fahrerlager am Nürburgring rollen: Bei dem roten Lancia Fulvia Coupe handelt es sich um exakt jenen Wagen, mit dem Sandro Munari 1972 die Rallye Monte-Carlo gewann. "Hinten rechts sieht man noch deutlich die Delle von einem Felsen am Col de Turini", sagt Viaro und zeigt auf das seit 37 Jahren zerknitterte Blech.
 
Geschichtsträchtig ist auch das zweite Auto des MITE-Teams, ein Lancia Stratos, an dessen Lenkrad schon Munari, Andruet und eben auch Röhrl um Sekundenbruchteile kämpften. Heute wird der Stratos in der auffälligen Alitalia-Lackierung von dem Argentinier Daniel Claramunt und dem sehbehinderten Italiener Lorenzo Zennaro bewegt.
 
Motorsporthistorie: Vom Auto Union Typ D bis Opel Ascona B 400
 
Auch sonst herrscht an motorsport-historisch wertvollen Autos im Teilnehmerfeld kein Mangel: Opel beispielsweise hat den Ascona B 400 (klar: Röhrl/Geistdörfer) und den Manta 400 mitgebracht, Ford einen Sierra Cosworth sowie einen Knudsen-Taunus und einen 20m RS, beide mit Histo-Monte-Erfahrung, und das Porsche-Museum schickt unter anderem einen 550 Spyder ins Rennen. Audi schließlich hat nicht nur Röhrls Einsatzgefährt sowie einen Urquattro und einen Sport quattro an den Nürburgring gebracht, sondern sogar einen Auto Union Typ D Doppelkompressor. Die letzte Ausbaustufe des Zwölfzylinder-Mittelmotor Grand Prix-Wagen steht friedlich in Box fünf im Alten Fahrerlager und grüßt die Teilnehmer beim Start.
 
Das passt, schließlich war Paul Pietsch, Gründer von auto motor und sport vor 63 Jahren und von Motor Klassik vor 25 Jahren, einst Werksfahrer im Auto Union-Team; heute ist er mit 98 Jahren der letzte lebende Bezwinger der legendären Silberpfeile. Pietschs Teamkollege seinerzeit war ein junger Kerl namens Bernd Rosemeyer, der sich bald als größtes Talent zeigte, das jemals hinter einen Grand Prix-Lenkrad saß, 1936 Europameister wurde und dann auch noch das Kunststück fertigbrachte, die wohl aufregendste Frau der damaligen Zeit zu heiraten: die Fliegerin Elly Beinhorn.
 
Aus dieser Verbindung entsprang ein Sohn, der denselben Namen trägt wie der Vater und bei dessen Taufe es sich die italienische Rennlegende Tazio Nuvolari nicht nehmen ließ, die Patenschaft zu übernehmen. Heute ist Bernd Rosemeyer junior 72 Jahre jung, sitzt passenderweise in einem Audi Urquattro und kann es kaum erwarten, endlich auf die Nordschleife zu kommen.
 
Die sportlichste der drei Motor Klassik-Rallyes
 
Zuvor allerdings wird am ersten Rallyetag die Eifel nordöstlich des Nürburgrings in Richtung der Benediktinerabtei Maria Laach erkundet. Und schon nach den ersten Kilometern auf den Zählwerken der Autos zeigt sich, dass die Eifel zum Rallyefahren geradezu ideal ist: Mehr Kurven pro Kilometer gibt es in kaum einer anderen Gegend Deutschlands, zudem verhagelt Gegenverkehr nur äußerst selten die Ideallinie. "Man weiß gar nicht, warum in den Zwanzigern extra der Nürburgring gebaut wurde, es hätte gereicht, zwei oder drei Dörfer miteinander zu einem Rundkurs zu verbinden", freut sich ein Porsche-Fahrer.
 
Natürlich gibt es auch reichlich Sonderprüfungen, die zum Teil gemeinerweise ineinander verschachtelt sind, und MG PB-Pilot Günther Pilz resümiert bald: "Im Vergleich zur Silvretta und Sachsen Classic ist die Eifel Classic deutlich sportlicher." Das wiederum ist vom Team um Harald Koepke und Monika Häring auch genau so gewollt. Nicht zufällig stand Rallye-Europameister Jochen Berger bei der Streckenauswahl beratend zur Seite, die der sportliche Leiter Berthold Hantel und Jens Meinig dann in ein Roadbook gossen.
 
Der erste Tag endet schließlich mit der lange erwarteten Sonderprüfung über die 20,8 Kilometer lange Nordschleife, bei der es allerdings zusätzliche Strafpunkte gibt, wenn man den Schnitt gar zu sehr übertreibt. "Die werden wir wohl in Kauf nehmen müssen", grinst Christian Geistdörfer, bevor Röhrl mit dem 400 PS starken 2,1-Liter-Turbo zur Attacke bläst.
 
Bernd Rosemeyer wird geehrt
 
Auf der Nordschleife ist auch Bernd Rosemeyer in seinem Element. Der Professor für Orthopädie hat zwar nicht die Laufbahn seines Vaters eingeschlagen, war aber oft zu Testzwecken auf der schönsten und gefährlichsten Rennstrecke der Welt unterwegs. Und weil er nicht genug bekommen kann, legt er nach Etappenschluss noch privat ein paar Runden im Publikumsverkehr zurück. Gerade noch rechtzeitig kommt er dann ans Ende der Boxengasse der GP-Piste, wo er hinter dem Medical Center zusammen mit Nürburgring-Geschäftsführer Walter Kafitz eine Skulptur des Münchner Künstlers Thorsten Mücke zu Ehren seines Vaters enthüllt. Die Bronze-Plastik zeigt die Umrisse des Nürburgrings, einen Auto Union Typ C sowie das Antlitz des Ausnahmefahrers, der 1938 bei Weltrekordfahrten starb. Bernd Rosemeyer ist sichtlich bewegt: "Schön, dass auf diese Weise an meinen Vater erinnert wird."
 
Der zweite Tag beginnt im Prinzip, wie der erste aufgehört hat, nämlich mit einem Ausflug auf die Rennstrecke, diesmal die Grand Prix-Piste. Nicht mehr dabei ist allerdings das älteste Auto im Feld, der Premier Indianapolis Racer von 1914: Der einst tatsächlich in Indianapolis eigesetzte 7,1-Liter- Sechszylinder verfügt ohnehin nur an der Hinterachse über Bremsen, und am Abend war die Abstützung der linken Ankerplatte gebrochen. "Zum Glück ist das nicht schon auf der Nordschleife passiert", meint Besitzer Marcus Herfort.
 
Alle anderen Teams indes fräsen mit großem Gottvertrauen in ihre Bremsen über die 4,58 Kilometer lange Strecke (via Kurzanbindung ohne Dunlop-Kehre), setzen sich in einer Referenzrunde ihre Zielzeit selbst und versuchen diese dann auf die Hundertstelsekunde genau zu treffen. Macht inklusive Einführ- und Auslaufrunde knapp vier schnelle Umläufe. "Schön, dass man richtig zum Fahren kommt", stellt Rosemeyer fest.
 
Eifelstraßen animieren zum automobilen Fangen spielen
 
Anschließend geht es vom Nürburgring aus Richtung südliche Eifel nach Wittlich ins Dunlop-Testzentrum sowie nach Bitburg auf den Flugplatz, wo jeweils eine Batterie Wertungsprüfungen wartet. Das Beste aber sind wieder die Straßen dorthin und zurück an den Ring, zumal sich auch das ansonsten so launische Eifelwetter von seiner besten Seite zeigt. Da können die Teilnehmer gar nicht anders, als miteinander Fangen spielen, und selbst der deutsche Rallyemeister Harald Demuth, zusammen mit Audi-Traditionschef Thomas Frank im Sport quattro unterwegs, kommt ins Schwärmen: "Die zehn Kilometer durch den Wald von Birresborn nach Rom und von Salm nach Gerolstein gehören zu den klassischen Sonderprüfungen in Deutschland, für einen Rallyepiloten ist das wie der Nürburgring für Rundstreckenfahrer", strahlt der 59-Jährige.
 
Noch einmal geht es zurück ins alte Fahrerlager an den Ring, am dritten Morgen aber packen die Teams endgültig die Reisetaschen in die Rallyeautos und machen sich auf den Weg ins Großherzogtum Luxemburg. Und wieder verzaubern die einsamen Straßen und die wunderschöne Landschaft. "Was es in Deutschland alles gibt", wundert sich Walter Röhrl bei einem Zwischenstopp in Biersdorf am See: "Hier war ich noch nie, aber es ist sehr schön." Auf der dritten Etappe entscheidet sich auch die Gesamtwertung, und zwar bereits in der ersten Prüfung: Nachdem der Stratos von Claramunt/Zennaro bereits ausgefallen ist, läuft es auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Luciano Viaro und Alessandra Inverardi im Lancia Fulvia Coupe und Opel Classic-Chef Wolfgang Scholz sowie Hans Werner Wirth im Manta 400 hinaus.
 
Walter Röhrl überholt sie alle
 
100 Meter sind in 16 Sekunden zu absolvieren, keine große Sache eigentlich - allerdings kommt nach 60 Metern eine Linkskurve, und Viaro schießt geradeaus. Maximale Strafpunktzahl: 500. Zwar gibt es ein Streichergebnis, aber das kommt auch der Konkurrenz zugute, und am Endergebnis von 169 zu 184 Punkten kann auch die letzte Prüfung auf der 2,63 Kilometer langen luxemburgischen Rennstrecke Colmar-Berg nichts mehr ändern.
 
Walter Röhrl dagegen sammelt auch in Colmar-Berg wieder als Schnellster jede Menge Strafpunkte, geht innen und außen an allen vorbei und hat am meisten Spaß. Die so überholten können sich auf die gleiche Weise trösten wie eine Gruppe moderner Porsche GT3-Fahrer, die er jüngst am Berg mit einem 550 Spyder von 1956 im Regen außen überholte. Die GT3-Piloten wollten eigentlich schon ihre Lizenzen zerreißen und die Autos anzünden, schauten aber bei einem Stopp sicherheitshalber noch mal nach, wer denn in dem Spyder saß. Um erleichtert zu erkennen: "Gott sei Dank, es ist der Walter Röhrl."

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